Die Zukunft liegt auf der Hand
Als Dragqueen streift Madame Selma nicht nur zur Unterhaltung durch die Zürcher Nachtclubs. All jenen, die ihren Horizont erweitern möchten, gewährt die Hellseherin einen kurzen Blick in die Zukunft.
«Als ich es das erste Mal gemacht habe, vertickte ich nebenbei MDMA», meint Ivan lachend und nimmt gegenüber von mir Platz. Ich sitze im Wohnzimmer eines Wahrsagers; ganze 100 Franken habe ich für dieses Treffen hingeblättert. Auf dem Glastisch zwischen uns brennen Kerzen, im Bücherregal reihen sich Einbände zu verschiedensten Formen magischer Praktiken auf und eine Kristallkugel glitzert hinter Ivan in der Abendsonne.
Alles in diesem Zimmer ist ziemlich genau so, wie man sich das vorstellt. Mir wird die Wahl zwischen zwei verschiedenen Tarotkartensets gelassen. Aus dem Bauch heraus entscheide ich mich für das kleinere der beiden. Anschliessend werden mehrere Karten auf dem Tisch, in der Form eines keltischen Kreuzes, ausgebreitet, wie mir später erklärt wird. Dabei stehen die Positionen der Karten für verschiedene Zeitpunkte im Leben wie Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit. Berührungspunkte mit Esoterik habe ich in meinem bisherigen Leben nicht gehabt.
Innere Hürden überwinden
Gerade deshalb habe ich mir vorab dieses Treffen in den Kopf gesetzt, mich auf das, was folgt, einzulassen und nicht direkt in einen Vergleich mit der Wissenschaft zu springen. So passiert es, dass ich, während Ivan meine Karten liest, beginne, das Gesagte auf geschehene und kommende Lebensereignisse zu projizieren. Ambitionen im Berufsleben, Glück in Geldfragen, alles in allem liest Selma eine rosige Zukunft aus meinen Karten. Einzig die Konkurrenz, vor dieser müsse ich mich in der kommenden Zeit in Acht nehmen.
Klar, die Aussagen sind allgemeiner und grober Natur, dennoch lässt mich ihre Schlagrichtung für einen kurzen Moment aufatmen oder zweifeln. Ich beginne zu spüren, dass mir das Ganze näher gehen wird als gedacht. Nicht mit allem, was in diesen paar Minuten gesagt wird, weiss ich etwas anzufangen, doch ein paar Karten haben sich in meinem Kopf eingenistet, brüten nun dort vor sich hin. Wahrscheinlich, weil sie in Themen stochern, die mich zuvor schon beschäftigt haben, vielleicht aber auch, weil sie mir ein wenig Halt geben und mich bestärken.
Dabei würde ich mich nicht als abergläubisch oder religiös bezeichnen, die Wissenschaft betrachte ich als meine Erklärung der Welt. Genau deshalb lässt mich dieser Besuch auch so ratlos zurück, denn die Legung hat es geschafft, etwas in mir auszulösen, was ich zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Statt nun dazu überzugehen, die Irrationalität dieser Methoden zu kritisieren und mich zurück in den sicheren Hafen zu flüchten, will ich im Folgenden versuchen, die Person, die hinter den Wahrsagungen steckt, besser zu verstehen.
«So war das halt damals in den 90ern» ist ein Satz, den Ivan oft und stets mit einem Lächeln auf den Lippen sagt. In dieser Zeit schloss er die Kochlehre ab, ein Beruf, der ihm aber, wie er schnell merkte, zu wenig kreativ war. «Am Schluss bleibt dir nur der Dreck und du stinkst, dazu ist man noch unterbezahlt.» Besser gefiel ihm die Arbeit in einem Auktionshaus, dort kümmerte er sich anfangs um Dekorationen für die Ausstellung, später übernahm er auch Restaurationsarbeiten. In der Trompe-l’œil-Malerei entdeckte er auf diese Weise eine seiner Leidenschaften. Sie verschaffte ihm Aufträge für Privatpersonen auf dem Zürichberg – sogar für die mittlerweile verstorbene Tina Turner schwang er den Pinsel.
Doch dann ging alles ganz schnell, die Krise war da. Mit der Finanzkrise 2008 brachen die Aufträge ein. Für Ivan bedeutete dies erneut eine berufliche Neuorientierung. «Ich hatte schon lange nebenbei an der Langstrasse Partys organisiert.» Diese sei damals noch um einiges queerer gewesen als sie es zurzeit ist: Heute geht Ivan als queerer Mann nur noch selten dort feiern. An einer dieser Partys, das Thema war «freakig», war noch eine Hellseher*in gesucht: Ivan sprang ein. Dass er mit diesem Partygag, in den er aus Personalnot hineingerutscht war, einst selbständig werden würde, sah er selbst nicht kommen.
Gute 15 Jahre später sieht Ivan als «Madame Selma» immer noch für Feiernde im Ausgang hell. Meist ist er auf Partys in Clubs unterwegs, Sitzungen wie mit mir, in seinem Wohnzimmer und in ziviler Kleidung, sind die Ausnahme. Auch mich irritierte es ein wenig, als mir ein Mann in Jeans und T-Shirt die Tür geöffnet hat, hatte ich mich doch mit einer Dragqueen verabredet. «Dragqueens sind eben auch nicht immer aufgedraggt», belehrte mich Ivan noch im Türrahmen stehend eines Besseren und sah mir wohl die Scham über meine blöde Annahme an. Während unseres Treffens habe ich mich aber anschliessend sehr wohlgefühlt. Es herrschte eine lockere Atmosphäre, bei der ich stets das Gefühl hatte, alles fragen zu können, ohne gleich aus der Wohnung geschmissen zu werden. Was zu Beginn noch Nervosität und Anspannung war, wandelte sich so schnell in Neugierde, habe ich doch zuvor noch nie einen Hellseher getroffen.
Stereotype und kulturelles Erbe
Die einzigartige Kombination aus Hellsehender und Dragqueen beschert Madame Selma den Status eines Nischenprodukts, wie Ivan selbst sagt. In einem Zeitalter, in dem profithungrige Hotlines die Wahrsagerinnen-Branche prägen, setzt Ivan mit Madame Selma auf Präsenz und Spektakel. Hellsehen mit dröhnend lauter Musik und unter Betrunkenen, was vielen anderen Hellseherinnen wohl Albträume beschert, macht Madame Selma oft mehrmals pro Woche. Wenig verwunderlich, dass in einem solchen Umfeld auch mal die Fetzen fliegen. Von Schlägereien während des Anstehens bis zu wütenden Kunden aufgrund ihrer Vorhersage; Ivan hat als Madame Selma schon wilde Nächte erlebt.
In der Rolle der Madame Selma versteht sich Ivan nicht bloss als Kartenleserin, der Mensch hinter den Karten sei fast genauso entscheidend. «Mit ihren Reaktionen geben die Leute viel über sich preis», sagt er. «Je besser ich die Menschen lesen kann, desto präziser wird meine Vorhersage.» Dabei sei die Entscheidung, das Ganze als Dragqueen zu machen, aus dem Gefühl heraus entstanden, Stereotypen richtig zu bedienen. «Wenn’s ums Hellsehen geht, haben, glaube ich, die meisten eine Frau im Kopf», sagt Ivan.
«Solange toxische Männlichkeit die Welt beherrscht, können Männer sich nicht erlauben, an solche Praktiken zu glauben, ohne gleich als schwach angesehen zu werden», schliesst er an. Auch Ivan kam durch eine Frau, seine Grossmutter, erstmals mit Tarotkarten in Berührung. Bei dieser habe er die Karten jeweils zu Hause gesehen, sie seien dort normal und selbstverständlich gewesen. Ivan, dessen Eltern aus Italien und Slowenien stammen, sieht an seiner Kundschaft, dass Kartenlesen in der Schweiz keine grosse Vergangenheit hat. So sind praktisch alle Stammkunden, die er zuhause empfängt, aus dem slawischen Raum: «Tarot ist dort viel tiefer in der Kultur verankert, deutlich mehr Leute gehen dort zu Hellseher*innen.»
Spricht Ivan über seinen doch eher ungewöhnlichen Beruf, wirkt er entspannt und reflektiert. Er macht keinen Hehl daraus, dass er das Ganze aus einer Geldnot heraus gestartet hat, verortet sich selbst in der Unterhaltungsbranche. Er sieht sich nicht als Psychiater, sondern möchte mit seinen Legungen den Leuten ein Mittel bieten, um das eigene Handeln zu reflektieren. Er ordne seinen Alltag jedoch nicht den Tarotkarten unter, lasse sein Leben nicht von ihnen bestimmen: «Werden sie zur Religion, lehne ich sie ab.» Ivan klammert sich nicht an feste Regeln, geht nicht dogmatisch vor, wenn er das Schicksal legt und liest. Und auch wenn er klar daran glaubt, kann er über sich selbst lachen – erfrischend wie ich finde.