Zürcher Studierendenzeitung

Besucher*innen empfangen den robotischen Segen.
Besucher*innen empfangen den robotischen Segen. Diego Bolliger

Einmal digital, bitte!

Die Ausstellung «Planet Digital» öffnet im Museum für Gestaltung ihre Tore.

Ein Vorhang enthüllt die heilige Dreifaltigkeit der Zukunft: Dataisierung, Algorithmisierung und Plattformifizierung. Diese Prozesse sollen den Menschen gottgleich machen: allmächtig, allwissend, allgegenwärtig. Nicht schlecht, oder?

«Pseudoreligiös» nennt es Guide Noah, der mich und andere auf eine öffentliche Führung durch die Ausstellung «Planet Digital» im Museum für Gestaltung mitnimmt. Die Zukunftsvision, auf eine Leinwand projiziert, ist das erste von 24 Exponaten. «Die Stücke wurden extra für die Ausstellung produziert, in Zusammenarbeit mit Hochschulen wie der Uni Zürich oder der ZHdK», erklärt der Guide, «es ist generell eine technische Ausstellung». Mit einem Ziel: uns eine Kostprobe der digitalen Zukunft zu geben.

Im Wunderland der Smart-Machines

Diverse technologische Kreationen schmücken die Landschaft von «Planet Digital»; zu allen gibt es per QR-Code InfoTexte. Manche Stücke bannen den Blick durch ihre Schönheit: Da ist ein Roboter, der mit Kreide ein Ballett auf die Tafel zeichnet. Daneben schweben Wasserwesen, die scheu flattern, wenn ich ihnen näherkomme – gesteuert via Bewegungssensoren. Und vor einer schwarzen Wand glühen Lavalampen, deren Formung einen Verschlüsselungsprozess auslöst. Andere Technologien glänzen durch ihren Nutzen: zum Beispiel Kamerafallen, die mithilfe von Machine Learning Aufnahmen seltener Tiere schiessen sollen. Auch ein 3D-Drucker, der Schädel nachbildet, beeindruckt – damit können Kriminalist*innen die Schlagkraft von Tatwaffen prüfen. Nutzlos, doch von symbolischem Wert ist der Handschlag von zwei Roboterhänden, die im Lichthof der Uni Zürich stehen: Gesteuert werden sie von der Ausstellung aus.

Naives Digitalverständnis?

Des Weiteren werden Algorithmen präsentiert, die die Macht haben, unsere Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Da wäre etwa ein ziemlich zynischer Algorithmus, der Arbeitslose in Kategorien einteilt: in diejenigen, denen eine Stellenvermittlung noch helfen kann, und solche, für die jede Unterstützung «eine Ressourcenverschwendung» wäre. Im Exponat «All the lives», fälscht ein Deep-Fake-Programm mein Gesicht in verschiedene Lebenssituationen hinein. Und auch mit einer digitalen Schriftstellerin mache ich Bekanntschaft: Mithilfe von künstlicher Intelligenz hat sie Kurzgeschichten geschrieben, die auf Überwachungsprotokollen basieren.

«Ist die Ausstellung nicht ein wenig naiv?», fragt eine Teilnehmerin am Ende der Führung. Noah meint mit Augenzwinkern: «Ein bisschen.» Tatsächlich ist die Ausstellung ziemlich unkritisch gegenüber der vorgestellten Technologie. Etwa was das Deep-Fake-Programm betrifft: Will ich, dass man mich jederzeit in irgendwelche Videos reinkopieren kann? Das Potential, diese Tools zu missbrauchen, ist riesig. Zwar werden an der Ausstellung Themen wie Diskriminierung, Überwachung und dreckige Herstellungsprozesse angesprochen – die Diskussion bleibt aber seicht, ohne Schockmoment. Auch zu den pseudoreligiösen Zügen, die der Digitalisierung anhaften, brennen mir nach wie vor Fragen auf den Lippen: Wer genau treibt die digitale Revolution an? Was glauben deren Pionier*innen? Wo werden ihre Vorstellungen gefährlich? «Planet Digital» lässt die Philosophie beiseite und zeigt Technik. Diese zu erleben lohnt sich aber auf jeden Fall.

«Planet Digital» – Museum für Gestaltung. Di–So 10–17 Uhr (Do bis 20 Uhr). Für Studierende ist der Besuch kostenlos.