Bild: Universal Pictures Switzerland

Auf der Suche nach Heimat

«The Brutalist» erzählt die fiktive Geschichte von László Tóth, der nach dem Holocaust in den USA seinen Neuanfang sucht. Ein Epos, das täuschend real wirkt.

17. April 2025

Film – Grob werden wir aus dem Schlaf gerissen. Wir befinden uns an einem dunklen, modrigen Ort. Um uns herum herrscht chaotisches Treiben. Orientierungslos folgen wir dem Mann, der uns weckte, durch die Menschenmasse, während die Geräuschkulisse anschwillt. Nach schier endlosem Gedrängel stossen wir eine Tür auf und springen ins Helle. Zusammen mit László Tóth und begleitet von tosendem Blasorchester treffen wir mit dem Schiff in New York ein. Voller Freude drehen wir uns umher, blicken gen Himmel und entdecken dabei die Freiheitsstatue. So schön dieser Anblick ist, so viel Unheil verspricht er, denn die Statue steht auf dem Kopf.

Als der Film «The Brutalist» mit dieser Szene begann, versank ich berührt im Kinosessel. Einen solch ergreifenden Anfang hatte ich schon lange nicht mehr im Kino gesehen. Spannungsgeladen und mitreissend deutet uns die Ouvertüre in den ersten Minuten das Thema des Films an. In den darauffolgenden Stunden wird dieses Thema mit einer grossen Liebe zum Detail ausgearbeitet. Geschickt verpackten es Regisseur Brady Corbet und Autorin Mona Fastvold in die Geschichte eines Architekten.

Den ungarischen Bauhaus-Architekten László Tòth (Adrien Brody) zieht es nach dem Horror des Holocausts in die Vereinigten Staaten, im Glauben, sich dort eine bessere Zukunft aufzubauen. Sein Genie wird vom Grossindustriellen van Buren (Guy Pearce) entdeckt, der László nicht nur unter seine Fittiche nimmt und ihm hilft, seine Frau Erzsébet (Felicity Jones) nach Amerika zu holen, sondern ihn auch mit der Planung eines riesigen Community-Centers beauftragt. Der Bau dieses Gebäudes stellt sich allerdings als alles andere als traumhaft heraus.

Adrien Brody macht das Narrativ des Einwanderers und seinen Träumen greifbar und lässt uns sein brutales Schicksal miterleben. Er spielt László so nuanciert, dass wir seine Emotionen erahnen können, forciert sie jedoch nicht. Er ist der perfekte László, mit allen Imperfektionen, Licht- und Schattenseiten, die ihm diese extreme Charaktertiefe geben, weshalb er auch zurecht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Felicity Jones und Guy Pearce spielen ebenfalls absolut oscarwürdig, obwohl sie ihre Figuren auf so unterschiedliche Art porträtieren. 

So spielt Guy Pearce van Buren theatralisch und exaltiert eine zugegeben etwas stereotype Darstellung eines Grossindustriellen der 1950er-Jahre. Das macht, betrachtet aus der Sicht Lászlós, aber durchaus Sinn, denn aus seinen Augen ist van Buren genau das. Ganz anders Felicity Jones, die ihre Rolle so überzeugend spielt, dass man beim Schauen nie die Schauspielerin vor Augen hat, sondern die selbstbewusste und ruhige Erzsébet. Diese unterschiedlichen Darstellungen harmonisieren und erwecken nie den Eindruck von Unstimmigkeit. Sie funktionieren, weil die Figuren faszinieren und ihnen genug Platz eingeräumt wird, sich zu entfalten.

Genauso faszinieren die Bilder, die der Kameramann Lol Crawley an die Leinwand malt. Sie haben nicht nur analogen Charme, sondern scheinen nahezu fassbar. Aufnahmen, in denen wir förmlich an László kleben, lassen uns an jedem seiner Gefühle teilhaben, wohingegen die grossen, weiten Bilder uns Freiheit und epische Grösse vermitteln. Die Musik von Daniel Blumberg rundet das Bild ab, untermalt die Intensität der Momente und bringt uns die Gefühlswelt der Charaktere manchmal tosend, manchmal ganz zart nahe.

Corbet hat mit «The Brutalist» einen zeitlosen Klassiker und mühelos einen der besten Filme jemals erschaffen. Ich möchte allen ans Herz legen, sich dieses Meisterwerk im Kino anzuschauen und László bei seinem Kampf zu begleiten, in einem fremden Land akzeptiert zu werden.