Gemopst
Gesellschaft — Am Heimplatz vor dem Kunsthaus werden seit März keine Magazine und Zigaretten mehr verkauft, sondern Cappuchino und Matcha. Das Café Mops reiht sich in die Welle von hippen Cafés, die Zürich erfasst hat, ein.
Der K-Kiosk beim Kunsthaus ist weg. Also nicht ganz, aber irgendwie schon. Wo früher «Cola Fröschli» für 15 Rappen über die Theke gingen und in Zeitungen gestöbert wurde, wird heute Matcha geschlagen. «MOPS» heisst der neue Laden, und er bringt das, was Zürich schon im Überfluss hat: stylische Becher, Hafermilch und Getränke, deren Namen länger sind als die Warteschlangen in den Mensen.
Der kleine Rundbau am Heimplatz wurde 1911 als Tramwartehalle gebaut und später zum Kiosk umfunktioniert. Schon lange steht hier ein Stück Zürcher Alltagsgeschichte. In den 1920er-Jahren erhielt das Gebäude aufgrund seiner Form und des Snackangebots den Spitznamen «überfütterter Mops». Über Jahrzehnte hinweg war er genau das, was ein Kiosk sein sollte: niederschwellig, schnell und praktisch. Dass ausgerechnet hier heute Hafermilch aufgeschäumt und Matcha geschlagen wird, hätte sich der «überfütterte Mops» wohl kaum träumen lassen. Was einst Durchgang war, wird nun zum Ziel. Ein erster Blick ins MOPS zeigt: Der Raum ist klein, noch nicht ganz fertig und trotzdem erstaunlich einladend. Es riecht nach frischem Kaffee und warmen Gipfeli und erinnert fast an einen Sonntagsbrunch. Es kommen Anwohner*innen der Umgebung zusammen und halten einen kurzen Nachbarschaftsplausch. Anstelle einer schnellen Abfertigung entsteht hier tatsächlich etwas, das sich wie ein Platz zum Verweilen anfühlt. Ein Treffpunkt, der am Heimplatz bisher gefehlt hat.
Ein kleiner Innenbereich ist bereits vorhanden, Aussenplätze sind geplant. Der Anspruch scheint klar: Quartierkaffee statt Trend-Spot. Der Kaffee ist gut, ohne besondere Inszenierung. Die Preise sind mit 5.80 Fr. für einen Cappuccino oder 4.50 Fr. für einen Espresso nicht ungewöhnlich und liegen im teuren Zürcher Rahmen. Ob ein Studirabatt eingeführt wird, ist noch offen.
Ganz ohne Zeitgeist funktionert das Quartietreff-Gefühl dann doch nicht. Die Strategie scheint erarbeitet: Trends aufgreifen, ästhetisch aufladen und als Lebensgefühl verkaufen. Der ehemalige Kiosk hatte eine klare Funktion: rein, kaufen, raus. Dinge des täglichen Bedarfs, schnell und ohne Inszenierung. MOPS hingegen scheint eine Philosophie zu haben. Man möchte nicht schnell ein Bedürfnis befriedigen, sondern ein Gefühl verkaufen. Vom Matcha oder Kaffee prangt der handgezeichnete Logo-Hund, sie sind nicht einfach Getränk, sondern Lebenshaltung.
Genau hier wird es ambivalent: Ist der Matcha noch ein Getränk oder längst ein Statement dazu, wie man in Zürich zu leben hat? Vielleicht ist er weniger ein Abbild des Alltags als ein Idealbild davon. Die Frage bleibt offen, ob hier tatsächlich ein Quartierort entsteht oder eher eine weitere Version jener Stadt, die sich gerne selbst inszeniert. Der MOPS ist offiziell kein Pop-up, der Umbau zum Café war länger geplant, der Standort bewusst neu gedacht. Und doch: heute Dirty-Chai-Strawberry-Oatmilk-Matcha und morgen Psychedelic-Adaptogen-Ashwagandha-Foam-Brottrunk-Latte?
Vielleicht ist aber auch genau das der Punkt: MOPS ist beides, Quartierkaffee und Zeitgeistprodukt. Man kann es als Teil einer Stadt sehen, in der das Vertraute zunehmend vom nächsten Trend verdrängt wird, oder genau darin das Problem erkennen. Der alte Kiosk verkaufte was man brauchte, MOPS verkauft was man sein möchte. Der K-Kiosk beim Kunsthaus ist weg. Also nicht ganz, aber irgendwie schon. Wo früher «Cola Fröschli» für 15 Rappen über die Theke gingen und in Zeitungen gestöbert wurde, wird heute Matcha geschlagen. «MOPS» heisst der neue Laden, und er bringt das, was Zürich schon im Überfluss hat: stylische Becher, Hafermilch und Getränke, deren Namen länger sind als die Warteschlangen in den Mensen.