Kann Mann alles haben?

Sexkolumne — Hier berichtet unsere Sexkolumnistin aus fremden Betten über vertraute Geschehnisse.

Anahí Frank (Illustration) und Redaktion (Text)
17. November 2025

Performativ? – Der Psychologe gab mir ein Bier aus, bestellte sich selbst einen Apple Martini und redete über Sexismus in der Medizin. Dann drängte er mich an den Rand des Sofas, zwängte seinen Arm hinter meine Schultern und küsste mich, als ich mein Gesicht nicht mehr wegdrehen konnte.

Der Grafik-Design-Student sagte beim ersten Date: «Als bisexueller Mann weiss ich ja, wie Männer sein können!» und «Echt schlimm, dass die grösste Gefahr von Bekannten ausgeht.» Dann «begleitete» er mich gegen meinen ausdrücklichen Willen bis vor meine Haustüre. Der Informatiker lag nackt in meinen Armen und weinte, weil er nach seiner Knie-OP ein paar Monate kein Fussball spielen durfte. Dann fragte er nach penetrativem Sex, ich sagte Nein, er versuchte es trotzdem und liess erst von mir ab, als ich ihn mit beiden Händen wegstiess.

Männer, die sich so verhalten, haben verstanden, was ich schon lange sage: Feminismus nützt auch Männern. Dank dem Feminismus kriegen sie von mir eine Einladung zum Essen, anregende Diskussionen, ein offenes Ohr für ihre Verletzlichkeit, aussereheliche Blowjobs... Und wenn das nicht reicht – wenn sie doch mal wieder eine Pussy oder ihre Männlichkeit spüren wollen – sind meine Abwehrmechanismen dank Beauvoir-Zitaten und «Deep Talks» schon so weit heruntergefahren, dass ich mich nur zögerlich gegen ihre Übergriffe wehre. Danach sitze ich mit meinen Freund*innen in der Bar und verfasse eine mehrzeilige Antwort auf «Heyy, treffen wir uns wieder?», um ihnen zu erklären, dass sie übergriffig geworden sind und ich deshalb keine Lust mehr habe. Mit Begriffen aus Büchern über Consent, die sich an Männer richten und die sie anscheinend nicht gelesen haben.

Liebe Männer: Ich will nicht, dass ihr aufhört, die feministischen Errungenschaften zu geniessen. Schlagt euch damit den Bauch voll. Ich erinnere euch nur daran, dass ihr bei dem ganzen Heisshunger allzu oft eines der leckersten Stücke vergesst, die das feministische Buffet zu bieten hat: Einvernehmlichen Sex mit gegenseitigem Respekt. Oder wie attraktive Menschen es nennen: Sex.