Sonntagabendübelkeit

Kolumne

Marin Stojanovic (Illustration) und Gena Astner (Text)
26. Februar 2024

Es ist Sonntagabend und ich sitze im Zug von Klosters nach Zürich. Die Rhätische Bahn rasselt die Schienen entlang und pfeift ihr altbekanntes Lied durch die laue Winternacht. In meinem Mund ein fahler, leicht bitterer Geschmack. Mir ist schlecht.

Am kalten Bier festgeklammert zechten wir durch die Nacht, bis unsere Füsse schmerzten und die dunkel-drohende Vorahnung der sich den zu  Ende neigenden Semesterferien vergessen war– zumindest für einen kurzen Moment. Wir wollten nochmals raus aus der Stadt, an die frische Luft, um im Schutz der Schweizer Alpenkette zur Ruhe kommen und neue Energie zu tanken. Nochmals durchatmen, bevor man wieder in die Vorlesungssäle und Seminarräume einkehren und in den Bann der Alltäglichkeit eingesogen wird. Bevor man wieder sozialen Verpflichtungen hinterherhinkt, die man in den vergangenen Wochen doch so erfolgreich hatte aufschieben können. So ganz bewusst ist mir das Älterwerden noch nicht. Ich weiss schon, mit 24 ist man noch jung. Aber langsam spüre ich, dass selbst kleinste Anstrengungen nicht unbemerkt an mir vorbeiziehen. Mittlerweile brauche ich gefühlt doppelt so viele Erholungsphasen als noch zu prälockdown’scher Zeit.

Damals war ich pausenlos un­ter Menschen, unabhängig davon, wie gut ich sie kannte. Es war mir ein Leichtes, andauernd neue Leute kennenzulernen und diesen offen und unvoreingenommen zu begegnen. Meine Eltern mahnten immer wieder, nicht jedem dahergelaufenen Menschen eine Schulter und ein offenes Ohr zu bieten. Dabei machte es mir gar nichts aus, überall einzuspringen, wo es gerade jemanden brauchte. Schliesslich war ich als Kind stolze Pfadi und da hiess unser Motto auch: «Allzeit bereit!»

Ich war einfach nie müde, hatte einen unersättlichen Tank an körperlicher und sozialer Energie. Und sehr viel Spass. Allerdings war Priorisieren ein Fremdwort und das Wichtigste kam immer zu kurz. Ich ahnte schon, dass ich nicht immer so weiter machen könnte. Und irgendwann waren es nicht mehr nur meine Eltern, die mich vor der Erschöpfung zu bewahren versuchten.

Das Entschleunigen tat gut. Jetzt komm ich nicht mehr davon los, als wäre es eine Sucht. Heute muss ich mir Me-Time-Slots einplanen, damit ich nicht die Nerven verliere. Ich weiss nicht, ob das zum pandemischen Erbe zählt oder eine natürliche Alterserscheinung ist, aber eines ist sicher, meine Batterie scheint defekt. «Wieso führen wir eigentlich nicht ein Leben, in dem wir keine aktiven Pausen mehr brauchen, weil wir automatisch nur so viel von allem machen, wie uns guttut?», fragte vor kurzem eine Freundin. Wie recht sie hat. Und doch erwische ich mich dabei, wieder drei Verabredungen an einem Tag angesetzt zu haben. Mit der rasant schwindenden Distanz zur Stadt wird die Übelkeit schlimmer und die Vermutung stärker, dass diese vom Blick in den Terminkalender herrührt.