Einsamkeit
Kira* ist neu in der Stadt Zürich, hat dieses Semester ein Studium an der ETH begonnen und erzählt von ihren Erfahrungen mit Einsamkeit: «Einsamkeit bedeutet für mich, wenn ich mich von anderen Menschen abgeschottet und isoliert fühle. Es ist jedoch nicht das Gleiche wie Alleinsein. Wenn es mir gut geht, dann bin ich auch sehr gerne mit mir allein.» Dieses Gefühl der Einsamkeit zeigt sich überall auf der Welt. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Juni 2025 fühlt sich weltweit jede sechste Person einsam. Damit verzeichnet die WHO in den Jahren eine deutliche Zunahme. Eine bekannte Studie postuliert: Einsamkeit sei so schädlich wie täglich 15 Zigaretten zu rauchen. Die WHO bezeichnet sie als globale, gesundheitliche Herausforderung mit schwerwiegenden Folgen. Obwohl sich einige unter Einsamkeit eine ältere Person allein im Restaurant vorstellen, sind besonders Jugendliche und junge Erwachsene davon betroffen.
Social Media und weitere Ursachen
Timon Elmer hat in Psychologie promoviert und forscht momentan zum Thema Einsamkeit bei jungen Erwachsenen. Er bestätigt: «Einfach ausgedrückt: Man fühlt sich einsam, wenn man mit seinem Sozialleben unzufrieden ist.» Dabei sei Einsamkeit und das Bedürfnis nach sozialen Kontakten ganz individuell.
Oft werden die sozialen Medien als Ursache für die Einsamkeit unter Jungen verdächtigt. In der Forschung sei man sich laut Elmer darüber aber uneinig: «Insgesamt sind die Zusammenhänge zwischen der Nutzung von sozialen Medien und Einsamkeit oder Wohlbefinden eher gering.» Entscheidend sei, wer sie nutzt: Menschen, die bereits einsam seien, könnten möglicherweise durch die Nutzung noch einsamer werden. Kira erzählt, dass sie seit einem halben Jahr kein Instagram mehr nutze. Dadurch habe sie gelernt, mehr bei sich selbst zu sein und den Fokus auf die Welt offline zu setzen. Dies tue ihr gut.
Einsamkeit bei jungen Menschen hat viele Gesichter und Ursachen, meint Elmer. Wachsender Individualismus und leistungsorientierte Gesellschaftsstrukturen gehören dazu und werden als Erscheinungen unserer Zeit rege diskutiert. Dadurch fühlen sich junge Menschen ständig unter Stress. Das Gefühl «keine Zeit zu haben» dominiert. Dies kann zu Überforderung führen und damit zu weniger Kapazität, um soziale Beziehungen pflegen zu können.
Zur Frage, wie einsam sich die Menschen in Zürich fühlen, nennt Elmer Zahlen aus einer Befragung der Stadt Zürich aus dem Jahr 2016, wobei 35 Prozent der Befragten aus dem Kanton Zürich angaben, sich manchmal oder häufig einsam zu fühlen. Zudem zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen: Personen mit tieferem Einkommen berichten häufiger von Einsamkeit. Schweizweit zeigt das Bundesamt für Statistik, dass Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls deutlich häufiger betroffen sind als Personen ohne. Auch global seien marginalisierte Gruppen gemäss der WHO überdurchschnittlich betroffen – darunter Migrant*innen, Menschen mit Behinderungen oder Individuen der LGBTQ-Community. Einsamkeit ist damit kein rein individuelles Empfinden – strukturelle Barrieren erschweren soziale Verbindung. Aber Hoffnung besteht: Zahlreiche Ansätze, um Einsamkeit zu verringern, werden auf individueller sowie gesellschaftspolitischer Ebene formuliert.
Konsequenzen von Einsamkeit
«Menschen, die sich über längere Zeit einsam fühlen, sind einem erhöhten Risiko für körperliche und psychische Gesundheitsprobleme ausgesetzt», erklärt Elmer. Dazu gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen oder sogar eine höhere Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben. Die WHO schätzt: Einsamkeit ist für etwa 871'000 Todesfälle jährlich verantwortlich.
Auch Kira beschreibt, wie trügerisch der Umgang mit Einsamkeit sein kann: «Man kann sich teilweise daran gewöhnen und dadurch irgendwie eklig fühlen.» Einfach so weiterzumachen, als wäre alles gut, mache es jedoch nur noch schlimmer.
Doch das Problem der Einsamkeit betrifft nicht nur das Individuum, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Laut der WHO untergräbt Einsamkeit Bildung, erschwert Arbeitsbeschäftigung und belastet Gesundheitssysteme. Erste grobe Berechnungen für einzelne Länder zeigen, wie hoch die enormen ökonomischen Kosten sein könnten. Wachsende Einsamkeit schwächt somit den sozialen Zusammenhalt und stellt eine strukturelle Herausforderung dar.
Wichtigkeit von sozialer Verbundenheit
So schädlich Einsamkeit sein kann, so zentral ist die soziale Verbundenheit. «Die Qualität von sozialen Beziehungen spielt für mich eine grosse Rolle. Grosse Gruppen können auch Spass machen, aber hier fehlt mir manchmal ein Gefühl der Tiefe.» Für Kira sei eine gute Freundin wichtiger, mit der man viel teilen kann, statt viele oberflächliche Kontakte. Dabei können kleine Gesten Grosses bewirken: «Letztens hat eine Freundin im Wohnhaus für alle Muffins gebacken. Als ich selbst gebacken habe, legte ich ihr einen auf die Seite. Das nächste Mal tat sie das Gleiche für mich. Das hat mich unheimlich gefreut.» Es sei ein schönes Gefühl zu spüren, dass es jemandem wirklich wichtig ist, wie es einem geht.
Auch Elmer verdeutlicht, wie soziale Beziehungen als Puffer fungieren können. Sie helfen uns, gesünder zu leben, besser mit Stress umzugehen und emotional schwierige Situationen einzuschätzen. Fehlen solche Beziehungen, könne Stress hingegen oft länger bestehen bleiben und damit Körper und Psyche langfristig belasten.
Was hilft?
Elmer erklärt: «Ich würde dazu raten, offen mit nahestehenden Personen über Einsamkeitsgefühle zu sprechen.» Es sei ein Zeichen von Stärke, auch schwierige Gefühle ansprechen zu können. Die Forschung zeigt, dass es hilfreich sein kann, andere direkt und konkret um Unterstützung zu bitten.
Auch Kira meint: «Teilen hilft – aber das braucht viel Mut, da Einsamkeit teilweise immer noch ein Tabuthema ist.» Kira wünscht sich, dass Menschen erstmals einfach zuhören: «Man muss nicht den Anspruch haben, diese Gefühle sofort lösen zu können. Es reicht, einfach für die Person da zu sein, und gemeinsame Dinge zu planen, worauf man sich freuen kann.» Psychotherapie habe Kira ebenfalls geholfen, wobei ihr bewusst sei, dass dieses Angebot nicht allen zugänglich ist. Ebenso helfe Routine. Sie und ihre Freundin aus dem Wohnhaus würden nun jeden Sonntagabend etwas zusammen backen. Solche regelmässige Kontakte mit anderen Menschen seien wichtig. Elmer meint, dass es neben wirksamen Psychotherapiemethoden auch viele niedrigschwellige Angebote gibt, etwa digitale Ressourcen wie das Einsamkeitsdossier von Pro Mente Sana, die dargebotene Hand (143) mit Telefon- oder Chat-Beratungsfunktion, dem Mental-Health-Kafi von mindful(l) oder die Psychologische Beratungsstelle der Uni Zürich oder derETH.
Zwischen Städteplanung und Sozialpolitik
Einsamkeit macht krank. Und das weit über die individuelle Gesundheit hinaus. Deshalb müssen Massnahmen für mehr soziale Verbundenheit auch grösser gedacht werden: als Aufgabe der Gesellschaft, nicht nur des Einzelnen. Es steht in der Verantwortung der Politik, Strukturen zu schaffen, in denen alle Platz haben, um Verbundenheit zu leben. Dies sollte auf jeglichen Ebenen einfliessen, von der Planung unserer Städte bis zur Gestaltung unserer Sozialpolitik. Denn wo bleibt Zeit für Verbundenheit in einer Gesellschaft, die uns unter ständigen Leistungsdruck setzt und die Verantwortung für mentale Gesundheit auf das Individuum schiebt? Wo bleibt der kritische Diskurs in der Psychologie, der sich mit den Strukturen auseinandersetzt, die uns krank machen? Um globale Krisen bewältigen zu können, brauchen wir soziale Verbundenheit. Also lasst uns Muffins teilen und Communities schaffen, in denen wir uns verbunden fühlen.
*Name von der Redaktion geändert.