Phillipe Kramer arbeitet an einem jungen, europäischen Journalismusprojekt mit.

«Es sollte normal werden, dass wir europäischen Journalismus konsumieren»

Philippe Kramer aus Basel hat das Onlinemagazin «The European Correspondent» mitgegründet. Dieses erreicht täglich zehntausende Leser*innen und wird von der EU gefördert.

4. Mai 2026

Etwas kleingeistig sei die Schweiz manchmal, sagt Philippe Kramer. Es verblüffe ihn immer wieder, «wie sehr wir denken, dass wir die Einzigen auf der Welt sind mit unseren Problemen». Ein Blick in die Nachbarländer zeige oft: Viele Herausforderungen sind dieselben.

Kramer ist 26 Jahre alt, wohnt in Basel und ist Verleger und Mitgründer des Online-Mediums «The European Correspondent». Dessen Kern ist der englischsprachige Newsletter, der täglich rund 80'000 Leser*innen erreicht. Dazu kommen 130'000 Follower*innen auf Instagram. Das Angebot ist ausserdem in einer eigenen App verfügbar. Von einem Übersetzungsteam werden die Artikel in sechs weitere Sprachen übersetzt: Deutsch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Polnisch und Ukrainisch.

Gegründet wurde der European Correspondent 2022. Nebst Kramer sitzen Carla Allenbach und Julius Fintelmann von Beginn an mit im Boot, auch sie kommen aus der Schweiz. Fintelmann und Kramer kennen sich seit der Schulzeit. Als Fintelmann während eines Studienaufenthalts in Amsterdam wohnte, tauschten sich die beiden über politische Themen in den Niederlanden und der Schweiz aus. Sie kamen zum Schluss, dass es in den gesellschaftlichen Debatten viele Überschneidungen gibt, über die aber niemand spricht. So entstand die Idee eines europäischen Mediums.

Im Gegensatz zu anderen Medien wird Wert darauf gelegt, dass die Korrespondent*innen in den Ländern leben, über die sie berichten. So würden die Geschichten nahbarer und politische wie gesellschaftliche Themen besser verständlich, sagt Kramer. 

Gewisse Geschichten liessen sich nämlich oft erst richtig verstehen, wenn man sie auf europäischer Ebene betrachte und sehe, wie andere Länder damit umgehen. Der European Correspondent sei eine Ergänzung zur Berichterstattung von lokalen und nationalen Medien. «Es muss zur Normalität werden, dass wir auch europäischen Journalismus konsumieren», sagt Kramer.

Unterstützung der EU

Ein Medium aufzubauen kostet. Seit Sommer 2025 wird der European Correspondent deshalb von der EU-Kommission mit zwei Millionen Euro gefördert. Damit werden die Löhne der rund 30 Mitarbeitenden, der freischaffenden Korrespondent*innen sowie die Miete des Büros in Brüssel bezahlt. 

Die Förderung ist jedoch befristet. In einem Jahr muss der European Correspondent finanziell auf eigenen Beinen stehen. Das Ziel sei es, mindestens eine Million Euro pro Jahr selbst zu erwirtschaften – «und lieber noch etwas mehr», sagt Kramer. Das junge Medium will das mit einem Mix aus Spenden und Werbeeinnahmen erreichen.

Jung, aber erfahren

Kramer arbeitet Vollzeit für den European Correspondent. Wenn er von seiner Tätigkeit erzählt, ist ihm die Leidenschaft anzumerken. Er spricht dann beinahe ohne Atempause von «User Needs» und wie er davon träume, dass die Zahl der Leserschaft weiter wächst. Seine Arbeit ist für ihn der Traumjob. 

Mit Mitte zwanzig dürfte Philippe Kramer zu den jüngsten Verleger*innen überhaupt gehören. Unerfahren ist er jedoch keineswegs. Bereits mit 17 Jahren leitete er als Chefredaktor das Basler Schülermagazin Quint. Auch sonst ist Kramer umtriebig. Vor einigen Jahren war er noch in der Klimabewegung am mitorganisieren, bekämpfte als Kampagnenkoordinator erfolgreich die E-ID und weibelte in Bundesbern für das Stimmrechtsalter 16. 

Mit dem European Correspondent verfolgt er nun ein grösseres Ziel: ein geeintes Europa. «Wir benötigen eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit, in der Probleme sichtbar werden, analysiert werden können und Länder voneinander lernen», sagt Kramer. Davon könne auch die Schweiz profitieren, sagt er, und holt erstmal tief Luft.