Zürcher Studierendenzeitung

Perkussion ist sein Element: Sarathy Korwar.
Perkussion ist sein Element: Sarathy Korwar. zVg

Gleichzeitig gestern und morgen

Kulturspalte

Das Klicken eines Gasherdes beim Anzünden. Brutzeln. Ein metaphorisches Kochrezept. «A Recipe To Cure Historical Amnesia», mit klarer Stimme vorgelesen, ist der Prolog zu KALAK, dem vierten Album des in Indien aufgewachsenen Perkussionisten Sarathy Korwar. Es wirkt wie die Ruhe vor dem Sturm. 

KALAK ist ein Wort, das man noch nicht gehört hat. Von hinten als auch vorne gleich gelesen, unbestimmter Klang, fremdartig. Es ist eine Abwandlung von «Kal», einem Wort aus dem Hindi und Urdu, das gleichzeitig gestern und morgen heisst. KALAK hat eben diesen Anspruch, die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft zu schlagen und die Wiederholungen der Geschichte in Musik zu fassen. 

Ein Album wie KALAK hat man noch nie gehört. Der schnörkellose Anfang fliesst in melodische, von penetranten Rhythmen bestimmte Stücke über. Bei allen stehen ausgeklügelte Wiederholungen perkussiver Muster im Vordergrund, sodass KALAK mal hypnotisierend wirkt (etwa in «Remember Begum Rokheya», einer Hommage an die gleichnamige feministische Vorkämpferin), zum Teil aber auch im Klub gespielt werden könnte, wie das pulsierende «Remember To Look Out For The Signs». Aus jeder der 42 Minuten des Albums sprüht Liebe zum Detail, das Klangfundament bilden dabei stets kompakte Trommelwirbel, die zum Teil elektronisch ergänzt und mal durch Chöre, mal durch Flöten unterstützt werden. KALAK ist ein Album, das man nicht nur hört, sondern im ganzen Körper spürt.

Die Thematik wird anhand der Liedtitel am Ende klar, in der gleichen direkten Weise wie am Anfang des Albums. «Utopia Is A Colonial Project» prangert etwa die von Populisten verkauften Zukunftsvisionen an. «Remember Circles Are Better Than Lines» plädiert für ein freieres, «zirkuläres» Verständnis von Noten, entgegengesetzt zur konservativen Sichtweise, sie von links nach rechts zu schreiben. «Back In The Day Things Were Not Always Simpler» ruft, wie das gesamte Album, die koloniale Vergangenheit Indiens ins Gedächtnis. KALAK zwingt, zu hinterfragen. Und zwar nicht nur Musik, sondern unser gesamtes Weltverständnis.

Das Album «KALAK» ist am 11. November 2022 bei Real World Studios erschienen.