Zürcher Studierendenzeitung

Bild: NBC Television

Finstere Sujets, subtiler Humor

Die Regisseurin Elaine May hatte mit keinem ihrer Filme Erfolg. Grossartig sind sie alle.

Elaine May hat als Regisseurin vier Filme gedreht, mindestens zwei davon waren Kassengift, einer hat ein ganzes Filmstudio ruiniert, grossartig sind sie alle und verdienen unbedingt eine Wiederentdeckung. Berühmt wurde May als Teil eines Stand-Up-Comedy-Duos mit Mike Nichols. Ihre Broadway-Auftritte waren 1957 ein Novum, eine stark improvisationsbasierte Comedy mit Akzent nicht so sehr auf Pointen, sondern auf Charakterskizzen und peinlichen zwischenmenschlichen Situationen.

Neu war auch das ironische, bissige Ausstellen von Sprachklischees, von Figuren, die in Plattitüden plappern, um sich vor Introspektion zu schützen. Beide waren danach in der Filmwelt tätig – Nichols ist heute vor allem als Regisseur («The Graduate») ein Name.

Faszination für selbstzerstörische Figuren

Mays erste Regiearbeit, «A New Leaf» (1971), ist eine in gleichen Teilen giftige und warme Komödie über einen faulen Playboy (Walter Matthau), der reich heiraten will, weil das Erbe verprasst ist und deswegen eine schüchterne, aber vermögende Botanikerin (May) umwirbt, freilich mit der Absicht, sie nach dem Eheschluss zu ermorden. Der Film synthetisiert mit Leichtigkeit einen makaberen Screwball-Plot mit der Liebe zur Exzentrik, die sich in der Zeit auch etwa bei Hal Ashby findet.

May transportiert viel vom Biss und der ironischen Charakterkomik ihrer Stand-up-Comedy, der Faszination für (oft männliche) in ihrem Egoismus zerstörerische und selbstzerstörerische Figuren, für narzisstische Selbsttäuschung und ihre Effekte. So auch in «The Heartbreak Kid» (1972), ihrem Film über einen verblendeten Sportwarenverkäufer, dem seine Ehefrau schon in der Hochzeitsnacht so lästig wird, dass er sich gleich zu Beginn der Flitterwochen entschliesst, einer anderen Frau nachzustellen.

May schreckt auch hier nicht davor zurück, aus der Ungeschicktheit, Kleinlichkeit und Unehrlichkeit ihrer Figuren einen unterschwelligen Witz zu gewinnen. Der schwindelerregende Spass ergibt sich weniger aus Gags als aus dem Gesamteffekt peinlicher und heikler Situationen und bewegt sich auf einem Terrain, auf dem etwa auch «Curb Your Enthusiasm» oder «The Office» heimisch sind.

Unendliche Präzision

Auf thematischer Ebene finden sich diese Interessen auch im unheimlich detailreichen Charakterdrama «Mikey and Nicky» (1976): Ganove Nicky (John Cassavetes) hat seinen Chef beklaut, der ihm nun ans Leder will. Sein bester Freund Mikey (Peter Falk) soll ihn nun retten, aber da entpuppt sich die Männerfreundschaft als eine von emotionalen Abhängigkeiten, Neid und Verachtung zerfressene Beziehung. Das Sujet ist auch hier finster. Mays Filme sind nicht zynisch, sie laben sich nicht am Unglück anderer; sie schonen nicht, aber sind nicht erbarmungslos. Vor allem sind sie unendlich präzise in der Ausgestaltung von Verhaltensnuancen, stellen zur Schau, wie Figuren Nähe und Distanz aushandeln und von Träumen und Ambitionen getrieben werden, die sie selbst nie ganz verstehen.

Der Film, der Mays Regiekarriere beendete (als Drehbuchautorin und Schauspielerin blieb sie aktiv), ist «Ishtar» (1987): Zwei erfolglose Songwriter (Warren Beatty, Dustin Hoffman) sollen eigentlich Hotels in Marokko beschallen, geraten aber zwischen eine linke Revolutionärin (Isabelle Adjani) und die CIA. Mays sonst subtiler Humor wird hier mit exquisitem Slapstick angereichert für eine Abenteuerkomödie mit Spitzen gegen die US-Aussenpolitik. Der Film war eine finanzielle Katastrophe, aber wie es im Schlusslied heisst: «Telling the truth can be dangerous business, honest and popular don’t go hand in hand.»