Gustav redet Blödsinn
Nach fremdenfeindlichen Äusserungen auf Tiktok beendete die Migros die Kooperation mit «Joung Gustav». Inwiefern sich der Influencer rechtsextremen Narrativen bedient, zeigt unser Autor auf.
«Vor ein paar Jahren hätte ich als uninformierter Wähler vermutlich ‹Ja› gestimmt», sagt «Joung Gustav» in einem Video vom November 2025. Dabei bezieht sich der TikToker auf eine Abstimmung über eine Asylunterkunft in seiner Gemeinde. Gustav, der bekannt wurde durch «Stadi-Szene»-Videos und öffentliche A-Capella-Auftritte, veröffentlicht auf seinem Zweitkanal «gustavredet» seit einiger Zeit «ernsthafte», «politische» Inhalte – und kommt dort zur vermeintlichen Erleuchtung: «Ich glaube, ich werde nie wieder für ein Asylprojekt stimmen.»
Dass die SVP, die «Junge Tat» oder «Mass-Voll!» Hetze gegen Migrant*innen und Geflüchtete betreiben, ist man sich mittlerweile gewöhnt. Hingegen ist es doch recht ungewöhnlich, wenn sich ein Influencer, der vor einigen Monaten noch belanglose Unterhaltungsvideos produzierte, heute fremdenfeindlicher Rhetorik bedient. Einige Monate später beendete darum die Migros ihre Zusammenarbeit mit Gustav, dieser sah sich gecancelt und die NZZ sowie der Tages-Anzeiger berichteten darüber.
Versteckte Verschwörungserzählungen
In seinem Asyl-Video thematisiert Gustav drei «problematische» Aspekte der schweizerischen Asylpolitik. Das erste Problem macht er in den jährlichen Kosten des Asylwesens auf Bundesebene fest, die so hoch seien, dass der «Schweizer» von Geflüchteten ein «bilderbuchhaftes» Verhalten erwarten dürfe. Dabei beruft er sich auf Zahlen aus einem Postulat der SVP, die jedoch nicht aus einer offiziellen Statistik stammen. Schenkt man diesen Zahlen aus dem Jahr 2024 trotzdem Glauben, machen sie gerade einmal 4,35 Prozent des Bundeshaushalts aus. Inwiefern ein Grundrecht mustergültiges Benehmen verlangen kann, ist jedoch unklar.
Das Recht auf Asyl schützt Menschen vor politischer Verfolgung – unabhängig davon, ob sie den Erwartungen des Aufnahmelandes entsprechen. Grundsätzlich unterstehen Geflücht te, ausser in wenigen Fällen, auch demselben Strafrecht wie Schweizer*innen. Ein weiteres Problem bestehe darin, dass Asylbewohner überproportional viele Straftaten begehen. Ohne weiter zu kontextualisieren, legt Gustav damit die Herkunft der Geflüchteten als Ursache für die Kriminalitätsrate nahe.
Einen solchen Kausalmechanismus zu behaupten, ist jedoch allein deshalb problematisch, weil Racial Profiling die Statistik verzerrt. Überdies begünstigen vielmehr sozioökonomische Faktoren wie Alter, Armut, Bildung und Geschlecht die Straffälligkeit. Eben jene kriminalitätsrelevanten Prädikatoren, die geflüchtete Menschen vermehrt aufweisen: Sie sind häufiger arm, weisen geringere Bildung auf, sind männlich und jung.
Wenn die Geburtenrate so tief bleibe, die Bevölkerung durch Migration aber konstant gehalten werde, würden «Schweizer» aussterben, fürchtet Gustav schliesslich. Während er bis vor Kurzem noch von Asylbewohner*innen sprach, bezieht er sich inzwischen verallgemeinernd auf Migranten*innen. Dass diese Begriffe nicht dasselbe bedeuten, sein Narrativ folglich noch diffuser wird, scheint für ihn unerheblich.
Von weitaus grösserer Bedeutung ist allerdings, dass Gustavs Aus sagen hier Affinitäten zu rechtsextremistischen Verschwörungsphantasien aufweisen. Dies stellt auch Natascha Strobl, Politikwissenschaftlerin und Expertin für Rechtsextremismus, fest: «Die Verschwörungserzählung vom ‹Grossen Austausch› fusst auf der Annahme, dass die ‹einheimische› Bevölkerung Europas gegen vorwiegend muslimische Migrant*innen ausgetauscht werden soll.
«Joung Gustav» fabuliert ebenfalls davon, dass die Schweizer bald eine Minderheit im eigenen Land sein würden.» Indem der Tiktoker Dog Whistling betreibt, vermeidet er es, diese Verschwörungserzählung explizit zu erwähnen. Bei Dog Whistling handelt es sich um eine Form der kodierten Sprache, die es erlaubt, für ein breites Publikum harmlos zu wirken, von der eigenen Anhänger*innenschaft, in diesem Fall der extremen Rechten, aber verstanden zu werden. Dies werde unter anderem dadurch ersichtlich, dass Gustav das Thema Asyl mit den Bereichen Kriminalität auf der einen und Geburtenrate auf der anderen Seite verknüpft.
Strobl ergänzt: «Gerade das Thema der Geburtenrate ist eines, wenn nicht das dominierende Thema der extremen Rechten der letzten Jahre.» Überhaupt findet sich das Fremdenfeindliche im Impliziten. Während Gustav bei der Geburtenrate nur andeutungsweise auf den Bevölkerungsaustausch zu sprechen kommt, erwähnt er die erwünschten Konsequenzen seiner scheinbaren Feststellungen nicht. Was aber folgt aus seiner diffusen Stimmungsmache?
Für Marc Spescha, Rechtsanwalt und emeritierter Professor für Migrationsrecht, ist Gustavs implizite Forderung eindeutig: Er möchte die Grenzen dicht machen und keine Asylsuchenden mehr reinlassen. Dieser Verdacht wird durch seine Sympathie für die «Junge Tat» nur noch erhärtet. Wie die Republik berichtet, sagte Gustav über die rechtsextreme Organisation in einem Livestream auf Tiktok, sie kämpfe fürs Land und stehe für Remigration von illegalen Migranten ein.
Der Influencer ahmt somit den Gestus der extremen Rechten nach. Sein Wunsch nach Grenzschliessung blende allerdings aus, dass damit die elementare völkerrechtliche Pflicht verletzt würde, Asylgesuche zu ermöglichen und ein entsprechendes Gesuch auch individuell zu prüfen, sagt Spescha. Zu beachten sei überdies, dass die Zahl Asylsuchender im Promillebereich der Gesamtbevölkerung liegt und gemessen an der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung nur rund zwei Prozent Asylsuchende sind.
Trotz dieser bescheidenen quantitativen Bedeutung beschwört die SVP anhaltend ein «Asylchaos» und bauscht die Asylimmigration zu einer gesellschaftlichen Grossbedrohung auf. Indem Migration und Asyl auch regelmässig in eine Kriminalitätsdebatte münden, gehen die Proportionen völlig verloren: «98,8 Prozent der Ausländer*innen und 95,7 Prozent der Asylbevölkerung werden in der Schweiz keiner Straftat beschuldigt», betont Spescha.
NZZ verharmlost rechtsextreme Aussagen
Nach diesen fremdenfeindlichen und verschwörungsaffinen Exzessen, deren Forderungen nicht nur absurd, sondern auch völkerrechtswidrig wären, veröffentlichte Gustav dann ein weiteres Video. In diesem behauptet er, dass man als Influencer in der Schweiz entweder links sein müsse oder ruhig. Seiner Kritik pflichtete die NZZ im Artikel «Lustig ist nur wer links ist?» bei: «Mit der Volkspartei zu argumentieren, scheint in der Geschäftswelt dagegen schon inakzeptabel zu sein.»
Ausserdem wirke es übertrieben, bei Gustavs Aussagen von Anknüpfungen an die rassistisch-nationalistische Theorie des Bevölkerungsaustausches zu sprechen. Insofern wird deutlich, dass die NZZ das Problem bei der «intoleranten Linken» sieht, die Gustavs kritische Äusserungen nicht ertragen würde. Natascha Strobl überrascht die Verharmlosung von Gustavs Ausschweifungen durch das bürgerliche Medium wenig: «Für die NZZ ist diese Einordnung wenig verwunderlich, ihre Blattlinie ist in den letzten Jahren konsequent nach rechts gerückt.»
Zu der These einer links-dominierten Geschäftswelt sagt Strobl, dass der Rahmen des Sagbaren in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren immer weiter nach rechts ausgeweitet wurde. Viele Konzerne, die sich jahrelang ein liberales und progressives Image gegeben hätten, seien in Rekordgeschwindigkeit umgeschwenkt, wie etwa auch Meta/Facebook oder Google. Sie unterstreicht: «Die NZZ bedient ein Publikum, das diesen Weg ebenfalls gegangen ist. Wir haben es mit einer Form des verrohten Bürgertums zu tun.»
In ihrer Berichterstattung erkennt die NZZ jedoch keine Problematik. So schreibt diese auf Anfrage der ZS, dass es Ziel des Artikels war, die öffentliche Debatte rund um Gustav kritisch einzuordnen. Inwiefern es sich hierbei um eine differenzierte Auseinandersetzung handelt, gilt es zu hinterfragen. Viel eher scheint die Causa «Joung Gustav» ein Beispiel dafür zu sein, wie von Rechtsaussen xenophob getrötet wird, ein bürgerliches Leitmedium diesen Lärm aufnimmt, normalisiert und das Problem zuletzt den Linken in die Schuhe schiebt. Mit Unterstützung seiner Freund*innen bei der NZZ und der Schweizerischen Volkspartei schliesst sich Gustav einer langen politischen Tradition an, die weit vor der Ära Schwarzenbach einsetzte: Fremdenfeindlichkeit, das gehört eben zum schweizerischen Bewusstsein.