Alle Blicke richten sich auf Basel
Unsere Autorin gewährt einen persönlichen Blick auf den «heiligsten» Tag des Jahres, den Eurovision Song Contest.
Das Finale des Eurovision Song Contest ist in meiner Familie der höchste Feiertag. Schon Monate im Voraus erküren meine Eltern ihre Lieblingssongs, die ich mir dann brav anhöre, halb aus Begeisterung, halb aus Gewohnheit. Als Kind war der Tag im Mai immer der eine im Jahr, an dem ich bis nach Mitternacht aufbleiben durfte. Ich habe damals zwar nicht verstanden, worum es eigentlich ging, aber wenn sogar mein Papa nicht auf dem Sofa einschlief, musste es ja wichtig und aufregend sein. Mit jeder Minute, die er gegen seine Müdigkeit ankämpfte, blühte ich auf. Ich tanzte zusammen mit meiner Mama durchs Wohnzimmer und wir beurteilten wie die Profis, wer gewinnen würde. Üblicherweise Schweden, nie die Schweiz.
Aber letztes Jahr war es zum allerersten Mal in meinem Leben so weit, dass wir uns, hellwach und nur ein bisschen weinend, nach dem langen Abend in den Armen lagen. Nemo hatte für die Schweiz gewonnen. In dem Moment wohl selbst auf einem Adrenalinhoch, hat Nemo aus Versehen die Trophäe kaputt gemacht und sich am Daumen geschnitten. Später sagte Nemo im Podcast «too many tabs», dass they bei jeder Gelegenheit die Geschichte erzähle, wie die Narbe entstanden sei. Etwa so, wie ich ab dem Zeitpunkt ungefragt allen in meinem Umfeld erzähle, dass ich Nemo zwei Monate vor dem Sieg noch an einer Probe für eine SRF-Sendung getroffen habe. Da hat Nemo für den Auftritt den Song «The Code» bestimmt sechs Mal hintereinander gesungen und jedes einzelne Mal so abgeliefert, dass das ganze Studio sprachlos war und sogar der Regisseur für einmal nicht wusste, was er noch anmerken sollte.
Diesen Mai ist nun also die Schweiz Gastgeberin für den Eurovision Song Contest. Ein Spektakel. Meine Eltern und ich haben all die Jahre für diesen Ernstfall trainiert und fühlen uns bereit. Aber als ich letztens den diesjährigen Austragungsort Basel besuchte, habe ich mich an einer Party wiedergefunden, an der doch tatsächlich der Eurovision Song Contest Thema war. Alle haben da mit einem solchen Selbstbewusstsein bereits erste Tipps abgegeben und über die Songs philosophiert, dass selbst ich als langjähriger Fan verloren war. Basel ist uns voraus, wir in Zürich müssen aufholen. Deswegen hier ein kleiner Überblick.
Der Eurovision Song Contest ist der grösste Musikwettbewerb weltweit. Austragungsland ist üblicherweise jenes, das im Vorjahr gewonnen hat. Dieses Jahr treffen sich in der Basler Sankt Jakobshalle Delegationen aus 37 Ländern. Jedes Land schickt einen Song an den Wettbewerb, der sich dann erstmal an einem der beiden Semifinals qualifizieren muss. Nur die sogenannten Big Five (Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Spanien, Italien) und das Austragungsland sind von dieser Regel ausgenommen und haben sich ihren Platz im Finale bereits gesichert. Bewertet wird der Auftritt zum einen durch eine Fachjury der einzelnen Länder und zum anderen durch das Televoting. Soweit die Basics. Aber wer tritt für die Schweiz an und was sagen die Buchmacher*innen über ihre Gewinnchancen?
Zoë Më heisst die junge Fribourgerin, die mit ihrem Song «Voyage» für die Schweiz auf der Bühne stehen wird. Geboren wurde sie in Basel und darf nun in ihrer Geburtsstadt das Lied vor über 160 Millionen Zuschauer*innen performen. «Voyage» ist ein unaufgeregtes und schlichtes Chanson auf Französisch. In ihrem Lied geht es um eine Reise zu mehr Menschlichkeit, wie sie selbst im Interview mit SRF berichtet. Im Musikvideo sieht man ein Kind, das beim Queren eines Fussgänger*innenstreifens einen Enzian verliert. Zoë Më will ihr die Blume reichen, doch sie ist schon wieder verschwunden. Nach langen Diskussionen mit meinen Eltern haben wir uns darauf geeinigt, dass das Kind die Singer-Songwriterin selbst ist und sie sich auf eine Reise zu ihrer selbst begibt. Der Text enthält zwar viele Hinweise darauf, dass es sich um ein Liebeslied handelt, aber die Liebe zu sich selbst ist ja die reinste Form von Liebe. Der Song ist eine Einladung dazu, wohlwollend miteinander umzugehen. Oder um es in ihren Worten zu sagen:
«Tu comprendras un jour
Que les fleurs sont plus belles
Quand tu les arroses»
Meine Eltern waren sehr neidisch, als ich bei den Kameraproben, bei denen Licht und Perspektiven für die ESC-Übertragung getestet werden, Zoë Më gespielt habe. Einen Tag lang durfte ich mich ein bisschen so fühlen wie sie, habe ihre Garderobe ausprobiert und wurde vom internationalen Team im Studio begrüsst. Alle haben wild durcheinander auf Englisch, Schwedisch und Schweizerdeutsch miteinander diskutiert, sodass ich nicht verstehen konnte, was sie alle eigentlich mit der Performance von Zoë Më zu tun haben. Ich durfte selbst ein paar Mal «Voyage» singen, war jedoch schon vor diesen wenigen Menschen so nervös, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie sich die richtige Zoë Më fühlen muss. Eigentlich wollte ich für diesen Artikel mit ihr darüber quatschen, aber leider habe ich auf meine Anfrage so kurz vorher von ihrem Management eine Absage bekommen. Gut für meine Eltern, sonst wären sie noch neidischer geworden. Für den Song, der so ganz anders ist als der von Nemo letztes Jahr, aber genauso persönlich und schön, wird die Schweiz von den Buchmacher*innen auf Platz 16 gehandelt. Es sieht also nicht danach aus, als ob «Voyage» gewinnen wird, dafür sieht es für Schweden wieder gut aus. Doch das Lied ist toll, da ist sich meine Familie einig.
Bevor es am 17. Mai in Basel im Finale um alles geht, geht es in meiner Familie erstmal darum, die Einladungen für die Watch-Party zu verschicken. Dekoriert ist die Wohnung bereits mit allen möglichen Flaggen, viel Glitzer und bunten LED-Lichtern. Leider bin ich dieses Jahr zum ersten Mal nicht dabei und stecke in ganz anderen Vorbereitungen. Ich habe mir nämlich einen Job geangelt und werde die gesamte Austragungswoche in Basel arbeiten; in welcher Funktion, darf ich leider nicht verraten. Aber auf sicher sind eine verlorene Uniwoche so kurz vor den Prüfungen und einige lange Arbeitstage, die für eine Studentin, die ihre Zeit mit Netflix und «Käfele» verbringt, körperlich anstrengend werden. Man muss halt dabei gewesen sein.