Zürcher Studierendenzeitung

Das Arbeitspferd der 1980er-Jahre: Diverse Modelle waren am Vintage Computer Festival zu bestaunen.
Das Arbeitspferd der 1980er-Jahre: Diverse Modelle waren am Vintage Computer Festival zu bestaunen.

Aus der Kindheit des Computers

KulturreportageDie Rote Fabrik zeigt in einer Ausstellung die Zukunft von gestern.

Gegen beissenden Wind legen wir den Weg vom Bahnhof Wollishofen zur Roten Fabrik zurück. Im Hof hinter der Metallschranke steht ein Tesla. Darauf gedruckt ist in Retro-Lettern zu lesen: «Vintage Computer Festival». Wir sind da. Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet, drängen wir uns in die warme Mehrzweckhalle.

Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung von Computern. Zwar kann ich Word bedienen und weiss, was ein VPN ist. Da hört’s aber leider auf. Auf die Flut von Tönen, flackernden Bildschirmen und Tastaturen, die uns aus der Halle entgegenbrandet, bin ich nicht gefasst. Auf einer Reihe von Tischen sind gefühlt hundert urzeitliche Computer ausgestellt. Lämpchen blinken, Alarme läuten. Dazwischen wuseln hektisch die Besucher*innen, drücken auf Konsolen, befühlen Tasten, rasten erschöpft auf Stühlen.

Triumph der Einfachheit

Wir sind überfordert, peilen direkt die Game-Section an und spielen dort ein paar Runden PacMan. Dann versuchen wir uns im Skispringen auf einer alten Nintendo Wii. Erst als uns eine Horde Kinder von den Konsolen verdrängt, nähern wir uns einem der vielen Ausstellungstische.

*|:–)>>
Der Weihnachtsmann

Darauf steht ein würfelförmiger Rechner aus den 1990er-Jahren. Er gehört Vitus, einem Mittdreissiger. «Auf diesem Computer könnt ihr via FidoNet eine Nachricht verschicken», sagt er freudig. FidoNet? Er zeigt auf ein Logo mit einem süssen Hund. «Das ist ein altes Netzwerk für Mails, eine sogenannte Mailbox. Es funktioniert nicht via Internet, sondern über Telefonleitungen», erklärt er. Unter seiner Anleitung darf ich selbst eine Nachricht verschicken. «Das Schöne daran: Man ist befreit von der Reizüberflutung, die das Internet begleitet», schwärmt er. Ein alter Kasten, ein Programm, ein paar schlichte Nachrichten genügen. Dazu gibt es seltsame Emojis aus Satzzeichen. So bedeutet die Zeichenfolge P-) zum Beispiel «Pirat» und (:| «Eierkopf».

Bei ihrer Einfachheit sei die FidoNet-Technologie jedoch keineswegs zu unterschätzen, fährt Vitus fort und kommt auf die Demonstrationen im Arabischen Frühling zu sprechen. Damals hätten die Regierungen das Internet abgeschaltet, um die Organisation von Protesten zu verhindern, erzählt er. Nur die Telefonleitungen mussten in Betrieb bleiben. Sonst hätten die staatlichen Behörden auch ihre eigene Kommunikation lahmgelegt. «Da kam das FidoNet ins Spiel. Über die Mailbox liessen sich trotzdem Proteste organisieren», beendet er die Anekdote. Einfache Technologie im Kampf für die Demokratie.

B-)
Batman

Das Interesse wächst

Neben Vitus’ Computer reihen sich zwanzig weitere. Schwer, einen Überblick zu bekommen. Zum Glück treffen wir Mario, den Hauptveranstalter des Festivals. «Wir haben heute 36 Aussteller*innen, die ihre Computer präsentieren», erklärt er, «daneben gibt es viele Challenges, die den Zugang zur Retro-Computerwelt erleichtern sollen.» Je nach Leistung in den Challenges erhalte man den Rang «Beginner», «Advanced» oder «Nerd». Hinter dem Festival steht das Institut «dock18», das Events in den Bereichen Medienkultur, elektronische Musik und Informationspolitik organisiert. «Wir bauen hier aktiv eine Szene auf», meint Mario, «das Vintage Computer Festival ist die wichtigste Veranstaltung für die Vintage-Computer-Szene der Schweiz.» Seit der ersten Durchführung 2016 wachse das Interesse, so seine Beobachtung. Man habe dieses Wochenende etwa 1000 Besucher*innen gezählt.

Andy Warhol versus Terminator

Aufgeklärt lassen wir uns weitertreiben, zwischen Kindern und Erwachsenen jeden Alters; das Publikum ist divers. Die Gruppe der Ausstellenden ist dagegen sehr homogen: Fast nur Männer über dreissig bewachen die alten Rechner. Vor einem Bildschirm, auf dem eine Frau und ein Mann im 1980er Jahre-Look zu sehen sind, bleiben wir erneut stehen. Frau und Mann beugen sich im Bild ihrerseits über einen Computer.

«Das sind der Künstler Andy Warhol und Debbie Harry, die Leadsängerin von ‹Blondie›», sagt Rolf mit leuchtenden Augen. Er ist Computertechniker und Besitzer des Modells «Amiga 1000», dessen Bildschirm wir anschauen. Im Jahre 1985 sei Andy Warhol beauftragt worden, ein Wunder zu bewirken, beginnt Rolf zu erzählen. An der Einweihungsfeier der Amiga 1000 sollte Warhol das Haar von Debbie Harry blond färben – und zwar digital. «Ihr seht auf diesem Bild sozusagen das erste Mal Photoshop», meint er. Für das Publikum sei es völlig surreal gewesen, was Warhol am Computer getan habe. «Es war, wie wenn der Terminator zur Türe reingekommen wäre», schwärmt Rolf.

Selbst einen Computer bauen? Einfacher gesagt als getan.
Selbst einen Computer bauen? Einfacher gesagt als getan.

Nostalgie im rasenden Wandel

Bei seiner Erzählung ist es mir ein wenig peinlich, dass ich noch nie von Amiga-Modellen gehört habe. Es stellt sich heraus, dass «Amiga» vor drei Jahrzehnten eine der wichtigsten Computerserien war, produziert von der Firma «Commodore», ihrerseits eine der wichtigsten Computerfirmen. «Es gab Amiga-Leute und Atari-Leute», meint Rolf und nennt mit «Atari» einen weiteren Techgiganten. Beim Hören dieser Namen ist mir, als würde ich in ein vergessenes Science-Fiction-Universum eintauchen. Es ist Zukunft von gestern, die in Rolfs Worten glüht. «Ich hatte damals Schlägereien mit Leuten, die Computer von der Konkurrenz-Firma hatten», erinnert er sich mit sentimentalem Blick.

Dass solche Leidenschaft ansteckt, verwundert niemanden. Im Allgemeinen scheint der Zauber des Festivals wesentlich vom Enthusiasmus der Stand-besitzer*innen auszugehen. Zumindest für Unwissende wie mich. Wer die alten Computer noch von früher kennt, kommt aus Nostalgie. So Robert, der gerade seiner Tochter beim Gamen zuschaut. «Anfang der 1990er Jahre hatte auch ich eine Amiga. Dann ging Commodore bankrott und alle stiegen auf PCs der Marke IBM um», erzählt er. Neulich hätte er sich aber wieder eine fette Amiga zugelegt, aus Liebe zum Gerät. Ebenso in der Gamer-Ecke anzutreffen ist Anastasia, eine Besucherin in meinem Alter. «Mich fasziniert besonders die rasende Geschwindigkeit des technologischen Wandels», meint sie. Der Fortschritt sei ihr fast unheimlich.

:~j
Lachende Raucherin

Ich kann Anastasias Faszination für die krassen Entwicklungen der Computerindustrie gut verstehen. Nicht nur sehen heutige Geräte ganz anders aus als diejenigen, die man hier bestaunen kann. Auch innerhalb der Vintage-Computer-Szene gibt es «Retro». Zum Beispiel Enigma-Verschlüsselungsmaschinen aus dem Zweiten Weltkrieg, die ein älterer Herr dabei hat. Es sind Originale, wie sie von der Wehrmacht verwendet wurden. Drei Walzen ordnen einem Buchstaben jedes Mal einen anderen Buchstaben zu, so dass die Verschlüsselung keine Muster aufweist. Das Ganze betrieben mit 4,5 Volt. Neben diesen Geräten sieht auch eine Amiga 1000 topmodern aus.

Die Vielfalt am Vintage Computer Festival lässt mich spekulieren: Wie sieht die Computerwelt in dreissig Jahren aus? Welche Modelle werden dann an einem Vintage Computer Festival gezeigt? Wahrscheinlich langweilige Smartphones und Laptops. Die Ausstellung wird im virtuellen Raum stattfinden und wir werden Chips in den Köpfen haben, die uns blitzschnell alle technischen Daten vor Augen rufen. Irgendwie so. Dann werde ich mich an die Romantik in der Roten Fabrik erinnern. An die blinkenden Lämpchen, die ratternden Tasten und das Leuchten in den Augen der Nerds.