Das Studium für den Leistungssport nicht auf Eis gelegt
Zwischen Eistraining und ETH-Studium erzählt Ioulia Chtchetinina von Disziplin, Rückschlägen und grossen Momenten – und davon, dass ihr Selbstwert nicht von vier Minuten Wettkampf abhängt.
Ioulia Chtchetinina ist heute nicht auf der Eisbahn, sondern per Videocall anzutreffen. Die Olympiateilnehmerin sitzt nämlich in ihrem Zimmer in Berlin. Ihr Alltag bewegt sich zwischen zwei Welten: Sie ist Eiskunstläuferin auf Spitzenniveau und studiert an der ETH Zürich. Seit zwei Jahren trainiert sie in der Disziplin Paarlauf. Während sie sich auf die Weltmeisterschaften vorbereitet, folgt ihr Tagesablauf einem klaren Rhythmus: Zwei Trainingsblöcke auf dem Eis, dazwischen bleibt Zeit für das Studium oder für Dinge, die ihr helfen, den Kopf freizukriegen. Dazu spaziert sie durch die Stadt, liest oder geht ins Theater oder Kino.
Begonnen hat ihre Sportkarriere jedoch nicht auf dem Eis. Während ihrer Kindheit in Baden meldeten ihre Eltern sie früh für verschiedene Sportarten an. Sie war ein Kind mit viel Energie und Bewegungsdrang und probierte einiges aus, unter anderem Schwimmen. Ihre Karriere im Wasser blieb aber kurz; das Schwimmen machte ihr wenig Spass, wie sie lachend erzählt: «Ich war klein und deshalb nicht besonders erfolgreich.»
Ihre Statur liess sie aber in einer anderen Sportart brillieren. Mit sechs Jahren stand sie nämlich zum ersten Mal auf einer Eisbahn in Wettingen. Weil ihr das am meisten Spass machte, entschied sie sich schliesslich für den Eiskunstlauf. Zunächst lernte sie die Sportart spielerisch kennen: Einmal pro Woche im Winter besuchte sie das Kindertraining, später dann zweimal wöchentlich. Im Jugendnationalkader wurde aus dem Hobby tägliches Training. «Der Eiskunstlauf ist für mich auch ohne Druck oder grossen Leistungsgedanken wichtiger geworden», so Ioulia.
Am liebsten tanzt sie zu zweit übers Eis
Eine entscheidende Wende kam in ihren Teenagerjahren. Ioulia betitelt diese Zeit als «Frustrationsphase». Sie hatte das Gefühl, alleine in dieser Sportart nicht mehr richtig voranzukommen. Es kam der Punkt, an dem sie sich fragte: «Höre ich auf oder mache ich weiter?» Kurz darauf erhielt sie ein Angebot von einem Trainer, der eine Partnerin für einen Paarläufer suchte. Ioulia war Feuer und Flamme. Was anderen schwitzige Hände bereitet, hat sie lieb gewonnen: Das Adrenalin, die Flugelemente, die spektakulären Hebefiguren. Ioulia kommt ins Schwärmen. Es sei keine Option, es sich im Augenblick anders zu überlegen. Das gefällt ihr. «Man darf keine Angst haben. Im Paarlauf probierst du keine Sachen. Du machst sie oder nicht. Und das entscheidet man gemeinsam.»
Man sei entweder dafür gemacht oder nicht. Es gebe auch starke Läuferinnen im Einzel, für die der Paarlauf nichts ist. Beide müssen Verantwortung übernehmen, denn hinter den vier Minuten am Wettkampf liegen etliche Stunden hartes Training miteinander.
Mit ihrem damaligen Partner war Ioulia schnell erfolgreich. Sie liefen bereits in ihrer ersten gemeinsamen Saison an den Weltmeisterschaften. Diesen Moment beschreibt sie als prägende Phase, in der das Eiskunstlaufen zu ihrem Lebensmittelpunkt wurde. Eine Phase, in der sich auch ein klares Ziel bildete: an den Olympischen Spielen antreten – das Nonplusultra. Und für lange Zeit schien der grosse Traum zum Greifen nah. Ioulia und ihr Partner qualifizierten sich für die Olympischen Winterspiele in Beijing 2022. Doch am Wettkampftag kam alles anders: Ioulias Eiskunstlaufpartner wurde positiv auf Corona getestet. Ihr Olympia-Auftritt fällt ins Wasser.
Doch vier Jahre später bot sich jetzt die nächste Chance. Bei den Winterspielen in Milano Cortina 2026 stand sie endlich wieder auf olympischem Eis. Das sei nicht selbstverständlich; Karrieren im Eiskunstlauf seien im Vergleich zu anderen Sportarten kurz, und mehrere Olympia-Chancen die Ausnahme.
An den Olympischen Spielen dieses Jahr ging es Ioulia vor allem darum, so viel wie möglich mitzunehmen. «Das ist dein Traum. Er erfüllt sich gerade, nimm das doch einfach mit», dachte sie sich. Es ging ihr in diesem Moment nicht um eine Platzierung, und dennoch zeigte sie ihre Bestleistung. Sie erzählt, dass sie keinen Druck verspürte und auch die Angst fernblieb.
Ioulia blickt zufrieden auf die Erfahrung zurück, geprägt von Freude und dem Gefühl, ganz im Moment zu sein. Auch die Stimmung im olympischen Dorf sei sehr gut gewesen. Man kenne sich untereinander, erzählt Ioulia, und nennt es schmunzelnd «three big joyful weeks». Das Klischee, Eiskunstläufer*innen würden sich gegenseitig hassen oder sich gar Scherben in die Schuhe legen, habe sie so nie erlebt. Natürlich seien diejenigen, bei denen es tatsächlich um die Goldmedaille geht, etwas angespannter. Ioulia weiss: Es gibt keinen einfachen Weg an die Olympischen Spiele. Man kennt den Weg der anderen nur zu gut und respektiert ihn. Man gehe eben offen miteinander um. Alle wissen, wie viel sie für diesen Traum investieren, oft sechs Stunden pro Tag, jeden Tag. «Du gönnst es einander, wenn es gut läuft, und hast Mitgefühl, wenn nicht», erklärt sie. Natürlich sei es ein kompetitives Umfeld. Doch wenn Ioulia das Eis betritt, blendet sie alles aus. Dann zählt nur noch der Moment, und im Idealfall eine Bestleistung.
Dank dem Studium den Sport besser verstehen
Abstand sei genauso wichtig wie hartes Training und Wettkämpfe – für Ioulia zählt dazu auch das Studium. Im August hat sie den Bachelor in Gesundheitswissenschaften und Technologie an der ETH abgeschlossen. Sie beschreibt dieses Studium als perfekten Ausgleich. Es helfe ihr, Abstand zum Eislaufen zu gewinnen, wenn das Training mal nicht so gut läuft. Sie erzählt: «Wenn du an einer Analysis-Matheaufgabe sitzt, dann musst du voll bei der Sache sein». Sie lobt die ETH: Das Programm Leistungssport verschafft Athlet*innen wie Ioulia die Möglichkeit, das Studium flexibler zu gestalten.
Etwa durch Zusatzsemester oder die Option, Prüfungsblöcke zu verschieben. Gerade im Eiskunstlauf sei dies hilfreich, da im Winter immer die Europameisterschaften stattfinden. Zudem half ihr das Programm, den Bachelor über sechs statt drei Jahre als Fernstudium zu absolvieren. Das war zentral, denn die Trainingsinfrastruktur für Paarlauf ist in der Schweiz begrenzt. Viele spezialisierte Trainer*innen arbeiten im Ausland, Ioulia trainiert darum seit einiger Zeit in Berlin.
Durch das verlängerte Fernstudium hatte Ioulia weniger Stress, aber auch weniger Kontakt zu ihren Kommiliton*innen. Gleichzeitig hatte das einen Vorteil: Ohne ständige Vergleiche konnte sie sehr gelassen an die Basisprüfung im ersten Jahr gehen. Ihr Hauptgedanke war einfach, ihr Bestes zu geben. Wie an den Olympischen Spielen. Und die Prüfungen bestand Ioulia mit Bravour.
Einmal im Jahr organisiert die ETH einen Lunch für den Austausch zwischen allen Athlet*innen, die vom Leistungssportprogramm profitieren. Die Kombination aus Spitzensport und Studium verlangt viel Hingabe. Neben dem täglichen Training investierte Ioulia zwei bis drei Stunden pro Tag in ihr Studium: «Anstatt am Abend Netflix zu schauen, habe ich mich hingesetzt und eine Vorlesung nachgeschaut», erzählt sie.
Ebenso Teil des Erfolgsrezeptes: Das Studium verbindet viele ihrer Interessen und Stärken. Ioulia war schon immer naturwissenschaftlich begeistert und ihre Vertiefung in Bewegungswissenschaften und Sport liegt für sie nahe. Zudem beginnt sie bald ein Praktikum im Bereich Sport-Engineering im Sensomotorik-Lab. Das Projekt, an dem sie beteiligt sein wird, beschäftigt sich mit makelloser Bewegungserfassung und KI-gestützter Bewertung im Sportklettern. Solche Technologien könnten künftig helfen, Bewegungen im Leistungssport präziser zu analysieren und Athlet*innen bei der Leistungsdiagnostik zu unterstützen.
Hier treffen ihre zwei Welten der Wissenschaft und des Sports zusammen. Ioulias Vision ist es, dieses Thema später im Rahmen ihrer Masterarbeit weiter zu vertiefen und auf den Eiskunstlauf zu übertragen, wo aktuell vieles noch mit dem Auge beurteilt wird. Eine Maschine hingegen kann genau messen, ob ein Sprung wirklich drei volle Drehungen hat oder wie viele Grad Rotation erreicht wurden. Solche Daten könnten auch dazu beitragen, das Verletzungsrisiko zu reduzieren.
Für Leute, die wie sie versuchen, eine Leidenschaft wie den Leistungssport mit dem Studium zu vereinen, hat Ioulia einen klaren Appell: «Lasst euch nicht von eurer Sportart oder eurem Studium definieren. Du bist nicht deine Leistung». Die vier Minuten während eines wichtigen Wettkampfs entscheiden nicht darüber, ob sie ein guter Mensch ist und nicht einmal darüber, ob sie eine gute Eiskunstläuferin ist, findet Ioulia. Sie zeigen lediglich, wie sie in diesen vier Minuten performt. Diese Haltung helfe ihr auch, Dinge nicht zu stark an sich heranzulassen: «Auch wenn du viermal umgefallen bist, bist du immer noch der gleiche Mensch wie vor vier Minuten».
Und was kommt nach all den Jahren auf dem Eis? Ioulia verrät mir, dass diese Saison ihre letzte sein wird. In ihren Worten ein «happy retiring»: Sie freut sich darauf, sich in Zürich ganz ihrem Master zu widmen.