Belebt, befleckt, beliebt
Café-Bar Kiosk - Wer um zehn Uhr morgens am Röschibachplatz vorbeikommt, erhält eine kleine Vorstellung vom Mann mit der kleinen Rotweinflasche. Warum er sich keine grosse kauft, weiss niemand. Er steht einfach da, zwischen den Ständen des Bauernmarktes, nippt und lächelt. Sobald seine Flasche leer ist, schwingt er seinen Gehstock an der Handschlaufe einmal, zweimal, dreimal um sein Handgelenk und verschwindet dann in Richtung Denner.
Manche Dinge will man gar nicht verstehen. Da würde man noch traurig werden. Man beobachtet es einfach, so wie den stillen Wandel dieses Platzes. Kinder sausen auf ihren Tretvelos vorbei, Väter rufen hinterher, halb ärgerlich, halb stolz. Jugendliche holen sich auf dem Heimweg ein Eis, bleiben kurz stehen, beobachten den Mann, der seinen Gehstock wieder um das Handgelenk kreisen lässt. Ältere Damen bestaunen den frisch gebackenen Börek, gefüllt mit Kürbis, gekauft letzte Woche am Markt. Die rauchenden Studierenden der Nordbrücke sitzen Schulter an Schulter mit den rauchenden Stammgästen des Café-Bar Kiosk Röschibach. Ein Ort der Gegensätze, des Alltäglichen und des Unerwarteten. Doch die Fassaden werden in einem Ton gestrichen, der Bahnhof wird grau renoviert, der Bauer kommt neu mit dem Kartenlesegerät. Ich sehe, wie sich etwas leise über den Platz legt. Bin ich daran schuld?
Auf einer Bank überhöre ich, wie ein älterer Herr seinen Freunden erzählt, dass er aus seiner Wohnung geschmissen wird. Er wohnt gleich um die Ecke. Renovieren und dann eine fast doppelt so hohe Miete sind geplant, die könne er nicht stemmen. Seit 20 Jahren lebt er schon hier. In seinem Korb liegen die Äpfel vom Bauernmarkt, in seiner Hand ein Blumenstrauss. Er wird wohl ausziehen müssen, wohin ist unklar. Man soll sich doch bitte umhören. So findet man in Zürich eben Wohnungen und Zimmer. Durch andere, durch Zufälle. Wie ich damals. Fast ein Jahr habe ich nach einem Zimmer an meinem Studienort gesucht. Einige Male fragte ich mich, wieso Zürich mich nicht wollte. Endlich durfte ich hier an den Röschibachplatz. Kreis eins-null. Ich bekam eine Untermiete, war quasi auf Probe da, und glücklicherweise durfte ich bleiben. Drei Jahre ist das her. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, hierherzuziehen. Und doch habe ich mich in diesen kleinen rundlichen Platz verliebt. Wie kann man auch nicht. Es gibt Dinge, die gelingen, weil andere scheitern. Dieser Platz ist so ein Ding für mich. Belebt, befleckt, schön im Unfertigen.
Ich hatte hier die beste Baklava ausserhalb der Türkei. Meinen Lieblingscroissant finde ich hier. Sträusse, die ich vom Markt nach Hause trage, bekommen immer die meisten Komplimente. Der gleiche Strauss, wie auch der Herr sie nach Hause trug. Vielleicht wohnt er längst nicht mehr hier, kann sich den Strauss nicht mehr kaufen. So sehr mir der Platz gefällt und ich ihn allen Leuten zeigen will, hinterlässt der sonst so süsse Duft seit dem überhörten Gespräch einen bittersüssen Geschmack. Ich bin genau da, wo ich sein will, aber vielleicht nicht sein soll. Ich weiss es nicht. Trost finde ich am Röschibachplatz, zwischen all den anderen, die auch einfach kurz sitzen bleiben wollen.