Mit Fortnite zur Natur
Kurzgeschichte, Essay und Freies — Wenn nur noch der Winter und der Sommer bleiben. Unser Autor hinterfragt die Rolle der Jahreszeiten in unserer Gesellschaft – und damit auch sich selbst. Ein Essay.
Was ist meine Lieblingsjahreszeit? Einfache Frage. Im Frühling ist es natürlich der Frühling. Die knallenden Farben, die langsam aus allen Rissen und Spalten der winterlichen Einöde emporquellen, die Tage, die langsam länger werden und einen kindlichen Optimismus verbreiten. Im Sommer ist meine Lieblingsjahreszeit der Sommer. Die Leichtigkeit und die Freiheit, die mich über all hinbegleiten. Das glitzernde, dunkle Wasser unter einem tiefblauen Himmel. Im Herbst ist es der Herbst. Die frische, duftende Herbstluft, der Geschmack von Kürbis suppe und Apfelstrudel, die grüngolden leuchtenden Bäume. Im Winter ist meine Lieblingsjahreszeit… natürlich der Sommer.
In der trostlosen Jahreszeit befinde ich mich nämlich im mentalen Winterschlaf und hoffe nur, dass ich mich irgendwie in den April retten kann. Dabei gab es eine lange Zeit in meinem Leben, in der mir wirklich nichts hätte egaler sein können als Jahreszeiten. Der Himmel war immer blau, Bäume hörten nicht plötzlich auf zu existieren und meine Treffsicherheit in Fortnite war immer gleich schlecht, ganz gleich, welche Jahreszeit gerade ihr Unwesen trieb. Kurz gesagt, es gab wirklich Wichtigeres im Leben.
Doch dann geschah etwas: Ein Freund zeigte mir das 3D-Modellierprogramm Blender und ich beschloss spontan, Künstler zu werden. Zum Aufgabenbereich eines professionellen Künstlers gehörten gelegentlich leider auch langweiligere Dinge, wie die Natur. Ich klatschte eine grüne Kugel auf einen braunen Zylinder und fertig war mein erster Baum. Doch dann schaltete sich mein Sinn für Perfektion ein: Erstmals schaute ich aus dem Fenster und achtete mich auf meine Umwelt. Ich lernte dazu und modellierte mit der Zeit den Stamm dynamischer, die Äste vielfältiger und Texturen detaillierter.
Nach einer Weile hatte ich die rosa Brille auf und war ziemlich zufrieden mit meinem Baum. Zumindest bis ich das nächste Mal einen richtigen Baum sah und es mir fast den Atem verschlug: Tausende Blätter, die alle für sich und doch im Chor sanft im Wind rauschten und die Rinde, die nicht nur Braun war, sondern ein bestimmtes Muster hatte und mit Moos überdeckt war, das seinerseits wiederum aus einem Geflecht aus grünen und braunen Häkchen bestand. Wo man auch hinschaute: So unglaublich viele Details und so unglaublich viel Leben. Da öffnete ich meine Augen und sah die Perfektion der Natur. Nicht nur in ihrer Vielfalt ist die Natur einzigartig und am PC einfach nicht replizierbar, auch in ihrer Dynamik: Erstmals begann ich darauf zu achten, welche spezifischen Stimmungen, Lichtverhältnisse und Farben die Jahreszeiten mit sich brachten.
Einige Jahre später habe ich dazu eher zu viele Gedanken als zu wenige. Die Tendenz im Zeitalter des Klimawandels geht leider in Richtung zweier Jahreszeiten, alles zwischen Winter und Sommer wird zunehmend verpfuscht. Das ist wirklich ärgerlich. Könnten wir tatsächlich nur noch zwei Jahreszeiten haben, hätte ich viel lieber ewigen Frühling und Sommer oder von mir aus Herbst und Sommer, aber sicher nicht Winter und Sommer. Vielleicht bin ich dem Winter gegenüber etwas unfair. Denn was sich bei uns im Flachland in den Monaten von November bis Februar abspielt, hat mit dem prototypischen Winter etwa so viel zu tun, wie ein Nivea-Werbespot mit einem Actionfilm.
Dann liegt meine Lebensfreude nämlich unter einer erdrückenden Schicht Hochnebel vergraben und es wird ständig zu kalt, um das Hoodie-Wetter geniessen zu können, aber nicht kalt genug, um sich wirklich winterlich zu fühlen. Und wenn es doch endlich mal anständig kalt ist, und die Landschaft in ein tröstendes Weiss gehüllt wird, beschweren sich Herr und Frau Zürcher über die ausfallenden Züge und über den unvermeidlichen Schneematsch in den nächsten Tagen. Also vielleicht ist der Winter gar nicht das Problem, vielleicht sind wir es.
Wenn ich ehrlich bin, kann auch der Winter eine Quelle von überwältigender Schönheit sein. Der entscheidende Unterschied zu den anderen Jahreszeiten ist, dass seine Schönheit im Gegensatz zu jener des Sommers meist nicht direkt vor der Haustüre zu finden ist. Will man das Winterwunderland in all seiner Pracht erleben, muss man die Ski oder den Schlitten ins Auto schmeissen und in die Berge verschwinden, was Energie, Geld und in meinem Fall meist einen gebrochenen Arm kostet. Für manche mag das kein Problem sein, aber andere, mich inbegriffen, tun sich schwer, sich zu überwinden und solche Dinge einfach zu tun. Im Sommer fällt mir das bedeutend leichter. Die erforderlichen Investitionen sind viel niedriger: alles, was ich brauche, sind Fahrrad und Badehosen (optional).
Vielleicht ist der Winter also in erster Linie ein Motivationsproblem. Im Sommer fühle ich mich auch viel stärker mit der Welt verbunden. Dann will ich mich an die Rinde einer Birke lehnen und ein Buch lesen, während die Blätter über mir sanft im Wind brausen. Ich will das Gras unter meinen Füssen spüren, die Hand ausstrecken und den Sommerregen fühlen, seinem Prasseln und Trommeln lauschen, während er die Grüntöne der Bäume im Hintergrund verwischt. Im Winter aber verkrieche ich mich möglichst tief in meinen Körper, will so weit wie möglich weg sein von der kalten, stumpfen Welt.
Dann fühle ich mich, als würde ich von einem Raumanzug aus hinaus auf die lebensfeindliche Mondlandschaft spähen, als wäre eine magische Barriere zwischen mir und meiner Umwelt. Allerdings bringt es mir wenig, fünf Monate lang in meinem Raumanzug zu hocken und auf bessere Zeiten zu warten. Der Winter ist da, also sollten wir das Beste daraus machen und auf die positiven Seiten des Winters fokussieren: Zum Beispiel gibt er mir für mehrere Monate eine Ausrede, mich über etwas beschweren zu können.
Das war ein Witz. So halb. Eine schöne Eigenheit des Winters ist zweifellos seine Gemütlichkeit. In keiner anderen Jahreszeit kann man mit einer Portion zitronig duftender Mailänderli neben dem Weihnachtsbaum sitzen und an seinem neuen Lego-Set basteln, während im Hintergrund der Spengler Cup läuft. Aus mir unerklärlichen Gründen scheinen wir je doch kollektiv entschieden zu haben, dass mit dieser Wärme und Gemütlichkeit am 24. Dezember Schluss ist und wir uns das Januarloch so düster wie möglich gestalten sollten. Klar, etwas an der Idee von Weihnachtsmärkten im Januar ist falsch, aber könnten wir sie nicht behalten und einfach in Wintermärkte umbenennen?
Der Sommer hingegen ist mehr als nur Schönheit, der Sommer ist ein Gefühl: Dieses verortet sich irgendwo zwischen Freiheit, Sorglosigkeit und purer Euphorie. Dieses Gefühl dringt durch alle Poren und Spalten meines Geistes und lässt mich plötzlich federleicht werden, es stellt gewissermassen den Antipol zum früher angedeuteten Hochnebelgefühl dar. Es hüllt sich wie ein Zauber um mein Erleben, lässt die Erdbeeren etwas süsser schmecken, die Farben etwas lebendiger strahlen und meine Texte inspirierender wirken, als sie tatsächlich sind.
Abschliessend kann ich festhalten, dass die Gemütlichkeit und die gelegentliche Schönheit des Winters nicht ausreichen, um seine Trostlosigkeit abzufedern. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als einen Sinn in das Leiden hineinzuinterpretieren: Die Tiefen des Winters machen die Hochs des Sommers noch überwältigender. Oder, wie es Literaturnobelpreisträger John Steinbeck einst formulierte: «What good is the warmth of summer, without the cold of winter to give it sweetness?»