Zürcher Studierendenzeitung

Das «Humbug» ist ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Zwischennutzung. Doch auch dieses Projekt ist befristet.
Das «Humbug» ist ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Zwischennutzung. Doch auch dieses Projekt ist befristet. Carlo Mariani

Von städtebaulichem Humbug

Temporäre Kulturstätten bringen frischen Wind in die Schweizer Städte. Doch oft müssen sie der Gentrifizierung weichen.

Von der Basler Dreirosenbrücke aus in Richtung Frankreich erhebt sich an der Klybeckstrasse das alte Industriegelände der Pharmariesen Novartis und BASF wie eine Geisterstadt. Die bei Nacht spärlich beleuchtete Strasse und die Stacheldrahtrollen über den Mauern, die das Areal umgeben, tragen zur düsteren Kulisse bei. Ein kleines offenes Metalltor führt aufs Gelände, wo alte Gleise vom ehemals regen Industriebetrieb zeugen. Begibt man sich weiter durch die Schatten ins Innere des ehemaligen Hochsicherheitsareals, erblickt man eine Lichterkette, darunter stehen rauchende und trinkende Partygäste, vom Inneren einer Halle dringt ein dröhnender Beat gedämpft nach aussen.

Im Eingangsbereich steht ganz gross «Humbug». Eine grosse, süsse Hummel, das Maskottchen des Kulturorts, ergänzt die Anschrift. Hinter der schweren Eingangstüre sitzen zwei Mitarbeitende und begrüssen die Gäste: «Richtpreis sind 15 Franken, du kannst geben, was du willst.» Auf der Website des Zwischennutzungsprojekts, das im März sein dreijähriges Bestehen feierte, steht: «Ziel ist es, gemeinsam einen diskriminierungsärmeren Raum zu schaffen, in dem sich alle Menschen sicherer und wohler fühlen können – im vollen Bewusstsein dafür, dass ein diskriminierungsfreier Raum aufgrund der aktuellen gesellschaftlichen Machtstrukturen kaum erreichbar ist.» In der Halle des unkommerziellen Veranstaltungsorts legen heute Abend mehrere DJs auf: unter anderem Künstler*innen des OKRA, eines mehrheitlich aus People of Color bestehenden Party-Kollektivs, welches sich für PoC-Künstler*innen im Basler Nachtleben engagiert. Ganz im Sinne des «Humbug». Die Halle für Livekultur ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Kultur Kieswerke Basel. Kulturprogramm, Gastronomie und Vermietungen werden von einem Kollektiv gestaltet. Auf der Webseite heisst es: «Hier sollen verschiedene Stile und Szenen aufeinandertreffen, Experimente überraschen und Debatten geführt werden.» Der Konzertort und Club stellt einen Kontrapunkt zum umsatzorientierten Nachtleben dar und zieht die junge, alternative Szene Basels an. Doch das Projekt ist von kurzer Dauer, 2024 ist Schluss. Dann wird hier gross saniert und aufgewertet.

Wenig Platz für Alternativkultur

Wo einst täglich 20’000 Leute für Ciba-Geigy arbeiteten, einen Chemiekonzern, der von Novartis einverleibt wurde, soll nun in einem Zeithorizont bis 2040 ein komplett neues Quartier entstehen. Bisher war das Areal eine Art Pufferzone zwischen dem immer stärker gentrifizierten Matthäusquartier und dem einkommensschwachen Kleinhüningen. Mit dem gigantischen städtebaulichen Vorhaben sollen die Quartiere zusammenwachsen. Die Stadt sicherte sich ein Vorkaufsrecht, verlor aber den Kampf an die Meistbietenden: Die riesige Fläche gehört jetzt dem Lebensversicherungskonzern Swiss Life und der Central Real Estate Basel AG, einem Zusammenschluss grosser Immobilieninvestoren. Bis zur Verwandlung des Klybeck-Areals zu einem hippen Wohnquartier dürfen kreative Projekte die Freiräume zwischennutzen.

Ein ähnliches Schicksal wie das «Humbug» erfährt die Zwischennutzung der ehemaligen Zentralwäscherei Zürich im Kreis 5. Auch da wimmelt es an Alternativkultur, und auch dieses Projekt muss schon bald dem Städtebau weichen. Nur bis 2026 will die Stadt den Raum für kulturelle Projekte zur Verfügung stellen. Danach sollen dort ein Hallenbad und Alterswohnungen entstehen.

Doch wie kann es sein, dass so wertvolle Kulturknotenpunkte einen Horizont von nur fünf Jahren haben? Muss die städtische Jugend bald wieder aufbegehren wie im Mai 1980 bei den Opernhauskrawallen? Die Bevölkerung der Schweizer Städte ist nämlich weiter angewachsen und die damaligen Errungenschaften, wie die Nutzung der Roten Fabrik in Zürich als Kulturraum, bieten für die Kreativität der gegenwärtigen Alternativkultur wohl nicht mehr genügend Platz. Ob mit Basels hippem Stadtquartier oder einem neuen Hallenbad im Kreis 5 – die Gentrifizierung verdrängt die Bedürfnisse der jungen Stadtbewohner*innen und sorgt für Resignation.

Volksinitiative gibt Gegensteuer

Immerhin tut sich in Basel in punkto Freiräume etwas. Das baselstädtische Verfassungsgericht hat im Februar die Initiative «Basel baut Zukunft» für gültig erklärt. Das Volksanliegen verlangt unter anderem, dass auf Transformationsgelände wie dem Klybeck-Areal die Hälfte der Fläche in Kostenmiete vermietet wird. Heisst: Die Mieten sollen aufgrund der Kosten für den Bau und die Finanzierung der Liegenschaften berechnet werden und keine Rendite erzielen müssen. Das soll langfristig für tiefere Mietzinsen sorgen. Alternativ muss der Boden durch Verkauf an eine gemeinnützige Organisation abgegeben werden. Die Swiss Life hat bereits angedroht, dass sie bei einer Annahme der Initiative ihre Pläne für Wohnraum begraben werde. Ob die von sprudelnder Kreativität zeugenden Kulturprojekte wie diejenigen im «Humbug» ihren Platz finden werden, bleibt ungewiss. Für ihre kurze Dauer bereichern sie jedoch das Stadtleben spürbar.

Es ist fünf Uhr morgens, die Vögel zwitschern, die Gäste steigen erschöpft vom Tanzen und zufrieden lächelnd auf ihre Fahrräder und verlassen in Gruppen langsam das Industriegebiet. Andere nehmen an diesem kühlen Sonntagmorgen das Tram Richtung Bahnhof zum ersten Zug nach Zürich.