Wo Haare ihre Schatten werfen

Ob Perücken, Bärte oder Extensions: Die Haarindustrie beliefert Konsument*innen weltweit. Eine steigende Nachfrage bedeutet aber grösseren Druck auf intransparente und ausbeuterische Lieferketten.

Mantra Kumar (Text und Illustration)
25. März 2026

Das Haargeschäft in der Schweiz boomt. Letztes Jahr wurden über 240 Tonnen fertige Haarprodukte wie Perücken, Bärte und Ähnliches importiert. Das ist ein Anstieg von fast 50% gegenüber 2020. Auch flossen rund 20 Tonnen bearbeitetes und 20 Kilo unbearbeitetes Menschenhaar in die Schweiz; Zahlen, die in den letzten fünf Jahren stetig abgenommen haben.

Ein Blick auf die Herkunft der Güter verrät, dass sowohl das rohe als auch verarbeitete Haar vorwiegend aus Indien und China stammt; auch Österreich und Deutschland sind beim Handel des verarbeiteten Haar dabei. Bei Perücken wird die Lieferkette aber schwammig; oft werden sie aus verschiedenen Ländern in Westafrika und Südostasien hierher gebracht, wodurch die gesamte Produktion ausserhalb der Schweiz stattfindet. Besonders das indische Haar gilt als begehrenswert, da sich die Struktur besonders für europäische Köpfe eignet. Das indische Rohhaar hat typischerweise zwei Herkünfte: Spenden aus hinduistischen Tempeln und informelles Sammeln.

«Tonsurrituale sind eine zentrale Rohstoffquelle für den globalen Echthaarmarkt», erklärt Stecy Kalumba, die sich im Rahmen einer Seminararbeit mit den Lieferketten der Haarextensionsindustrie befasst hat. Im Anschluss an solche Rituale verkaufe der Tempel das Haar in einem Auktions- oder Lizenzsystem an Zwischenhändler*innen. Der Erlös soll eigentlich gemeinschaftlichen Zwecken zu Gute kommen. Was aber zwischen Verkauf und Spende passiert, ist oft unklar. Kalumba schreibt: «Viele Spender*innen wissen weder, dass ihr Haar verkauft wird, noch welchen Wert es hat, während entlang der Kette hohe Gewinne erzielt werden. Zudem fördern Zwischenhändler*innen und Unternehmen gezielt Intransparenz, was Ungleichheiten verstärkt.» 

Zusätzlich handelt es sich im Haargeschäft auch um die Kommodifikation eines Gutes, welches nicht für Gewinne gedacht war. «Das gespendete Tempelhaar wird von einer religiösen Gabe zu einer gefragten Handelsware», meint Kalumba. Das Angebot aus Tempeln reicht jedoch nicht aus, um die grosse globale Nachfrage nach indischem Haar zu decken. Es muss also auf eine zweite Quelle zurückgegriffen werden: Eine Produktion, die sich ins besondere auf Frauen aus marginalisierten Gemeinschaften stützt, die im Tageslohn Haare aus dem Kehricht einsammeln und Exportierenden bringen.

Sammlerinnen mit leeren Händen

Diese Exportbusinesses binden die Sammlerinnen dabei mit fragwürdigen Taktiken an sich. Bei einer Haar-Lieferung bekommen sie nur die Hälfte des ohnehin kargen Lohns. Den Rest erhalten sie erst, wenn sie den Exportierenden eine neue Lieferung bringen. Um ausbeuterischen Preisen entgegenzuwirken, hat der indische Staat letzten Februar den Mindestkilopreis des Rohhaars auf 65 Dollar hochgesetzt. Dennoch sehen die Sammelnden praktisch nichts vom Mehrwert, den man weiter vorne in der Lieferkette generiert.

Statistiken des Schweizer Aussenhandels zeigen die Steigerung entlang der Produktionskette: 2021 betrug der Importwert an Rohhaar 390’000 Franken pro Tonne. Gleichzeitig erzielte eine Tonne verarbeitetes Haar im Export über 841’000 Franken. Noch deutlicher ist die Aufwertung beim Import von verarbeitetem Haar aus Österreich und teilweise Indien und China: Während eine importierte Tonne weniger als 65'000 Franken kostete, wurden die Fertigprodukte wie Perücken und Bärte für über 433'000 Franken pro Tonne verkauft. 

Diese Preissteigerung ist auch für andere Güter aus Ländern des globalen Südens typisch. Dr. Atiya Hussain, Forscherin für postkoloniale Wirtschaftsstruktren an der Uni Zürich, hat sich im Artikel «Dharavi: In Search of Due Credit» mit der Produktion von Leder in der Slum-Siedlung Dharavi in Mumbai befasst. Auch dort handle es sich um eine informelle Herstellungskette, die direkt an den Export gekoppelt ist. 2005 soll der Export an Ledergüter aus Dharavi zwischen 30 und 85 Millionen Dollar betragen haben; «Der Gewinn» hingegen, sagt Produzent Roshan Kalim im Gespräch mit Dr. Hussain, «ist von etwa 8'000 Rupien auf 1'500 Rupien pro Monat gesunken.» Eine solche Dynamik mit einer informellen Produktion erschwert die Anreicherung von Kapital in diesen exportierenden Ländern. 

Was die Herkunft von Echthaarprodukten anbelangt, bleiben hiesige Konsument*innen oft im Dunkeln. Immerhin: Einige Zürcher Firmen bemühen sich um einen transparenteren Verkauf. Auf Anfrage der ZS erläutert etwa das Geschäft Extensionpoint, sie würden nur Haare slawischer Herkunft beziehen, da diese am gefragtesten und geeignetsten für eine europäische Kundschaft sei. «Wir sind auch schon mal vor Ort vorbei gegangen und sahen uns die Herstellung an», so das Geschäft. Allerdings ist es nicht klar, woher das Rohhaar kommt; dieses hat eine separate Lieferkette.

Schweiz darin verwickelt

Einen anderen Ansatz verfolgt ein weitere Zürcher Firma: «Wir setzen auf eine Eigenproduktion in Kambodscha.» Dabei würde das Team zwei- bis dreimal im Jahr die Herstellung besichtigen und die Qualität prüfen. «Vor längerer Zeit haben wir auch mit Zweithändler*innen gearbeitet; da die Haarmenge immer kleiner und unverlässlicher wurde, haben wir auf die Eigenproduktion gewechselt», hiess es im Gespräch mit der ZS. Es ist aber unklar, wie verbreitet dieses Modell innerhalb der Industrie ist. 

Auch Kalumba meint: «Für Konsument*innen ist die Herkunft meist kaum sichtbar, da Informationen entlang der Lieferkette verloren gehen. Unternehmen kommunizieren nur mit begrenzter Transparenz, was den Bezug zur ursprünglichen Herkunft stark erschwert.» Beispielsweise wollte sich der Coiffeur Hickenbick, der laut eigenen Angaben die schweizweit grösste Auswahl an Extensions hat, auf Anfrage der ZS nicht zu ihrer Lieferkette äussern. 

Die Geschichte hinter importierten Haaren ist für Schweizer Konsumierende also nur schwer rekonstruierbar. Doch der Blick auf die Lieferketten zeigt: Die Produktion und der Handel von menschlichem Haar bauen auf problematischen wirtschaftlichen Strukturen. Die Frage ist daher nicht nur, wie wichtig Haare für unser Erscheinungsbild sind, sondern auch, welchen Preis andere dafür zahlen.