Ein sicherer Hafen
Studierende engagieren sich seit 20 Jahren freiwillig und hören den Sorgen ihrer Kommiliton*innen zu. Eine Nacht zu Besuch bei der «Nightline».
«Hallo, willkommen bei der Nightline», sagt Martin ruhig, nachdem er sich das Headset über den Kopf gezogen hat. Seine Stimme klingt offen und freundlich. Es ist kurz nach acht Uhr abends und in einem kleinen Raum irgendwo in Zürich hat gerade Martins Abendschicht bei der Nightline begonnen. Mit einem weiteren Teammitglied sitzt er am Schreibtisch, der Chat ist geöffnet, das Festnetztelefon bereit. Auf dem Tisch stehen Snacks, im Regal liegen Brettspiele für ruhigere Stunden, eine grosse Monstera spendet etwas Grün. Während der nächsten Stunden hören Martin und sein Kollege denen zu, die sonst von niemandem ein offenes Ohr bekommen.
Chat verbessert die Zugänglichkeit
Die Nightline Zürich gibt es seit 2005. Gegründet wurde sie von Studierenden der ETH und der Uni Zürich, um ein Angebot zu schaffen, das Studierenden in emotional schwierigen Momenten beisteht. Es ist anonym, niederschwellig und wird von Gleichaltrigen geführt. Heute engagieren sich rund 50 Freiwillige – intern «Nightlinis» genannt – ehrenamtlich bei der Nightline. Jeweils zu zweit übernehmen sie alle drei Wochen eine Abendschicht.
Was ursprünglich nur ein Sorgentelefon war, wurde 2017 mit einem Chat erweitert. Das hat vor allem für Menschen, denen das Sprechen am Telefon schwerfällt oder die sich schriftlich besser ausdrücken können, den Zugang nochmals erleichtert. Pro Abend führen die beiden Nightlinis zusammengerechnet durchschnittlich vier Gespräche. Einige dauern nur 30 Minuten, andere ziehen sich über zwei Stunden. Die Themen in den Telefonaten sind vielfältig – ebenso wie die Anrufenden dahinter. «Viele rufen an, weil es ihnen gerade schlecht geht», erzählt Martin. «Andere bedanken sich einfach, weil ihnen vor zwei Jahren ein Gespräch geholfen hat.»
Die meisten melden sich, so Martin, weil sie mit etwas kämpfen, zum Beispiel mit Einsamkeit oder Leistungsdruck. Andere greifen zum Hörer, weil sie Beziehungsprobleme haben oder schreiben der Nightline aufgrund ihrer Prüfungsangst. Seit der Corona-Pandemie beobachtet Martin, dass Suizidalität verstärkt als Thema dazu gekommen ist. Gerade dann sei es wichtig, einfach da zu sein. «Unsere Hauptaufgabe ist zuhören», betont Martin. »Wir geben keine Ratschläge – wir schaffen einen Raum, in dem jemand einfach da ist.»
Was wie ein einfacher Dienst klingt, ist für Nightlinis wie Martin oft herausfordernd. Leider bleibe nicht ganz jedes der Gespräche respektvoll. Selten gebe es Anrufe, in denen Freiwillige beschimpft werden, andere, bei denen jemand masturbiert. In solchen Fällen wird das Gespräch abgebrochen. «Man redet sich gegenseitig nicht rein», sagt Martin. So entscheidet jede*r Nightlini selbst, wann ein Gespräch zu viel wird. Dafür erhalten alle vor ihrem ersten Einsatz eine Ausbildung und nehmen regelmässig an Supervisionen teil. Deshalb ist man bei der Nightline nie allein. Zwei Personen pro Schicht, zwei Telefone, zwei Bildschirme. Zwischen den Gesprächen tauscht man sich aus und spielt, wenn gerade keine Sorgen hereinkommen, manchmal auch gemeinsam ein Brettspiel.
Die Gespräche hinterlassen Spuren
Nach der Schicht fährt Martin den Computer herunter, schaltet den Anrufbeantworter ein, spült seine Tasse und löscht das Licht. Der Raum der Nightline ist wieder leer, die Schicht der beiden Nightlinis für diesen Abend beendet. Gemeinsam treten sie hinaus in die Nacht. Was in der Nightline gesagt wird, bleibt zwar anonym – aber nicht spurlos. «Es gibt Abende, da bin ich noch lange aufgedreht. Und andere, da geht mir ein Gespräch noch den ganzen nächsten Tag nach», sagt Martin. Wer einmal in der Nightline war, weiss: So eine Schicht lässt einen nicht immer gleich los. Es brauche Zeit, um runterzukommen – aber auch ein gewisses Mass an Abgrenzung. Wenn ein Gespräch besonders nachhallt, kann man sich an den Vorstand oder an die psychologische Beratungsstelle wenden.
«Was danach mit den Leuten passiert, weiss man ja nie. Aber dessen ist man sich vorher bewusst. Man bekommt ein kurzes Blitzlicht aus ihrem Leben – und dann ist es wieder vorbei», erklärt Martin. Gerade diese kurzen, intensiven Einblicke machen den Dienst so besonders. Viele der Freiwilligen interessieren sich für Psychologie, nicht wenige haben in der Nightline erstmals so offen über psychische Gesundheit gesprochen. In einer Welt, in der Studierende oft zwischen Leistungsdruck und Selbstoptimierung balancieren, in der Wartezeiten für psychologische Beratung lang sind und das Gefühl, allein zu sein, manchmal übermächtig wird, ist die Nightline ein sicherer Hafen. Kein Therapieersatz – aber ein wichtiger Ort, an dem man gehört wird. Und das ist oft schon sehr viel.
Die Nightline Zürich ist unter 0446337777 telefonisch oder als Chat auf www.nightline.ch im Semester jeden Tag und in den Semesterferien am Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag von 20 bis 24 Uhr erreichbar.