Über Zürich thronen
Auf dem Hügel Monte Diggelmann überblickt man die Stadt Zürich. Alles scheint unter einem – wehe, wenn es doch auf einmal vor einem steht.
«Ich komme gerne hierher», denke ich auf der Parkbank des Monte Diggelmanns, dem Hügelchen oberhalb des Campus Irchel. Zwischen Kinderwägen, alten Pärchen und unbekümmerten Kiffern schaue ich in die Ferne. Das Buch auf meinem Schoss ist mehr Inszenierung als Interesse. In meinen Ohren dröhnt das Album von OG Keemo: «Mann beisst Hund». Hunde und ihre Besitzer*innen sehen sich beängstigend ähnlich. Ob sie den Hund ausgesucht haben oder der Hund sie? In der Psychologie spricht man vom «mere exposure effect», glaube ich selbstgefällig zu wissen, während sich vor meiner Parkbank zwei Spaziergänger mit Hunden beschnüffeln.
Immer wieder keuchen Polyester-Gestalten in Hokas oder Nikes den Hügel hoch. Jogger*innen zerren ihre Füsse auch bei grauem Wetter aus den bodenbeheizten Stuben ihrer Einfamilienhäuser. Wenn nur diese bedrückenden Wolken nicht über der Stadt hängen würden, könnten sie, wenn sie denn die Zeit fänden, von hier oben das «Vrenelisgärtli» sehen. Jener Gipfel, auf dessen Firnfeld die kleine Verena als Strafe ihrer frivolen Versuchungen von Gott verschneit wurde. Wie tief die Schneehänge des «Vrenelisgärtli» reichten, als ich noch klein war, daran erinnere ich mich nicht mehr.
In meiner Erinnerung hingegen hat sich der Monte Diggelmann nie verändert. Der Hügel meiner Parkbank, auf dem wir im Winter schlitteln waren und im Herbst Drachen steigen liessen. Aber das war nicht immer so. «Verehrte Gemeindeversammlung, ich appelliere an ihre Vernunft», so etwa stelle ich mir den Einstieg von Walter Diggelmanns Rede vor. Seinerzeit wehrte sich der freisinnige Lokalpolitiker und NZZ-Redaktor vehement gegen die Erweiterung der Universität Zürich in den 1970er-Jahren auf dem Gelände des Irchels.
Ohne Erfolg. Die Volksabstimmung zum Bau des Campus auf dem Irchel wurde deutlich angenommen. Allerdings setzte er sich dafür ein, dass dem Irchelpark mit seinen Teichen, Biotopen und Wiesen ein Stück Natur erhalten blieb. So wurde auch der kleine Hügel, der aus dem Aushub der neuen Uni-Gebäude entstand und wo jetzt meine Parkbank steht, nach Walter Diggelmann benannt. Als kleine Ehrwürdigung oder kleines Gespött. Der Monte Diggelmann, der über dem Quartier Oberstrass thront, auf de sich SUV-Gesichter und Kleinkinder, Studis und Betagte in die Quere kommen.
Wir, die Besitzenden
Nicht anzutreffen sind bis anhin jene, die nicht ins Bild des «Züribergs» passen: Randständige und Menschen aus ökonomisch benachteiligten Schichten. Niemand hat ihnen verboten,
hier oben zu sein, auf meiner Parkbank zu sitzen und die Aussicht zu geniessen. Sie kommen schlicht nicht hier hoch. Denn Freizeit muss man sich leisten können. Der «Züriberg» ist wie eine Festung. Wo ein Einfamilienhaus mit 4.5 Zimmern 3.5 Millionen Franken kostet. Wo eine Familie im Durchschnitt 1.75 Millionen steuerbares Vermögen besitzt. Das sollte sich ändern, als die Stadt Zürich beschloss, das ehemalige Senior*innenheim am Fusse des Monte Diggelmanns temporär umzunutzen. Seit etwa zwei Jahren befindet sich dort das Zentrum für stationäre Wohnintegration, eine Anlaufstelle für Randständige. Die Marginalisierten versetzen die biederen Leute in Angst und Schrecken. Nicht, weil sie die Leute des Züribergs besonders stören würden, sondern weil ihre blosse Anwesenheit, ihr Fremdsein, als Anmassung empfunden wird. So heisst es, «Nöd, dass da no e zweiti Bäckeralag entstaht» oder «Die sötted lieber id Ussequartier».
Unsere Solidarität reicht offensichtlich nicht bis vor unsere Haustür, selbst wenn diese von einem grossen Zaun umgeben ist. Wir Besitzenden können das Elend zwar anstiften, aber sehen können wir das Elend nicht. Doch auch wenn das Züriberg-Selbstbild einen Riss bekommen hat, habe ich heute keine Randständigen auf dem Monte Diggelmann gesehen. Von meiner Parkbank aus wirkt die Stadt so geordnet wie immer.