Hoffnungslos
Steile These – In einem Podcast der «Zeit» hörte ich letztens das Wort «posttherapeutisch». Es bezieht sich auf ein Buch, das zwar schwierige, traumatische Situationen beschreibt, diese aber nicht als solche benennt oder in den gesellschaftlichen Kontext einordnet. Posttherapeutisch ist es, weil die Journalistin, die das Buch kommentierte, es als erfrischende Reaktion auf die im letzten Jahrzehnt veröffentlichten Literatur einschätzt, die sich stark auf
Wörter wie »Traumata» oder «System» verlässt. Besonders fortschrittlich oder erfrischend ist das meiner Meinung nach nicht. Wertvoll ist das Wort posttherapeutisch trotzdem: Es beschreibt eine grössere gesellschaftliche Reaktion, die ich in den letzten Jahren überall beobachte.
Auf Tiktok und Instagram trenden Videos, die Essstörungen bewerben und sich explizit von Body Positivity abwenden. Anti-Intellektualismus ist hoch im Kurs, was sich etwa daran zeigt, dass Zeitungsartikel nach sieben Sekunden Lesezeit weggeklickt werden und Youtube-Kommentare, die länger als zwei Sätze sind, als «zu deep» und «unnötig» abgetan werden. Letztere Reaktionen meinen, dass man alles halt nicht so ernst nehmen soll und dass diejenigen, die es ernst nehmen, übertreiben und die Welt für alle mühsamer machen. Ich bin zwar keine Soziologin, aber trotzdem überzeugt, dass diese Entwicklungen direkt mit dem globalen Rechtsrutsch in Verbindung stehen. Nach 15 Jahren, in denen der Klimastreik, Feminismus und andere fortschrittliche politische Bewegungen den gesellschaftlichen Diskurs dominierten, sind die Leute müde.
So hat fast mein gesamtes Umfeld gleichzeitig seine Ernährung umgestellt: Man isst wieder Fleisch und trinkt Kuh- statt Hafermilch, ohne sich dafür bei anderen zu rechtfertigen. Frauen, die jahrelang einen grünen Vokuhila trugen, lassen sich die Haare lang wachsen – ganz nach traditionellen Rollenbildern. Die «old money aesthetic» ist wieder in, ebenso der Minimalismus. Denn links sein und sich für seine Ideale einzusetzen, ist anstrengend; vor allem im Angesicht des Klimawandels, gegen den irgendwie niemand mehr etwas tun will, jetzt, wo das Anliegen in der parlamentarischen Politik angekommen ist. Als Folge davon übernimmt eine Resignation. Es ist einfacher, so zu tun, als wäre nichts; als wären die grossen Probleme der Welt nicht Teil eines Systems, sondern die Schuld und Verantwortung des Individuums. So versuchen wir als Gesellschaft, uns gedanklich in die 2010er zurück zu versetzen, als vor allem für Gen Z noch viel mehr möglich schien und die Welt im Vergleich zu heute simpel erschien. Es regiert die Zeit der blissful ignorance, oder eben des Posttherapeutischen. (lea)