Zürcher Studierendenzeitung

Raus aus Zürich!

Um dem hektischen Stadtleben zu entfliehen, besuchte Serafin Jacob das Dorf Nassenwil. Ein Bericht.

Und ich sehe Nassenwil. Nicht eine Velostunde von Zürich tut sich eine Ansammlung an Häusern auf, umgeben von Wiese, in offener Landschaft. Nur ein Schild grüsst bei der Ankunft: «Generell 50. Nassenwil (Niederhasli).»

1444 im alten Zürichkrieg zerstört, 1925 in Niederhasli eingemeindet, heutzutage mit etwa dreihundert Seelen bestückt. Wo Nassenwil aufhört, fangen Felder an, die in Wälder übergehen. Von der Welt ausserhalb bekommt man vor allem die Flugzeuge mit, die immer wieder aus der Ferne auftauchen, und Autos, die im Blickfeld erscheinen. Andersherum erfährt auch die Aussenwelt von Nassenwil nur, wenn sie hindurchfahren muss. Nassenwil ist für Aussenstehende kaum mehr als eine 50er-Zone.  

Eine Ausnahme sei gestattet: Als das neue Jahrtausend begann, erlangte Nassenwil tragische Bekanntheit. Denn Nassenwil liegt zwei Minuten und siebzehn Sekunden Flugdistanz vom Flughafen Zürich entfernt, und zwei Minuten und siebzehn Sekunden währte der Flug 498 der Crossair von Zürich nach Dresden, ehe das Flugzeug neben Nassenwil in den Boden stürzte. Alle zehn Insassen starben. Steine erinnern heute an den schweizerischen Schicksalsschlag.

Ein fremdes Schlafzimmer

Zürich, vierhunderttausend Einwohner. Vom Hönggerberg hat man die schönste mir bekannte Aussicht auf die mit Abstand grösste Stadt der Schweiz. Hinter dem Zürisee warten die Wolken, hinter den Wolken warten die Alpen. Links im Blickfeld: Der Kornspeicher, wie er sich an die Limmat anschmiegt. Rechts: Der Prime Tower. Uni und ETH sind nur erkennbar, wenn man sich explizit nach ihnen umschaut. Das ist alles schön und gut, aber auch wohlbekannt: Raus aus Zürich!

Auf dem Weg nach Nassenwil merke ich, wie schnell man aus dem Stadtgebiet raus ist. Einige hundert Meter nach Affoltern und man hat das Land erreicht. Ein Feldweg führt über die Autobahn. Während darunter Fahrzeuge mit 80 Kilometern die Stunde vorbeirasen, trottet ein Pferd samt Reiter vor mir her. Kinderwagen werden spazieren geführt. So weit das Auge reicht, sieht man grün. Etwas weiter: Der Katzensee (eine Empfehlung an alle die Seen lieben. Traumhaft ist es dort). Kondensstreifen verbinden die Wolken miteinander..

Während Nassenwil als Ziel in der Ferne schwebt, offenbart sich mir ein wunderschöner Ausschnitt der schweizerischen Landschaft. Ein einsamer Hof, vereinzelte Sonnenblumen, Gras, und schon ist man umgeben vom altbekannten mitteleuropäischen Laubwald. Schlamm, sich verfärbende Blätter. Und dahinter? Flüssiggastanks. Einige Minuten weiter und ich sehe Nassenwil und ein Ruftaxi, das in der Ferne heran tuckert.

Man fährt nicht nach Nassenwil, um zu feiern, etwas zu sehen oder eine Auszeit zu nehmen. Wer nach Nassenwil fährt, wohnt in Nassenwil. Alle anderen sind auf Durchreise. Niemand, den ich in Nassenwil ansprach, hatte viel Auskunft zu geben. Zurecht, in Nassenwil fühlt man sich wie in einem fremden Schlafzimmer: Fehl am Platz.