Lustig und ein bisschen ernst
Eine Collage mit «Daddy Böhmi»-Aufschrift, eine KI-Stimme als Gott und ein Satiriker, der auch Sänger ist – ein Fan Girl in der schrägen und doch berührenden Welt von Jan Böhmermann.
Ich stehe auf Gleis fünf am Hauptbahnhof. Es ist zwei Minuten vor drei und ich friere. Aufgeregt hatte ich zuvor, noch in der warmen Uni sitzend, die Zugverbindungen Saarbrücken-Zürich herausgesucht. Dort war nämlich der letzte Tourstop von Jan Böhmermann, bevor er mit dem Rundfunktanzorchester Ehrenfeld ein Konzert in The Hall in Dübendorf spielen sollte. Nun warte ich hier. «Ich bin Fan seit neun Jahren. Das ist schon alles okay», ist mein Mantra, das ich mir immer wieder selbst aufsage, bis die zwei Minuten vorbei sind, und um Punkt drei der Zug aus Saarbrücken einfährt.
Das Konzert am Tag darauf nimmt die Besucher*innen mit einem riesigen roten Vorhang mit der Aufschrift «BÖHMERMANN IST SCHULD» entgegen. Es öffnet sofort den Rahmen dafür, dass sich Böhmi halbironisch als Projektionsfläche anbietet. Vor allem Pärchen in ihren Dreissigern machen Selfies vor dem Schriftzug. Das Publikum wirkt wie eine homogene Masse bestehend aus Millennials, die selbst gerne im Fernsehen arbeiten würden. Hier und da haben sich auch ältere Generationen eingemischt, die sich belustigt an ihrem halben Liter Bier festhalten. Auch die wenigen Gen-Z erkennt man sofort. Eine besonders coole Gruppe an Leuten hat sich Merch gebastelt. Darauf zu sehen ist eine Collage von Jan Böhmermann mit der Überschrift «Daddy Böhmi». Da wären wir wohl wieder bei Projektionsflächen. Bei meiner Vorfreude vergesse ich die Person zu fragen, ob ich auch eines haben kann. «Wenn Du das liest, meld’ Dich bei mir!»
Das Konzert beginnt mit einem KI-generierten Voiceover. Man hört die Stimme von William Cohn, dem ehemaligen Sprecher und Sidekick des Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann. Er kündigt sich als Gott an und erzählt davon, dass dieser Abend unser Eskapismus aus der schwierigen Weltlage sein soll. Das ist lustig und ein bisschen ernst gemeint, so wie alles bei Böhmi immer lustig und ein bisschen ernst gemeint ist. Es lässt einen aber irritiert zurück, weil William Cohn bereits nicht mehr lebt. Es ist schwierig sich auf das Konzert einzustellen. Bei den vielen Lichtern, der lauten Musik und den vielen Menschen in der Halle und auf der Bühne klappt es dann doch noch. Vielleicht ist genau das die Essenz von Böhmermanns Schaffen: Das Lustige und Tragische darf nicht nur, sondern muss gemeinsam auf einer Bühne stattfinden. Das irritiert und polarisiert und regt eindeutig zum Nachdenken an.
Die Songs, die performt werden, sind die, die in den letzten fast zwölf Jahren der ZDF-Sendungen mit Jan Böhmermann entstanden sind. Das bekannteste unter ihnen: «Ich hab Polizei». Die Musik bedient alle Genres: Mal ist es Musical, mal Singer/Songwriter, Chanson, Rap, Rock oder Pop. Alle Songs werden gespielt von den fünfzehn begabten Musiker*innen des Rundfunktanzorchester Ehrenfeld und gesungen von Böhmermann selbst. Die unterschiedliche Musik, die wunderbare Performance der Musiker*innen und der Humor von Böhmi machen den Abend aufregend und einzigartig.
«Ich bin Fan seit neun Jahren. Das ist schon alles okay», denke ich mir, als Jan Böhmermann mir tatsächlich am Gleis entgegenläuft. In seiner grünen Jacke mit der Kapuze oben erkennt ihn niemand und er scheint unter all den anderen Männern zu verschwinden, die sich auf dem Perron tummeln. Das ist der Moment, auf den ich gewartet habe. Entschlossen gehe ich auf ihn zu. Ich schwafle etwas davon, dass ich ein riesengrosser Fan bin und er sagt auch irgendwas zu mir. In der absoluten Euphorie vergesse ich im Nachhinein, was wir genau miteinander gesprochen hatten. Aber ich habe Worte mit ihm gewechselt und dazu ein ganz tolles Foto.