Brecht hat Recht, das Schauspielhaus weniger
Kultur — Mit Brechts «Dreigroschenoper» wagt sich das Schauspielhaus Zürich an einen gesellschaftskritischen Klassiker. Doch statt Kapitalismuskritik bietet die Inszenierung vor allem sentimentalen Musical-Kitsch und verfehlt für unsere Autorin damit den Kern des Stücks.
In Zeiten von politischen Unsicherheiten ist es grundsätzlich eine gute Idee von Theatern, auf gesellschaftskritische Stücke wie «Die Dreigroschenoper» zurückzugreifen. Nach dem phänomenalen Erfolg von «Il Gattopardo» hat sich die neue Ko-Leitung des Schauspielhauses von Pınar Karabulut und Rafael Sanchez nun an Brecht und Hauptmanns Klassiker gewagt. Doch das Stück wurde vollkommen missverstanden. Während bei Brecht die menschliche Verhaltensweise und radikale Veränderung im Zentrum standen, hat das Schauspielhaus es geschafft, ein politisch aufgeladenes Stück voller Doppelmoral in ein sentimentales Musical umzuwandeln. Zuerst tritt Peachum auf, ein Geschäftsmann, der die Ärmsten der Armen ausbeutet und Lizenzen zum Betteln ausstellt. Die Szene, in der Peachum die «fünf Grundtypen des Elends» vorstellt, traf am Nerv des Originalwerks völlig vorbei: Als ein neu angestellter Bettler Gefühle zeigt, wird der Aufschrei «Er hat Mitleid! Sie werden in einem Menschenleben kein Bettler!» weggeschnitten. Obgleich genau diese Stelle preisgibt, wie im Bettler noch ein Bürger steckt, der ihn gefühlsduselig macht, und wie selbst Betteln ein Handwerk ist. In der Inszenierung am Pfauen hingegen verzieht der Bettler keine Miene und zieht sich schweigend seine neuen Lumpen an.
Die wohl berühmtesten Aufnahmen von Kurt Weills musikalischer Begleitung der Dreigroschenoper wurden von Lotte Lenya gesungen. Sie gefallen durch derben Sprechgesang, rollende Rs und die Weise, wie Lenya das Unmenschliche in der Unterwelt hervorbringt: Auf die Frage, wer denn sterben muss, wird nach einer kurzen Pause laut gerufen «Alle!», und wenn einer daherkommt, der charmant und reich ist, keift Polly nur ein «Nein!». In der Schauspielhaus-Inszenierung wurde dies durch Balladen ersetzt, die im Musical-Stil gesungen wurden (wobei oftmals die Töne verfehlt wurden). Es tat fast schon physisch weh, wie Polly das Lied der Seeräuber-Jenny in hoher Kopfstimme sang; das Unwürdige, Dreckige ihrer Arbeit wurde mit tirilierenden Endnoten gesungen, aber auf eine Weise, die zu wenig übertrieben war, um als gewollt zynisch rüberzukommen. Keine dramatische Pause, als die bibelartige Zerstörung des Ortes angekündigt wurde, keine passende Bewegung, als Jenny «aus dem Schatten tritt», und kein erwartetes Gebell, dass alle sterben müssen. Gut, man kann sagen, es sei das Ziel gewesen, dass es ausnahmsweise mal schön klingen solle, aber dabei fehlte es an allem: Mimik, Gestik, Dramatik, Bewegungsabläufen, die Sinn ergeben. Bissige Kommentare, etwa dass ein Gangster unter Mackies Fuchtel eine Sau sei, weil er den Fisch mit dem Messer fressen würde (und nicht etwa, weil er Menschen tötet), wurden ausgelassen. Genauso der Moment, in dem sich der neue Bettler mehr über seine dreckigen Füsse schämt statt über seine Bettlerei.
Die Aufführung ignoriert den Kern des Werks, der aufzeigt, wie einfach menschliche Gefühle entstehen, wie sie manipuliert werden können und wie damit gezielt ein Wille zur Veränderung untergraben werden kann. Stattdessen erhält das Publikum nur mittelmässige musikalische Leistungen und apolitisierende Verschnitte von Szenen. Die grösste Manifestation dessen ist wohl die Interpretation vom Verhältnis zwischen Brown und Mackie: Sie sind nach ihrer gemeinsamen Zeit im Krieg Freunde geblieben, obwohl Brown Polizeichef und Mackie Gauner wurde. Man könnte eine Anspielung darauf machen, wie gewisse Freundschaften also doch nicht den manipulierbaren Gefühlen untergeordnet sind, oder wie diese Freundschaft der Wahrung des Systems beiträgt, aber solche Interpretationen sucht man in dieser Vorführung vergeblich. Im Kanonen-Song hocken Brown und Mackie auf zwei Stühlen und begleiten ihren Gesang durch simple Beinabläufen: verkreuzt, dann wieder nebeneinander, dann verkreuzt. (Vielleicht haben sie die Regieanweisung «sitzend mit den Füssen marschieren» nicht genau verstanden.) Zu dem schweren, rhythmischen Song über die Armee wird dann eine im falschen Sinne befremdende Choreografie aufgeführt, voller Liegestützen und fancy Variationen von Push-Ups, die man aus Gym-Feeds kennt, was womöglich muskeltechnisch anspruchsvoll ist, aber sicherlich nichts gemein hat mit der Szene des Wiedersehens zweier alter Soldaten.
Damit es auch für die Letzten offensichtlich wird, fügt die Regie der Freundschaft zwischen Mackie und Brown dann noch einen billig angedeuteten romantischen Touch hinzu. Konkret bedeutet dies, dass es zum Schluss ihrer komischen Gym-Bro-Choreo fast zu einem Kuss kommt. Erneut verfehlt dies Brechts Ansichten. Die bürgerliche Liebe ist Kampf ums Eigentum, die Beziehung ein Zweckbündnis, die Ehe ein Vertrag. Polly bezeichnet Mackie als ihr «einziges Eigentum», die Eltern Peachum wollen ihre Tochter nicht durch eine Heirat «wegschenken». Anders die Freundschaft zwischen Brown und Mackie: Sie ist frei von Gefühlsduselei, von Nostalgie über die Zeit in der Armee und bleibt bestehen trotz den gegensätzlichen Berufungen der beiden. Allgemein ist diese Inszenierung erfrischend wirkungslos. Brecht wollte mit seinen Werken Menschen zum Nachdenken bringen und die Gesellschaft verändern. Diese plumpe Inszenierung wurde seiner Dreigroschenoper nicht gerecht. Ich erwarte mehr vom Schauspielhaus!