«Es wäre falsch, den Klimawandel in allen Studiengängen zu integrieren», findet Rektor Michael Schaepman.

«Es ist Zeit, wieder Humanities zu sagen»

Er will die Sozial- und Geisteswissenschaften stärken. Rektor Michael Schaepman im grossen Interview über studentisches Engagement, Inklusion und Gleichstellung an der Uni – und wie die Hochschule klimaneutral werden soll.

Carlo Mariani, Kai Vogt (Interview) und Lucie Reisinger (Bild)
28. September 2023

Die ZS ist hundert Jahre alt!

Herzliche Gratulation! Mein Geburtstags­wunsch an euch ist, dass wir uns in hundert Jahren wieder unterhalten können. Und das wäre auch wichtig angesichts der abnehmenden Medienvielfalt.

Wie hast du die ZS über die Zeit erlebt?

Meine Perspektive hat sich stark verschoben. Als ich noch studierte, war die ZS die Zeitung, die alles bestätigte, was ich auch fand. Heute als Rektor bin ich der Meinung, dass Diversität an der Uni extrem wichtig ist. Wir müssen verschiedene Stimmen zulassen und die ZS ist eine davon. Für mich könnte es an der Uni ruhig noch kontroverser sein.

Warst du in deiner Studienzeit in einem Verein engagiert?

Ja, ich war im Fachverein Geografie. Das bedeutete aber nicht nur Geo-Bier und Party. Wir haben auch heftige Briefe an die Dozie­r­enden geschrieben!

Die Studierendenschaft war zeitweise viel stärker engagiert als heute. Bei den letzten VSUZH-Ratswahlen lag die Wahlbeteiligung bei nur 12 Prozent, unipolitische Anliegen interessieren die Studis wenig. Warum?

Die Frage ist immer, ob die tiefe Wahlbetei­ligung ein positives oder negatives Zeichen ist. Auf der einen Seite können wir sagen: Wir als Uni haben sehr gut zugehört und den Studis viel Mitspracherecht eingeräumt. Strukturell haben die Studis heute viel mehr zu sagen als vor 20 Jahren. Dennoch ist es keine studierendengetriebene Universität, die Studis haben nicht die Mehrheit in den Gremien.

Die Studis haben also heute institutionell mehr Mitspracherecht. Wie steht es um das sonstige studentische Engagement?

Früher ist man traditionellerweise einem Verein beigetreten und praktisch für immer Mitglied geblieben, heute wechselt man ständig dorthin, wo es gerade passt. Das ist sicherlich ein Trend. Mir fällt aber schon auf, dass die Gesamtkosten sowie der Zeitdruck der Ausbildung gestiegen sind. Das lässt den Studierenden viel weniger Zeit für studentisches Engagement. Ich würde behaupten, dass ich während meines Studiums – noch vor der Bologna-Reform – viel mehr Zeit und weniger Druck hatte. Die Aufteilung des Studiums war viel flexibler und ich habe auch länger studiert, dafür konnte ich noch arbeiten.

Durch die Bologna-Reform wurde das Studium modularisiert, heute wird jede Leistung in Punkten gemessen. Zudem gibt es eine Studienzeitbeschränkung.

Der Vorteil dabei ist, dass die Studierenden schneller zu einer Berufs- oder Wissenschaftskarriere kommen. Denn die Regelstudienzeit wurde durch Bologna kürzer – zum Preis von etwas weniger Flexibilität und einem zeitaufwändigeren Studium. Nach Abschluss können die Studis heute früher Geld verdienen, zahlen somit früher in die AHV ein und sind damit relevanter für das Sozialsystem. Negativ ist, dass es für die Studis schwieriger ist, das Studium selbst zu finanzieren.

Ist es aber nicht gerade als Rektor wichtig, das Studium nicht nur als Dienstleistung für die Volkswirtschaft zu betrachten?

Das stimmt. Es ist als Uni ja nicht unsere Verantwortung, dass man nach dem Studium garantiert einen Job erhält. Ausserdem reicht es auf dem Arbeitsmarkt heute nicht mehr aus, wenn man sich als Studierte ausweist, sondern die Arbeitgeber*innen möchten ein möglichst genaues Profil sehen, inklusive aller belegten Nebenfächer und Speziali­sierungen. Entlang der Einführung des Bologna-Systems haben wir die freien Wahl­möglichkeiten massiv verkleinert, damit bin ich überhaupt nicht zufrieden.

Du willst die Studiengänge wieder
flexibilisieren?

Ich bin der Meinung, dass die frei wählbaren Anteile innerhalb eines Studiengangs grösser sein sollten, also mehr ECTS im Studium Generale – wie früher. Das Bologna-System hat dazu geführt, dass wir die freie Studienwahl durch mehr konsekutive Studiengänge eingeschränkt haben. Ich finde, dass Prüfungen – also abfragbare Leistungen – darüber entscheiden sollen, ob eine Person für einen Studiengang geeignet ist.

Ist etwas Konkretes in Planung?

Wir müssen zuerst den technischen Teil lösen, etwa die Modulbuchung besser in den Griff kriegen. Und wir haben mit gewissen Fakultäten bereits das Gespräch gesucht und gefragt, ob sie die Wahlfächer wieder weiter öffnen könnten. Ich plane aber keine neue Bologna-Reform.

Bologna hat den Bachelor als breites Grundlagenstudium angedacht, an der Uni Zürich ist das Gegenteil der Fall – man geht viel stärker in die Tiefe, mit etlichen Pflichtveranstaltungen.

Das ist die interne Kritik von Mitarbeitenden und Studierenden. Vom Markt hört man das Gegenteil, dass die Leute zu wenig spezifisch ausgebildet und nicht anschlussfähig wären. Das Spannungsfeld existiert tatsächlich, die Fakten zeigen aber: Wir produzieren keine arbeitslosen Abgänger*innen. Wenn behauptet wird, wir hätten eine Überproduktion von Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen, stimmt das insofern nicht, als die Allermeisten auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle finden.

«Wir dürfen aber auch keinen Vorteilsausgleich sprechen.»

«Es lässt sich eine gesamtgesellschaftliche Abwertung der Geisteswissenschaften und Aufwertung der MINT-Fächern feststellen. Das ist politisch gewollt», sagt Germanistikprofessor Daniel Müller Nielaba in einem NZZ-Artikel. Siehst du das auch so?

Ja, das ist natürlich ein Trend. Vor 20 Jahren begann man zu kolportieren, dass die Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen für nichts zu gebrauchen seien: eine komplette Fehlhaltung. Es entstand eine despektierliche Haltung gegenüber einer akademischen Ausbildungsrichtung. Heute geht es um Themen wie künst­liche Intelligenz, wo ethische Einordnungen dringend notwendig sind. Es braucht daher Menschen, die sich gewohnt sind, zu reflektieren. Dass eine Drohne schneller fliegt als ein Mensch sie steuern kann, finde ich ja mega. Aber wer entscheidet, wie ethisch der Einsatz einer Drohne ist? Wir sollten heute antizyklisch investieren: Wir haben so lange «MINT» gesagt, dass es vielleicht mal wieder an der Zeit ist, «Humanities» zu sagen!

Was ist deine Idee?

Es entscheiden immer noch die Fakultäten, welche Studiengänge es gibt und welche nicht. Ich kann nicht vorhersagen, wie viele in Zukunft zum Beispiel Ethik studieren werden. Aber eigentlich müssten wir nun Werbung für einzelne Fächer in den «Humanities» machen. Zum Beispiel wäre es wegen der weltpolitischen Lage mit China schlau, mehr Sinolo­gie-­Studierende zu haben.

Damit die Uni nicht zu gross wird, hast du in einem NZZ-Interview vorgeschlagen, eine zweite Uni zu errichten. Ernsthaft?

Wir sind die grösste Universität der Schweiz. International sieht man, dass die besten Unis normalerweise mehr Angestellte als Studie­rende haben. Diejenigen, die tief im Ranking stehen, haben über 100’000 Studierende. Ich stelle einfach die Frage: Wie weit wollen wir wachsen? Wir sind ja «erst» bei 28'000 Stu­dierenden. Aber je stärker wir wachsen, desto eher sinken wir in der Qualität.

Du wolltest also nur eine Debatte anstossen. Oder gibt es einen konkreten Plan?

Nein – es gibt keinen konkreten Plan. Meine Hoffnung ist, dass nun spannende Vorschläge gemacht werden. Die Debatte ist lanciert.

Zudem willst du die Universität auch für Personen ohne Matura öffnen?

Im Grunde genommen ist das durch die Möglichkeit der Gasthörer bereits gegeben. Nur erhalten sie kein Zertifikat für eine Prüfung, da sie an dieser nicht teilnehmen dürfen. Wir arbeiten im Moment am Prinzip der Micro-Credentials – also der Zertifizierung von sehr kurzen Lernerfahrungen. Diese sind im Rahmen des Projektes «Una Europa» geplant. Das sollte dazu führen, dass solche Teilnehmenden noch leichter nachweisen können, was sie gelernt haben. Und das sollte auch den Austausch an in- und ausländischen Unis fördern.

Geht es nicht einfach um die Erschliessung des Weiterbildungsmarkts?

Weiterbildung an der Uni ist geregelt und per Definition «not-for-profit». Eine Universität muss auch ein Hotspot der Diversität der Studierenden sein. Über 80 Prozent unserer Studierenden sind deutschsprachig. Im Vergleich zu anderen Universitäten sind wir also nicht sehr divers. Ein Vorschlag wäre, die Visumsanforderungen für ausländische Stu­dierende zu lockern, mit der Bedingung, dass sie nach dem Studium in der Schweiz erwerbstätig sein müssten. Dies könnte auch Abhilfe für den Fachkräftemangel schaffen.

Studierende der Philosophischen Fakultät berichteten letztes Semester von verspäteten oder negativen Entscheiden betreffend ihres Nachteilsausgleichs, den Ausgleichsmassnahmen bei Leistungsnachweisen für Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten. Was ist das Problem?

Nachteilsausgleiche sind sehr aufwändig in der Organisation, Betreuung und Umsetzung. Der Betreuungsaufwand steigt nämlich drastisch, wenn wir etwa ein extra Prüfungszimmer zur Verfügung stellen müssen. Mit dieser Tatsache habe ich grundsätzlich kein Problem. Jedoch werden wir für die breite Masse finanziert, und nicht für das Individuum. Ich würde eine stärkere Unterstützung begrüssen, jedoch braucht es dafür auch genügend Mittel.

Warum wurden die Podcasts nach der Pandemie weitgehend abgeschafft?

Wir haben in der Lehre alles quantifiziert, was quantifizierbar ist. Für den sozialen Zusammenhalt gibt es aber kein Mass. Würden wir alle Vorlesungen digital anbieten, würden wir die Studierenden in die Isolation treiben. Nun bleibt die Frage: Müssen wir die Studis bevormunden und in die Hörsäle motivieren oder setzen wir auf 100 Prozent hybride Lösungen? Dazu haben wir noch keine defi­nitive Antwort – ausser, dass wir keine Fern­universität werden und Präsenz das Grundmodell ist.

So ignorierst du aber die Bedürfnisse der Studierenden mit Nachteilsausgleich?

Wenn wir nur diesen Menschen Podcasts anbieten, würden wir diese bevorzugen und andere würden wegen Benachteiligung rekla­mieren. Wie gestalten wir ein Lehrsystem für alle, wenn man weiss, dass die Masse aller Studierenden individuell nicht genau gleich schnell und effektiv lernt? Es ist nicht wertend gemeint, wir wollen ja möglichst alle berücksichtigen: Wir dürfen aber auch keinen «Vorteilsausgleich» sprechen. (lacht)

«Wir werden an der Uni nicht alle Flugreisen verbieten und in der Mensa nur noch veganes Essen anbieten.»

Studis leiden laut Studien doppelt so oft an mittleren bis schweren Depressionen als andere junge Menschen. Sollte die
psychologische Beratungsstelle nicht mehr Mittel erhalten?

Es gibt einerseits den Post-Corona-Effekt, der einen riesigen Peak verursacht, den wir nicht so einfach mit 50 neuen Stellen kompensieren können. Wir haben trotzdem ein paar zusätz­liche Stellen gesprochen. Der Peak geht jetzt langsam zurück, und wir merken, dass, wenn es mehr Präsenzunterricht gibt, die Anfragen abnehmen. Der soziale Zusammenhalt ist der beste Psychiater. Doch die Flexibilität des Studiums bleibt ein Stressfaktor.

Inwiefern?

Nach der Pandemie haben alle gedacht, das System bleibe nun ultra flexibel. Doch das erzeugt Stress: Wie entscheide ich, wann ich was mache? Wenn das klar vorgegeben ist, kann das auch entlastend wirken.

Kürzlich erschien ein Positionspapier vom VSUZH mit konkreten Forderung für mehr Gleichstellung. Werden sie erfüllt?

Wir waren etwas überrascht über diese Liste, da wir bei mehr als drei Viertel der Punkte sagen konnten, dass bereits etwas umgesetzt wurde oder im Gange ist. Wir haben soeben die Ständevertretungen an der Uni in einer sehr detaillierten Antwort über jede einzelne Forderung informiert. So wird es demnächst auf ausgewählten Toiletten auf dem Campus Zentrum kostenlose Menstruationsartikel geben. (Anmerkung der Redaktion: Siehe Artikel «Uni stellt gratis Menstruationsprodukte zur Verfügung und prüft geschlechtsneutrale Toiletten»)

An der ETH gibt es schon lange Menstruationsprodukte in den Toiletten. Warum ging es an der Uni so lange?

Wir arbeiten sorgfältig und schauen alle Vor- und Nachteile jeder Massnahme an. Wenn man das macht, dann geht es eben manchmal etwas länger. Ich bin auch grundsätzlich nicht der, der findet, dass wir als Uni bei allen Themen unbedingt die Ersten sein sollten. Ich bin dafür, dass wir Dinge nachhaltig und solid evaluieren und gut begründet einführen.

Das feministische Hochschulkollektiv hat letztes Semester einen Hörsaal an der Uni besetzt und einen dauerhaften Raum für Flinta-Personen gefordert. Wieso wurde dieser nicht gewährt?

Wir haben ihnen trotz Raummangel einen Raum angeboten, der zugegebenermassen nicht allen ihrer Anforderungen entsprochen hat, und sie haben diesen abgelehnt. Wir haben den Besetzer*innen empfohlen, einfach einen Raum zu buchen. Das dürfen alle an der Uni akkreditierten Vereine.

Es ist aber auch eine Frage der Prioritäten.

Wenn jede ethnische Gruppe, jede religiöse Gruppe Anspruch auf einen eigenen Raum haben soll, kommen wir nirgends hin. Das wäre auch nicht fair und praktisch nicht umsetzbar. Aber wir haben ihre Anliegen sehr ernst genommen: Das ist der Grund, weshalb sie die Besetzung dann aufgehoben haben.

Vielleicht ist das Problem hier aber grösser als bei religiösen Gruppen: Gemäss einer Umfrage des Vereins Clash war ein Viertel der Medizinstudentinnen bereits Opfer von sexualisierter Belästigung oder Diskriminierung. Hat die Uni ein Sexismus-
Problem?

(Überlegt) Ich bin ja verantwortlich für die Stelle, wo sexuelle Belästigung gemeldet wird. Dort gibt es meines Wissens keinen so hohen Anteil, der sich gemeldet hat. Im Moment müssen wir nicht strukturell bei gewissen Gruppen oder Fakultäten eingreifen, das heisst aber nicht, dass wir kein Sexismus-Problem haben. Der Schutz der Mitarbeitenden ist jedoch gut.

In der Europapolitik steckt die Schweiz fest. Wie wertest du den Ausschluss aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon und dem EU-Mobilitätsprogramm Erasmus?

Es ist eine Katastrophe, dass wir nicht mehr assoziiert sind, wir sind beim europäischen Wettbewerb einfach völlig raus! Zwar leitet der Bund die für Horizon Europe vorgesehe­nen Mittel nun direkt in die Schweiz und wir müssten dafür dankbar sein. Dieses Umleiten geschieht aber sehr langsam, sodass wir trotz­dem finanziell hinterherhinken. Doch den effektiven Schaden werden wir erst in ein paar Jahren richtig spüren. Nur sind die Legislaturperioden der Politiker*innen kürzer. Wer übernimmt dann die Verantwortung für diese Fehlentscheidung? Ich sage immer wieder: neue Verhandlungen, direkte Assoziierung, Mobilität! Das brauchen wir.

Apropos Mobilität: Die Uni will bis 2030 klimaneutral sein. Gleichzeitig wird immer noch unnötig geflogen, etwa mit dem
Seminar nach Australien, und in der Mensa werden Fleischmenüs angeboten. Müsste die Unileitung nicht stärker durchgreifen?

Wir sind nicht autokratisch organisiert. Wir arbeiten auf allen Reduktionsfronten und müssen einfach noch besser kompensieren. Im baulichen Bereich sind wir zum Beispiel sehr gut unterwegs. Wir setzen auch auf klimaneutrale Mobilität oder planen die Rückgabe von überkompensierter, grüner Energie, etwa durch die Produktion von Solarstrom. Auch Flüge müssen kompensiert werden: Die Fakultäten müssen uns zeigen, wie sie mit den CO2-Footprints ihrer Reisen umgehen. Doch verbieten kann ich die Reisen nicht. Etwa Geograf*innen müssen oft weit zu ihren Forschungsgebieten fliegen. Und die Flug-Emissionen machen einen kleinen, aber signifikanten Anteil unseres gesamten Fussabdrucks aus.

Es geht bei den Flugreisen um über 20 Prozent der Treibhausgas-Emissionen der Uni, also 4000 Tonnen im Jahr 2022.

Ich nenne es den Edelweiss-Effekt: Biodiversität hat viel mit ikonischen Pflanzen zu tun – und Fliegen ist auch so eine ikonische Grösse. Es stimmt zwar, dass Flüge schlecht für die Umwelt sind, nur: Wir haben noch andere Emissionsquellen! Deswegen arbei­ten wir parallel auch an einer optimalen Auslastung unserer stromintensiven Forschungsgeräte und vielen weiteren Vorhaben.

Aber muss die Uni Zürich nicht schneller vorwärts machen?

Es braucht überall Massnahmen: Wir reden mit den Mensabetrei­bern, aber auch mit dem Elektrizi­tätswerk Zürich. Doch wir werden nicht alle Flugreisen verbieten und in der Mensa nur noch veganes Essen anbieten.

Es braucht also keine strengeren Regeln.

Nein, wir halten uns an sehr strenge Vorgaben. Strukturelle Mass­nahmen bringen meistens nur wenig und haben eher einen plakativen Effekt. Ich bin für nachhaltige Massnahmen. Wir fordern etwa einen Nachhaltigkeitsplan von der Mensa, der mit unseren Vorstellungen kompatibel ist.

Braucht es Pflichtveranstaltungen zur Klimakrise?

Es ist an einer Uni nicht angebracht, zu dogmatisch aufzutreten. Warum soll man Stu­diengänge zwingen, dass sie noch 3 ECTS für Nachhaltigkeit einführen müssen? Es wäre falsch, den Klimawandel in allen Studiengängen zu integrieren. Dann kommt sicherlich bald auch die Frage auf, ob wir beliebige wei­tere Themen wie Diversity obligatorisch im Curriculum integrieren sollten. Schliesslich lehrt die Uni wissenschaftliche Inhalte.

Funktioniert die Vorbildfunktion der Uni, was die Klimakrise betrifft?

Absolut. Wir müssen ein Vorbild sein. Nur, ich will nicht aus plakativen Gründen das erste Vorbild sein, sondern das beste.

Das heisst, die Uni Zürich ist bis 2030
klimaneutral.

Wir geben uns wirklich jede Mühe. Das Problem ist, dass gewisse Kompensationsmassnahmen nicht so effektiv sind wie gedacht. An der Uni haben wir jetzt die besten Kompensationsmechanismen für Flugreisen evaluiert und umgesetzt. Aber die effektivste Methode ist immer noch, CO2 gar nicht erst zu emittieren.

Und bis dahin kompensieren wir die Emissionen. Geht das?

In meiner Forschung wollen wir mittels Satel­litenbilder Biodiversität messen. Für die Testflüge brauchen wir leider tonnenweise Kerosin. Deshalb haben wir einen eigenen Wald gepflanzt und kom­pensieren die Emissionen vollständig. Es kostet halt ein wenig.

Wenn aber alle ihre Emissionen kompen­sieren würden, dann geht das nicht auf.

Ja, genau. Die Weltbevölkerung wuchs, als der Mensch sesshaft wurde und den Wald geschlagen hat. Das heisst, wenn wir heute alles ausgestossene CO2 nur mit Wald kompensieren würden, hätten wir Menschen bald keinen Platz mehr auf der Erde …

Es sind bald Wahlen: Machst du dir als Naturwissenschaftler und Vater von zwei Kindern Sorgen wegen der Klimakrise?

Sicher. Die Politik soll Incentives setzen, damit wir tatsächlich klimaneutral werden.

Anreize reichen?

Yes.

Zur Person

Michael Schaepman, geboren 1966, ist seit 2020 Rektor der Universität Zürich und noch bis 2026 im Amt. Vorher war er während drei Jahren Prorektor Forschung. Schaepman ist Professor für Fernerkundung am Geographischen Institut, er studierte Geographie, Experimentalphysik und Informatik. Der Rektor ist mit allen an der Uni per Du.