Berührungen im Rampenlicht

Man plant es wie eine Kampfszene. Wie viel Atem, wie viel Nähe, wie viel Haut darf es sein? Das sieht jede*r anders. Intimitätskoordinatorin Désirée Wenger erzählt damit Geschichten.

Debora Baumann (Text) und Dominique Lindegger (Illustration)
16. September 2026

Jede Berührung erzählt eine Geschichte, jeder Fetzen Kleidung weniger enthüllt mehr der Erzählung und alles ist geplant – zumindest, wenn eine Intimitätskoordinatorin dabei ist. 

Eine Rolle, die Désirée Wenger nebst Theaterregisseurin und Autorin ebenfalls einnimmt. Sie weiss, wie viel Absprache es braucht, bis die Vision eines intimen Moments in einem Theater oder Film umgesetzt werden kann. Sie weiss aber auch, wie nötig diese Gespräche sind. «Einige Grenzüberschreitungen passieren aus Unwissen oder falscher Kommunikation, diese sind vermeidbar.» Die bewussten Straftaten leider nicht. 

Es braucht einiges an Vorbereitung. Désirée liest sich die Drehbücher durch und analysiert sie mehrmals, um die Vision der Regieperson auf Leinwand oder Bühne in Zusammenarbeit mit Regie und Darstellenden umzusetzen. «Es ist ein künstlerischer Beruf», betont sie. Désirée hat an der Uni Zürich Englisch und Französisch studiert und Theater schon immer als Leidenschaft gepflegt. Nach ihrem Master in Theater Directing absolvierte sie noch die Ausbildung zur Intimitätskoordinatorin. 

Sie lässt den Darstellenden Raum, ihre Grenzen auch austesten zu können und über den eigenen Schatten zu springen, sofern sie das wollen. «Manche haben Trigger, deren sie sich bewusst sind, manche werden sich erst währenddessen darüber bewusst. Genau deshalb sind Intimszenen risikohafter als andere.» Von ihrem Arbeitsumfeld erfährt sie, dass eine sensible Herangehensweise noch vor zehn Jahren nicht die Norm war, auch nicht in der Schweiz. Je nach Produktionsfirma werden heute aber Codes of Conduct ausgehändigt, die auf desexualisierte Sprache und das Unterlassen von Kommentaren bezüglich der Körper hinweisen. 

Seit März gibt es in der Schweiz einen Leitfaden für den Umgang am Set, an dem Désirée mitgeschrieben hat. Die Arbeit soll präventiv die mentale Gesundheit der Darstellenden schützen «Darstellende haben Grenzen und die sind bei jedem anders und müssen respektiert werden», erklärt sie. Der Anspruch auf Realismus in Mainstreamfilmen umfasst das Aufrechterhalten einer Illusion der Nacktheit. Dafür arbeitet man mit Requisiten oder Licht und Schatten. Je nach Wunsch wird auch mehr oder weniger Intimbekleidung wie Nippelcovers, Tape oder spezielle Barrieren genutzt. Letztere sind schaumstoffartige oder aus Silikon gefertigte Einlagen, die Reibung vermeiden und wasserfest sind. «Es soll zu keinen stimulierenden Aktionen kommen», erklärt Désirée. 

In der Branche liegt auf den Darstellenden immer noch viel Druck, teils ausgelöst durch ein Gefühl der Ersetzbarkeit. Angebot und Nachfrage seien in der Unterhaltungsbranche nicht im Gleichgewicht: «Das Bild, in dem man als Schauspieler*in alles mit machen muss, ist immer noch präsent», erklärt sie. Zum einen werden Machtgefälle genau dafür ausgenutzt, zum anderen haben es die Darstellenden internalisiert. Doch muss es wirklich daran scheitern? Will man Menschen aus der Branche ausschliessen, nur weil sie Grenzen ziehen?