Auf die Besetzung folgt das Leben

Dylan Duran (Text und Foto)
20. Mai 2025

Wer gerne am Ufer der Limmat entlang schlendert, wird zwischen dem Oberen und Unteren Letten eine neue belebte Räumlichkeit finden: Eine grosse, alte, gut ’versprayte’ Halle, deren Dach von betagten Eisenträgern gehalten wird. Auf der Gegenseite sieht man Fenster, von denen  man direkt auf die Limmat blickt. Unauffällig ruhige Yogis, bissige Ping-Pong Szenis, Boulder-Äffchen, adrenalinfreudige Skateboarder und präzise Petanque-Virtuosen haben alle im ‘Burrischopf’ ein neues Zuhause gefunden. Lange stand das EWZ-Gebäude leer und wurde mehrfach von autonomen Gruppierungen besetzt. Nach wiederholter polizeilicher Räumung des Geländes einigten sich auf Anstoss der AL und Grünen die Stadt, die EWZ und ein anfangs kleiner Verein aus Wipkingen darauf, das Gebäude als «Ort für unkommerzielle Kultur und politischen Austausch» umzunutzen. 

Der «Burrischopf» steht zu fast jeder Uhrzeit kostenlos allen offen und schafft sicheren Raum für gesellschaftlich Benachteiligte. Alle, die sich an der Verwaltung der Anlage beteiligen wollen, können das. Grundlegende Verhaltensregeln sichern die Ruhe in der Halle und tragen dazu bei, den Raum für alle zugänglich zu machen. Mittlerweile ist der  «Verein Zwischennutzung Burrischopf» auf  mehr als 150 Teilnehmer*innen angewachsen, die alle ihren Beitrag zum Standort leisten. Laut Vorstandsmitglied Tobias Maier ist der Verein grösstenteils horizontal organisiert, jedoch müssen manche grössere Entscheide doch vom Vorstand gefällt werden. Auf Nachfrage zum Erfolg des Projekts sagt er: «Es ist total zum Selbstläufer geworden». Einen Haken gäbe es jedoch. Diesem Projekt, in das Zeit, Geld und Herzblut geflossen ist, wurde schon zu Beginn ein Ablaufdatum gesetzt, und zwar voraussichtlich Ende 2026. 

Zwischennutzungen sind künstliche Erzeugnisse 

In Zürich blühen sie regelmässig auf, wie Frühlingsblumen auf dem Brachland: Zwischennutzungen. Mal ist es eine leerstehende Halle, mal eine alte Wäscherei, mal eine ungenutzte Brache, stets Orte, die sich finanziellen Mehrwert nicht zum Ziel setzen. Dadurch hat ihr Angebot ganz andere Anreize, nämlich der Bereicherung der Gemeinschaft. Ein paar Jahre lang darf hier Kultur entstehen, Nachbarschaften vernetzen sich, es wird getanzt, gemalt und genossen. Nach ein paar Jahren müssen sie aber weichen. Der «Burrischopf» scheint der nächste Ort zu sein, der diesen Prozess durchlaufen wird. Um zu verstehen, was hier gerade passiert, lohnt sich ein Blick zurück – in eine Stadtpolitik, die sich seither mehrfach neu erfunden hat.

 Die Zwischennutzung ist eine Erfindung der Politik und  in einem historischen und gesetzlichen Rahmen zu verstehen. Im Gespräch erzählt  Professor und Stadtforscher Christian Schmid, wie sich diese Politik über die Jahre entwickelt hat. Begonnen hat sie  in den 80er-Jahren, als die Zürcher Polit-Landschaft noch anders aussah. Schmid beschreibt die Verhältnisse  damals als «engstirnig und konservativ». Es galten strenge Regeln, wie man sich im öffentlichen Raum zu verhalten hatte. Als Gegenreaktion zu dieser Engstirnigkeit äusserten Jugendliche das Bedürfnis nach Räumen, in denen sie sich frei entfalten konnten. Sie wollten Orte, die selbstverwaltet waren, in denen man sich an wenige oder keine Normen der bürgerlichen Gesellschaft halten musste und somit an Modellen einer alternativen Gesellschaft arbeiten konnte. Ungefähr zwei Jahre lang gab es laut Schmid durch wöchentliche Kundgebungen so etwas wie «Dauerprotest». Somit habe sich die Jugend eine neue «Urbanität» erkämpft und ruckartig die Städtepolitik beeinflusst.

Seit 1990 regierte in Zürich eine Rot-Grüne Regierung, deren Positionierung eine Wende darstellte. Heute stellt die Stadt die wenigen Räume, die ihr gehören und noch leer stehen, oft über die «Raumbörse» für gemeinnützige Projekte zur Verfügung. Mit dieser Plattform versucht die Stadt seit 2006 das kulturelle Leben in Zürich zu bereichern und setzt sich damit ein nobles Ziel. Wie der Stadtforscher Schmid erklärt, hat sich die Haltung der Stadtpolitik seit den 1990er-Jahren grundlegend verändert: Wo früher Freiräume erkämpft werden mussten, würden sie heute von der Stadt «kuratiert». Urbanität werde gezielt hergestellt, geplant und vermarktet – und verliere dabei oft ihren widerständigen Charakter. Seit den 1990er-Jahren setzt die Stadt zudem vermehrt auf Zwischennutzungen, die einst Ausdruck einer urbanen Protestkultur waren, heute aber als geplante Zwischenlösungen Teil der Stadtentwicklungsstrategie sind. Laut Schmid trage diese Praxis dazu bei, dass Freiräume zwar kurzfristig belebt, aber langfristig aufgewertet und damit Verdrängungsprozesse beschleunigt würden. «Es gibt eine Tendenz, dass die Stadt solche Freiräume zu domestizieren versucht», meint Schmid. Die Stadt schaffe zwar Orte für Kultur, dulde sie aber meist nur temporär. Gleichzeitig würden die verfügbaren Räume für solche Projekte schwinden, während die Mietpreise rundum steigen.

Langfristige Kulturorte werden immer rarer

Es ist ein wiederkehrendes Muster in Zürich: Die Stadt stellt einen Ort zur Verfügung – oft leerstehend, oft befristet. Dort darf für eine Weile selbstverwaltete Kultur, Gemeinschaft und Leben entstehen. Das Quartier wird dadurch lebendiger, vielfältiger und für viele attraktiver. Genau das merken auch Immobilienbesitzer*innen und Investor*innen. Die Umgebung wird aufgewertet, die Nachfrage steigt und mit ihr die Mieten. Doch der Zwischennutzungsvertrag läuft irgendwann aus. Die Menschen, die den Ort aufgebaut und geprägt haben, müssen gehen. Zurück bleibt ein Quartier, das teurer geworden ist und in dem sich viele das Wohnen nicht mehr leisten können.

Permanente Kulturorte, wie Gemeinschaftszentren und die Rote Fabrik in Wollishofen sind vorhanden. Diese produzieren keinen berechenbaren finanziellen Mehrwert, sondern bereichern das Zwischenmenschliche und die Ästhetik der Stadt in Form von schönen Gemeinschaftsräumen. Sie zeigen, dass die Bereicherung nicht zwingend Hand in Hand mit einer Aufwertung und Teuerung der Umgebung einhergehen muss. Die Zwischennutzung könnte umgedacht werden. Denkbar wäre es, dass bestehende und neue Zwischennutzungen in der Stadt, die sich bewähren, permanent bleiben dürfen. Dass über solche Orte diskutiert und an Lösungen gefeilt wird, um die Stadt sozial und ökologisch nachhaltig zu verschönern, ohne sie zwingendermassen zu verteuern. Es könnte ein Ort entstehen, an dem Einwohner*innen Platz bekommen, ihre Wünsche zu äussern und dann in konkreten kleinen Utopien umzusetzen können.  Im Fall des «Burrischopfs», soll nach Umbau der Halle im 2026 eine Energiezentrale des städtischen Energiekonzerns EWZ hineinkommen. Die Frage ist, ob die Vorteile einer neuen Energiezentrale, die eines lebendigen Kulturorts mitten in Zürich überwiegen. Vielleicht lohnt es sich also, beim nächsten Spaziergang am Wasser kurz stehen zu bleiben, sich hinzusetzen, einen Pingpong-Ball zu jagen, mit Fremden zu reden, sich von der Hallenakustik oder der schlichten Tatsache berühren zu lassen, dass hier Menschen gemeinsam etwas schaffen, ohne dabei Profit schlagen  zu wollen. Denn was hier blüht, ist mehr als Freizeit oder Zwischennutzung. Es ist das, was in vielen Strategiepapieren zur «nachhaltigen Stadtentwicklung» zum Ziel steht, nur ohne PowerPoint, ohne Eintrittspreis, ohne Marketing. Vielleicht wäre es an der Zeit, nicht mehr bloss nach Orten für Utopien zu suchen, sondern sie dort, wo sie bereits aufblühen, einfach mal längerfristig wachsen zu lassen.