Zürcher Studierendenzeitung

(K)ein Sprung ins kalte Wasser

Neu ist die Badi Utoquai auch im Winter offen. Jenny Nüesch hat sich über die Risiken informiert und langsam ins kalte Wasser vorgetastet.

Kalt, kalt, kalt – okay, Zähne zusammenbeissen! Ein Schritt die Treppe runter, dann zwei, dann drei. Und plötzlich ist es so weit: Die schimmernde Seeoberfläche schmiegt sich an meinen Körper, umgibt mich, lässt mich innehalten. Die ersten unsicheren Bewegungen: Zehenspitzen vor Zehenspitzen – peinlich vorsichtig, um ja nicht tiefer einzutauchen als nötig. Macht man das so? Egal! Ich lasse mich bis zu den Schultern ins Wasser gleiten und beginne zu schwimmen. 

Mehr denn je wird über Winterschwimmen geschrieben. Doch was hat es mit der Trendsportart auf sich? Potenzielles neues Hobby für Normalsterbliche oder doch nur etwas für Eisbären und Adrenalinjunkies? Wer sich mit Winterschwimmen beschäftigt, erfährt schnell, dass es viele Risiken mit sich bringt. Durch die tiefe Temperatur des Wassers gerät der Körper unter Stress. Zunächst ist ein Kälteschock die grösste Gefahr. Dieser äussert sich zum Beispiel durch unkontrolliertes Atmen. Wer längere Zeit im Wasser bleibt, riskiert zudem eine Unterkühlung. Sogar nachdem man aus dem Wasser gestiegen ist und vermeintlich sicher an Land sitzt, kann es zu einer Unterkühlung kommen, denn die Körpertemperatur kann auch in diesem Moment noch weiter fallen. Dieses Phänomen nennt sich «Afterdrop». Dennoch kann Winterschwimmen auch viele Vorteile mit sich bringen. So soll es zum Beispiel das Immunsystem stärken und psychischen Stress reduzieren. Ausserdem beginnt der Körper Endorphine auszuschütten, was zu einem natürlichen High führen kann. Hinzu kommen zahlreiche weitere Vorteile, von denen allerdings ein Grossteil nicht wissenschaftlich belegt ist. 

Zuerst Dokumente unterschreiben

Eines schönen Sonntags ist es so weit: Ich mache mich auf den Weg zum Winterschwimmen. Fröstelnd stehe ich an der Haltestelle. Eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität treibt mich ins Tram. Schon bin ich in der Nähe des Sees. Nur wenigen Minuten muss ich laufen, dann bin ich am Ziel. Ein kleines Schild macht auf das Winterbaden aufmerksam. Die Leute, die mir entgegenkommen, bedanken sich voller Freude bei den Angestellten am Eingang. Es kann also gar nicht so schlimm sein, denke ich mir. 

Doch da habe ich mich zu früh gefreut, denn bevor auch ans Schwimmen gedacht werden kann, muss unzählige Male bestätigt werden, dass ich mir der zahlreichen Risiken bewusst bin, die Winterschwimmen mit sich bringt. Eine schöne Begrüssung!

Nach zahlreichen «ich bestätige, dass…» lauert bereits die nächste Enttäuschung: Nur wer ein Abo löst, und Mitglied der Swiss Cold Training Association wird, darf sich in die Nähe des Wassers begeben. Der gesamte Prozess ist langwierig und nimmt mir die Vorfreude. Doch irgendwann ist auch das letzte Dokument unterschrieben und das Abenteuer kann beginnen. 

Benommen, aber euphorisch

Ein seltsames Gefühl sich der schützenden Winterjacke zu entledigen. Soll ich wirklich? Das Frottiertuch schützend umklammernd starre ich gebannt auf das Wasser. Es sieht so normal aus. Wäre nur dieser eisige Wind nicht. Alles überlegen hilft nichts. Jetzt oder nie! Ich steige ins Wasser.

Kalt, kalt, kalt – oder etwa doch nicht? Ich bin mir unsicher, weiss nicht, was ich fühle. Nach einigen Runden steige ich schon aus dem Wasser. Beflügelt nehme ich die erste Stufe in Angriff und stolpere beinahe die Treppe hoch. Die Schwerkraft verhält sich also immer noch gleich… 

Schnell ziehe ich mich um. Eine mühsame Angelegenheit, denn alles ist steif und kalt. Nachdem auch diese Aufgabe gemeistert ist, schaue ich den Leuten im Wasser zu. Wie Haie im Aquarium kreisen sie im Aussenbereich des Seebades. Einzig ein an Bojen befestigtes Seil trennt sie vom offenen See. Meine Sitznachbaren bieten mir Tee an, den  ich dankend annehme. Mit dem Tee breitet sich neben Wärme ein neues Gefühl in mir aus: Freude. Ich kann nicht anders, als strahlend am Ufer zu sitzen. Am liebsten würde ich nach Hause hüpfen! Ob mein Immunsystem durch den Sprung ins kalte Wasser wirklich stärker geworden ist, kann ich nicht beurteilen. Dennoch ich fühle mich unaufhaltsam, so frei wie schon lange nicht mehr.