Der Student ohne Zuhause
Wenn sich das Leben nur noch in der Öffentlichkeit abspielt und der Rückzugsort geliehen ist. Julian* erzählt von einem Sommer, in dem ein Keller seine Bleibe war.
Durch das winzige Fenster des Kellers blickte man raus in den heissen Sommer. Unter der Erde war es für Julian* aber angenehm kalt. Er sass im Pyjama auf einer Matratze, die direkt auf dem nackten Boden lag. In der Hand hielt er seine Zahnbürste wie ein Relikt aus einem Leben, das vor kurzem noch normal war. Er lauschte und wartete, bis die Schritte im Waschraum verhallten und die Person endlich weg war. Er wollte nur ans Waschbecken, sich die Zähne putzen, aber niemand sollte ihn so sehen.
Nicht so im Pyjama zwischen Skischuhen und Winterreifen. Nicht so ohne zuhause. Seit er aus seiner Wohnung raus musste, fühlte sich Julian für einen ganzen Sommer lang wie ein Geist. Er schwebte in einem unbestimmten Zwischenstadium und wusste nicht, wohin mit sich. Möglichst unsichtbar wollte der damals 20-Jährige sich und seine Situation machen und konnte nur mit wenigen Personen über seine Obdachlosigkeit reden. Inmitten von Examensstress und Abgabedruck seines Jurastudiums war es schlicht unmöglich, im Zürcher Wohnungschaos etwas zu finden, das sein schmales Budget nicht sprengte. Anfang Juni 2024 hatte er noch ein festes Dach über dem Kopf. Ende Juni stand er auf der Strasse. Ein Obdachloser mit Gesetzestexten im Rucksack.
Zu den Eltern zurückzuziehen, war für Julian nicht möglich. 2024 war das Jahr seines Coming Outs. Seine Mutter konnte nicht akzeptieren, dass er schwul ist: Es kam zum Streit und einem unvermeidbaren Zerfall der Beziehung mit seiner Familie. «Es ist für alle besser, wenn ich ihnen fern bleibe», sagt Julian nüchtern. Er hatte keine familiäre Stütze mehr und, was fast noch schwerer wiegt, seinen Rückzugsort verloren. Das Privileg, nach einem langen Arbeitstag die Tür hinter sich zu zuziehen, sich auf das eigene Bett zu setzen und einfach nur durchzuatmen, existierte für ihn nicht mehr. Jeder Moment seines Alltags war öffentlich oder geliehen.
Leben in der Öffentlichkeit
Das Geld reichte nur für Sandwiches aus der Migros oder dem Coop und er verbrachte die Tage in der öffentlichen Bibliothek. Die Bibliothekar*innen kannten ihn mittlerweile. Dort machte er es sich gemütlich, sah sich Filme auf dem Laptop an oder daddelte auf dem Handy, auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Aber so sehr er auch suchte, er fand keine. Die Wohnungsnot in Zürich, gekoppelt mit seinen eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten, machte es ihm besonders schwer. Sein Jurastudium erlaubte es ihm zu diesem Zeitpunkt nicht, mehr als 20 Prozent zu arbeiten. Damit konnte er sich nichts auf die Schnelle leisten und etwas Längerfristiges zu finden, wurde zur Herausforderung.
Eine Kollegin in seiner Heimatstadt bot ihm den Keller ihres Elternhauses an. In Zürich selbst traute er sich nicht, jemanden zu fragen – geschweige denn, etwas anzunehmen. Die Scham überwog. Fast den ganzen Sommer verbrachte er also dort unter der Erde. Wenn die Familie der Kollegin wach war, durfte er in die Wohnung und die Toilette benutzen. Schliefen sie, war der Weg nach oben versperrt. Dann wartete er bis zum Morgengrauen. Fürs schnelle Zähneputzen konnte er ans Waschbecken des Waschraums nebenan. Obwohl die Eltern der Kollegin warmherzig waren und ihn auch zum Essen einluden, fühlte er sich unwohl.
Während sie ihm Essen und Hilfe auf den Teller luden, wuchs in seinem Kopf mit jedem Bissen seine Schuld ihnen gegenüber. Er schämte sich für seine Bedürftigkeit. Rückblickend weiss er, dass das nicht hätte sein sollen. «Es ist okay, Hilfe anzunehmen», sagt er, wenn auch mehr zu sich selbst. Er wollte nicht bemitleidet werden, wollte nicht, dass die Leute ihn mit anderen Augen sehen: «Jeder hatte das Bedürfnis, mir einen Rettungsring zuwerfen zu wollen, nur weil man mich im Wasser sah». Als er von der Obdachlosigkeit erzählte, kamen nämlich Angebote für Betten und Links zu Wohnungsinseraten. Er wünscht sich nun zwar, dass er damals mehr Hilfe akzeptiert hätte, doch gleichzeitig schreckte ihn das ständige Anbieten von gut gemeinten Tipps ab und er zog sich von den Personen zurück. Dieses Paradoxon beschäftigt ihn noch heute.
Ein politisches Versagen
Für Julian fühlte sich das oft so an, als wolle man ein riesiges, strukturelles Problem der Stadt Zürich nicht anerkennen und auf ihn als einzelne Person abwälzen wollen. Als sei es irgendwie seine Schuld, dass er nichts finden konnte. «Es ist ein politisches Versagen», sagt er. Dass solche Situationen als individuell beschämend wahrgenommen werden, sei noch immer Teil des Problems. Er will es noch nicht verarbeiten. Auf seinem Handy ploppt eine Benachrichtigung auf. Eine automatisch erstellte Diashow aus Snapchat-Memories. Da ist der kalte Keller, da die warme Bibliothek und da die Matratze auf dem Boden; die Bilder sind mit sommerlichen Beats unterlegt. Eine Zeit, auf die er nur ungern zurückblickt. Jedenfalls momentan nicht.
Ganz verarbeitet hat er diesen Sommer und die Erfahrung nämlich nicht; er hat sie für den Moment tief in seinen Erinnerungen vergraben. Die Erinnerung an sein Leben in wenigen Taschen und an das Gefühl, dass er aus seinem Loch in der Erde nicht mehr rauskommen könnte. Doch die Wende kam schliesslich Mitte September, pünktlich zum Semesterstart. Wie so oft in Zürich, entscheidet nicht das Budget, sondern der Zufall. Auf einer Feier hörte er von einem freien Zimmer im Kreis 4. Jemand kannte jemanden, und plötzlich hatte der Fiebertraum ein Ende.
Von einem Moment auf den anderen hatte Julian wieder einen eigenen Raum, fast so schnell, wie er ihn verloren hatte. Er lernte Dinge wertzuschätzen, die er nicht hatte und nun hat: ein Fenster, ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bett. Sein jetziger Mitbewohner war der Erste, der ihm einfach nur zuhörte, ohne sofort eine Lösung oder Mitleid griffbereit zu haben: «Als ich ihm vom winzigen Fenster im Keller erzählte, meinte er geschockt, worauf ich warten würde. Ich soll unser Fenster umarmen.» Lächelnd denkt Julian an diesen bittersüssen Moment zurück. Sein Mitbewohner erkannte seine Geschichte an und das war alles, was er brauchte. Er will kein Mitleid, er will nicht anders gesehen werden. Er will bloss Sichtbarkeit für ein Problem, das mehr Leute betrifft und betreffen kann, als man denkt.