Wenn's mal hoch und runter geht
Ueberlandpark – Hoch über Zürichs tiefster Tramhaltestelle erstreckt sich auf rund einem Kilometer ein Park. Ein Deckel für die Autobahn A1, die Oerlikon und Schwamendingen in zwei schneidet. Der Ueberlandpark: Eine Lärm- und Staubentlastung für Anwohner*innen. Aber als Ort so schwer zu beschreiben, dass ich ab hier allmählich verrückt werde.
An guten Tagen meide ich den Park. Bereits beim Aufstieg über die seitlichen Rampen fühle ich mich eingeengt. Auf der Ebene selbst wird einem bewusst, dass man in eine bestimmte Richtung gelenkt wird: Entweder nördlich ins tiefste Schwamendingen oder südlich Richtung Stadtzentrum. Dieser Weisung zum Trotz versuche ich, mich frei auf der Parkstrecke fortzubewegen. Doch ständig wird mir der Weg gekreuzt. Kinder rasen auf Trottis an mir vorbei und wirbeln Kiesstaub auf. Hinter uns versuchen ihre Eltern mit dem Hund an der Leine aufzuholen. Ich weiche aus, weil ich mir nicht ganz sicher bin, ob er mich als nächsten Fixpunkt auswählt. Aus den begrünten Streifen entlang der Wege heben sich Insekten, um dann mal wieder zu verschwinden.
Hier oben ist es schön ruhig. Schön und ruhig. Aber die Ruhe ist nicht echt, sie ist gebaut. Der Park schützt zwar vor allem darunter, wirkt aber deshalb kontrollierend, unterdrückend, bevormundend. Die Sonne brennt langsam im Nacken und macht schläfrig. Ich war doch mit einer anderen Stimmung hierhergekommen, mit etwas Ermunterndem im Ohr, das nun aus Rampen und Geländern ausbrechen möchte. Jetzt raunt mir Thom Yorke mahnend ins Ohr: «Are you such a dreamer to put the world to rights? / I’ll stay here forever where two and two always makes up five», und nehme, knapp in der Hälfte der Strecke, den nächsten Abgang zur Aubrugg. An einem anderen Abend treiben mich der Stapel ungelöster Probeprüfungen und Haufen ungefalteter Wäsche von zuhause weg und hoch über die Autobahn. Der Anstieg zum Park fühlt sich zwar mit schwerem Herzen und Schritt steiler an; doch oben angekommen, wird man von seiner Ruhe überrascht.
Gedankenlos gehe ich an Rutschbahnen und Spielplätzen vorbei bis zur nordöstlichen Kurve: Wo eine Rampe abwärts führt, bleibe ich aber stehen. Von hier aus sehe ich Busse, aus denen Fussgänger*innen ein- und ausfliessen, Velos, die ihnen weichen. In der Ferne strecken sich Zuggleise Richtung Wallisellen. Irgendwo tief unter meinen Füssen quietscht es im Tramtunnel. Und überall Autos. Lastwagen. Campervans. Alles, was auf vier oder mehr Rädern der A1 entlangzieht. Die einzelnen Bewegungen greifen übereinander, ohne sich zu berühren. Nichts und niemand bleibt stehen. Hier oben wirkt der Blick weiter als der Ort selbst. Wo sonst Wände oder Häuser den Raum abschneiden, öffnet sich eine Übersicht, die nichts festhält. Immerfort – nach Zürich hinein, aus Zürich heraus, irgendwohin, wo ich nicht bin.
Der Ueberlandpark hat sich längst im Schwamendinger Alltag eingelebt. Und doch bleibt er ein Ort der Gegensätze; enge Wege, gelenkte Bewegung, und dazwischen diese Stelle, an der sich der Blick öffnet. Wo sich das (Stadt-)Leben ständig verändert, verschiebt und fortbewegt. Mal hoch, mal runter, aber nie wirklich still. (man)