Ewiges Dazwischen
Zürich Altstetten-Nord – Ich schaue auf die Anzeigetafel der neuen 51er Tramlinie: acht Minuten noch bis zur Abfahrt. Acht Minuten, die mir normalerweise nichts ausmachen. Dann schaue ich raus aus der von Fettflecken gesäumten Glasscheibe und überblicke den Vulkanplatz. Ich sehe einen Kiesplatz geformt von der Tramschiene, die hier eine Schlaufe bildet und verkündet, dass die Stadt beendet ist. Die Wolkenkratzer, die den Platz von der Südseite her überschatten, verkünden Anderes. Zürich ist eine Metropole, sagen sie, dumpfen aber nachhallend.
Eine Person überschreitet den Platz mit schnellem Schritt, als wäre das Halten verboten. Wie letzte Woche bleiben die öffentlichen Möbel unbesetzt und verschlucken die Stimme der Hochhäuser. Eine leere Sitzgruppe bildet gemeinsam mit einem umgefallenen Artgenossen einen Stuhlkreis, was den Platz noch leerer erscheinen lässt. Ein tragisches Bild. Vielleicht ist Zürich doch eine Metropole, denke ich mir. Aber keine Metropole für Menschen, sondern eine für Finanzkapital. Die überdimensionierten Fassaden nicken mir zu. Mein Blick schweift über die sich leicht spiegelnden Glas scheiben und findet keinen Anhaltspunkt. Also zurück zum Platz.
Ja, der ganze Platz ist mehr Bild als Raum, denke ich mir jetzt und er innere mich an das Gemälde «Bäume im Winter, Blick auf Bennecourt» von Claude Monnet. Wie im Gemälde erhebt sich alle paar Meter ein einzelner Stamm aus kleinen Grasinseln, die aus der Kiesfläche eine dynamische Landschaft machen sollen. In meinen Ohren höre ich eine Stadtplaner*in von der «grünen Lunge» singen und von der Natur, die hier eine Industriebrache für sich zurückgewinne. Doch natürlich wirken diese Bäume genauso wenig wie die Landschaft in Monnets Gemälde. Weder Wald noch Lichtung, eine Art ewiges Dazwischen, als sollte man daran erinnert werden, dass hier wohl einmal Natur war, diese aber eben nicht mehr zu rückkehren wird.
Und tatsächlich sind es genau die künstlich unregelmässig platzierten Bäume, die auf dem Vulkanplatz eine multifunktionale Bespielung verunmöglichen. Sei es bei einem Ballspiel oder dem Aufbau einer kleinen Bühne, immer drängt sich ein Baum dazwischen. Wer hier im Winter Sonne sucht, findet keine, denn die Bäume bilden gemeinsam mit den massiven Häuserblöcken gleich einen doppelten Vorhang. Um wiederum eine florierende Flora zu generieren, ist der Platz zu kahl.
Auf die Artenvielfalt wurde verzichtet. «Aus Kostengründen?», frage ich mich und werde nun selber zur Stimme der Politik. Die sorgfältig zurückgeschnittenen Grasbüschel weisen meine Frage zurück. Ich er innere mich daran, wie sich das tro ckene Kies im letzten Hitzesommer kaum weniger aufgewärmt hat als der versiegelte Asphalt. «Eine leere Fläche von heute ist Profit von mor $gen», flüstert mir eine Immobilienmakler*in zu und da wird mir klar, was dieses ewige Dazwischen verkörpert. Ein leichtes Quietschgeräusch verkündet das Öffnen der Türen und reisst mich aus meinen Gedanken. Die Person, die gerade noch zügig den Platz überquerte, ist eingestiegen und starrt auf die Anzeige. «Noch sieben Minuten», murmelt sie bedrückt.