Wettlauf gegen den Müll

«Züri rännt» nicht um die Wette, sondern für die Umwelt. Mit ihrem Ansatz möchten sie gemeinsam Sport treiben und gleichzeitig die Zürcher Strassen verschönern.

Dominique Lindegger (Text)
26. Februar 2026

Dienstag, 7 Uhr, Bürkliplatz. In der winterlichen Dunkelheit strahlen Stirnlampen über fröhlich schwatzende Gesichter. Eine Gruppe trifft sich jeden Dienstag in einer variierenden Zusammenstellung vor der Zürcher Schiffsanlegestelle. Begrüssungen und Umarmungen, Gelächter, kleine Aufwärmübungen und bald schon sind alle Läufer*innen in verschiedenste Gespräche verwickelt. Ausgerüstet mit Laufschuhen, Joggingwesten und Leuchtarmbändern besprechen die heutigen acht Teilnehmer*innen die Route. In einem bequemen Tempo läuft die Gruppe los. «Züri rännt» wurde 2016 von Marianne Haller und Robert Peterhans aus Frust über fehlende Joggingangebote in Zürich gegründet. 

Gemeinschaft ist wichtiger als Leistung 

Sie organisierten wöchentliche Lauftreffen und an manchen Wochenenden grössere Erlebnisläufe. Die Treffen finden zweimal pro Woche statt: Dienstags eher gemütlich und mit Fokus auf das Zusammensein, donnerstags wird sich weniger unterhalten und dafür mehr und schneller gerannt. Das Ganze basiert auf der Freiwilligenarbeit der Organisator*innen und einem Team aus neun laufbegeisterten Menschen verschiedenen Alters, die die Leitung der Trainings übernehmen. Die Organisation wird durch einen Sportförderungsbeitrag der Stadt Zürich unterstützt. «Wenn alle am Plaudern sind, passt es. Die Leute treffen sich, haben eine gute Zeit und gehen wieder» sagt Peterhans über den Begegnungscharakter. Neue Lauftermine würden dabei bewusst breit kommuniziert, damit Personen unter schiedlichen Alters, Geschlechts und Interessen angesprochen würden. Was sie vereint, ist die Freude am Joggen. Während einige Teilnehmer*innen immer schon gelaufen sind und seit den Anfängen von «Züri rännt» an den Lauftreffen teilnehmen, sind andere über Freund*innen dazugestossen und gerade dabei, das Joggen zu entdecken. Wieder andere nehmen vor allem an den Treffen teil, um Gleichgesinnte kennenzulernen, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern oder Zürich zu erkunden. Der Austausch über die Sprache und Stadt findet mittlerweile automatisch durch die durchmischten Gruppen statt. Auch für Stadtzürcher*innen bieten die Treffen eine Gelegenheit, die Stadt durch wiedergefundene «Geheimgässli» oder neue Winkel kennenzulernen, die sie dann mit grosser Freude den Läufer*innen zeigen, die weniger lange in Zürich sind. Zudem stelle es sich - gerade als Frau - als eine Erleichterung heraus, in einer Gruppe rennen zu können. Verlassene Strassen zu dunklen Tageszeiten werden im Alleingang von der Joggingroute gestrichen, selbst wenn es sich dabei um den direktesten Weg handeln würde. Die Teilnehmerinnen bestätigen, dass sie die Strecken alleine nicht ohne Unwohlsein gelaufen wären. Mit der Gruppe sei diese Angst hingegen nicht, oder zumindest sehr gering, zu verspüren. 

Plogging statt nur Jogging 

Auch durch ihr Engagement im Plogging hat «Züri rännt» einige Läufer*innen für sich gewinnen können. Plogging ist eine Kombination aus dem schwedischen Ausdruck «plocka upp» (Aufheben) und dem Wort «Jogging». Es beschreibt eine Verbindung aus sportlicher Aktivität und Umweltschutz: Während des Joggens Müll aufheben und anschliessend richtig entsorgen. Beim Plogginglauf bilden Teilnehmer*innen Gruppen, von denen sich jede um eine Art von Müll kümmert. Mit Handschuhen gewappnet und Abfallsäcken im Gepäck bewegen sich die Teilnehmer*innen durch die Stadt und halten nach Glas, Plastik, Alu-Büchsen, Zigarettenstummeln und verlorenen Gegenständen Ausschau. Die Läufe werden mit dem Entsorgen des Gesammelten und einer heissen Schokolade abgeschlossen. 2018 organisierten die «Züri rännt»-Initiator*innen einen der ersten Ploggingläufe in der Schweiz. Ausschlaggebend seien ein Social-Media-Hype um Plogging, dem keine Taten folgten, sowie ein Gruppenmitglied, das sich über den Abfall auf den Wegen ärgerte. 2022 wurde Hallers und Peterhans’ Engagement im Plogging «Züri rännt» mit dem «IGORA Um weltpreis» geehrt. Das Angebot stiess auf Zustimmung und es wurden immer weitere organisiert, unter anderem in unkommerzieller Zusammenarbeit mit Gemeinschaftszentren und dem Science Lab der Universität Zürich. «Dass sich Läuferinnen und Läufer für eine intakte Umgebung einsetzen, scheint uns naheliegend. Schliesslich ist sie unser Bewegungsraum», sagt Peterhans. Gleichzeitig relativiert er den Einsatz: «Das Plogging-Engagement ist wichtig, aber keine Lösung. Die Aktion kann nur darauf aufmerksam machen, dass alle Akteure gemeinsam nach nachhaltigen Lösungen suchen sollten.»