«Ich schreibe oft für Menschen, die keine Stimme haben»
Kultur — Vor sieben Jahren kam Nour Al-Abdullah in die Schweiz. Heute erzählt die 28-Jährige in Gedichten und Geschichten von Verlust, Flucht und die Suche nach Gemeinschaft fern der Heimat.
Nour schreibt aus Wut. Sie schreibt als Reaktion auf ihre Ohnmacht, auf die Ungerechtigkeit, die sie um sich herum wahrnimmt. Das Schreiben dient der 28-Jährigen Nour Al-Abdullah zugleich als Waffe und Schutzmechanismus, um ihre Autonomie von ihren Erlebnissen und Fürchten zurückzugewinnen.
Nour Al-Abdullah ist in der Nähe von Aleppo in Syrien aufgewachsen. In einem Dorf nicht weit von der Stadt entfernt, wohnte sie mit ihren Eltern und sechs Geschwistern. Bereits in der Primarschule begann sie, Verlust in ihrem Schreiben zu thematisieren. In einem Aufsatz schrieb Nour über einen Geschäftsinhaber, der der Hauptfigur ein Windrad schenkt. Grund für das Geschenk war, dass das Mädchen ihn an seine verstorbene Tochter erinnerte. Doch nebst dem Lob, den sie für den Aufsatz bekommt, offenbart sich für Nour eine tiefere Bedeutung im Schreiben.
Flucht in zwei Etappen
Als sie vierzehn ist und ihre Brüder für die Armee in den Bürgerkrieg ziehen sollten, flieht ihre Familie nach Libanon. Weniger als drei Wochen später wird ihr Heimatdorf komplett zerstört. «Wir sind genau rechtzeitig gegangen», sagt sie gegenüber dem Magazin Coucou. In Libanon wohnen Nour und ihre Familie von Bergen umgeben. Nour schreibt weiter. Ihre Werke liest sie den Bäumen laut vor und tut so, als sitze ein Publikum vor ihr.
Mit 21 flieht sie mit ihrer Familie in die Schweiz. Es folgt eine Zeit von Einsamkeit, Demotivation und Orientierungslosigkeit. Alles ausser Bergen scheint fremd, unbekannt. Alle Gefühle, die sie bis jetzt angestaut hat, holen sie auf. Ihr Körper war bis zu diesem Moment im Kampf-oder-Flucht-Modus, sagt sie der ZS. Als sie in Sicherheit war, durfte er alles endlich rauslassen und die Gefühle aufarbeiten. «Früher fühlte ich mich, als wäre ich gar nicht da. Ich fühlte mich nicht verbunden mit der Realität. Bis heute kehrt das Gefühl immer wieder zurück.»
«Ich wohne nicht in der Schweiz / Ich wohne nicht in diesem Haus», schreibt Nour in einem Gedicht, das sie auf Facebook veröffentlicht. Sie spricht von einer Anonymität und einem Identitätsverlust, als sie in der Schweiz ankommt. «Im ersten Jahr wollte ich nicht hierbleiben», sagt sie. «Es sind so viele Leute um mich herum, aber niemand weiss, wer ich bin.»
Radio gegen Einsamkeit
Eines Tages setzt sich Nour in Winterthur auf eine Bank. Unter einer grossen Kastanie fängt sie an zu weinen und hört nicht auf. Eine fremde Frau setzt sich zu ihr und schaut ihr, ohne zu sprechen zu und nickt langsam. Plötzlich fühlt sich Nour verstanden. Ein paar Tage später nimmt diese Frau Nour zu ihrem Chor mit. Dort findet sie einen Schutzort: Die Gruppe wird für sie eine Säule der Unterstützung, ein Beweis dafür, dass sie nicht allein ist.
Allmählich gewöhnt sich Nour an die Schweiz und an eine neue Routine. Sie lernt die Sprache und die Menschen kennen. Sie wird Arabischlehrerin für Kinder in einer Schule auf dem Lindberg. Ein paar Jahre später steigt sie in die Welt des Radiojournalismus ein und gestaltet heute die Sendung «Safara» am Radio Stadtfilter in Winterthur. Diese ist auf Arabisch und legt einen Schwerpunkt auf die Unterstützung von Flüchtlingen in der Schweiz, wobei sie grösstenteils Einsamkeit thematisiert. Nour gibt den Hörenden aus eigener Erfahrung Tipps dazu, wie man im fremden Land Freund*innen findet und Motivation bewahren kann. Für sie ist es sehr wichtig, so viele Menschen aus der Isolation herauszubekommen wie möglich.
In der Zukunft würde Nour selbst auch gerne eine Unterstützungsgruppe leiten. Ihre Idee wäre es, sich mit 10 bis 20 Menschen regelmässig zu treffen und ihnen einen Ort für Austausch, Vertrauen und gegenseitige Stärkung anzubieten. Durch ihre Erfahrung im Chor weiss sie, wie wichtig es ist, dass man sich an einem neuen Ort verstanden und zugehörig fühlt.
Stimme erheben, Stimme geben
In möglichst all ihren Tätigkeit versucht sich Nour auf ihre Gemeinschaft zu beziehen. Auch in ihren Texten erzählt Nour oft von Erfahrungen, die sie nicht selbst gemacht hat. «Ich schreibe oft für Menschen, die keine Stimme haben, oder kein Recht für diese Stimme.» Auch im Gespräch mit ihr wird ihr hohes Mass an Empathie bemerkbar. Wenn sie über die Erfahrungen anderer schreibt, fühlt es sich sowohl für Nour als auch Lesende so an, als ob sie das gerade selbst erlebt hätten. Sie sagt, dass sie nach dem Schreiben oft mit ihren Gefühlen sitzen muss, um sie zu verarbeiten.
In Nours Werken geht es um Macht und Ohnmacht, Körperautonomie, die Natur und Erinnerungen oder Verlust von Nahestehenden. Die Texte werden ausserdem auf Deutsch übersetzt; trotz Bedenken der Autorin, dass sich dabei der emotionale Hintergrund verliert, sind diese Übersetzungen für sie gelungen. Nour meint jedoch, es könnte den Lesenden auch einfach die Erfahrungen für ein richtiges Verständnis des Textes fehlen. «Manchmal gibt es ein Missverständnis: Wo ich beim Lesen lachen würde, würde eine Übersetzerin weinen.» Deshalb sei für sie eine gute Kommunikation und Zusammenarbeit mit der Übersetzer*in wichtig.
Oft erzählt Nour Al-Abdullah in ihren Werken über die Erfahrungen von Menschen in Syrien, mit dem Ziel, Schweizer Leser*innen zu sensibilisieren und informieren. Ihr Gedicht «Von heute heiss ich Ghassan» erzählt die Geschichte der Familie ihres Onkels, der in ihrer Kindheit plötzlich verschwand. Damit teilt sie die Geschichte tausender Familien, die Verwandte durch Entführungen und grundlose Verhaftungen vom Regime verloren haben. «Die Unklarheit ist am schmerzhaftesten; diese Familien wissen nie, wo die Gefangenen sind und ob sie noch leben. In solchen Situationen wäre ein klarer Tod eine Erlösung», sagt Nour. Ihre Tante musste beim Lesen des Gedichts weinen. Die Autorin möchte aber mit diesem Werk auch, dass sich Menschen, die dies nicht erlebt haben, vom Leben in Syrien erfahren.
Es war schon immer Nours Traum, ihre Arbeit vor einem Publikum vorzustellen. Am 1. April dieses Jahres wurde dieser Traum zur Realität. Im Kulturmarkt in Zürich fand die Veranstaltung «Texte Ohne Grenzen» statt. Dort stellte Nour sich und ihre Texte vor, auf Arabisch und auf Deutsch übersetzt. Begleitet vom traditionellen Instrument Oud, wurde an diesem Abend auf zwei Sprachen erzählt, gelacht und geweint. Die Veranstaltung hat jegliche Erwartungen von Nour übertroffen. «Die Leute sind zu mir gekommen, haben meine Hände gehalten und haben gesagt: Wir haben das gespürt. Obwohl das nicht ihre Sprache, ihre Kultur, ihr Land war. Das war für mich ein Erfolg. Im Mai tritt sie an den «Solothurn Literaturtagen» auf.
Werkzeuge für morgen
Obwohl Nour sich gerade auf das Schreiben fokussiert, ist sie auch an Psychologie interessiert. Als Kind wollte sie entweder Journalistin oder Psychologin werden. Auch heute sagt sie, dass ein grosses Problem in Syrien die fehlende Expertise sei, um den Menschen mit der Verarbeitung ihrer Traumata zu helfen. Das hat langfristige Konsequenzen für Generationen von Syrier*innen auch nach Ende des Bürgerkrieges. Oft stellt sich Nour Al-Abdullah vor, dass sie nach einem Psychologiestudium in ihre Heimat zurückkehrt und den Leuten die Instrumente gibt, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Für den Moment hofft sie aber, dasselbe mit ihrer Kunst zu machen.
In der Zwischenzeit arbeitet Nour Al-Abdullah schon an einem neuen Buch. Es handelt sich um eine längere Geschichte, was für die Autorin ein neuer Ansatz ist. Es ist auf Arabisch, jedoch hofft Nour, es nach dem Fertigstellen auch auf Deutsch übersetzen lassen zu können.