Zürcher Studierendenzeitung

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Das mechanische Herz und die menschliche Liebe

Kulturspalte

Film – Die «Unrueh» ist das mechanische Herz und Schwingungssystem der Uhr. Sie gibt den Takt vor, sorgt für Regelmässigkeit und Ordnung. Jedoch ist der Tenor, der in Cyril Schäublins gleichnamigem Film dargestellt wird, einer von Fortschritt und Wandel.

Im Jurasser Uhrmachertal bei Saint-Imier treffen wir das erste Mal auf die Hauptfiguren, Pyotr Kropotkin (Alexei Evstratov), ein russischer Kartograph, und Josephine Gräbli (Clara Gostynski), eine Arbeiterin in der Uhrenfabrik. Josephine tritt der lokalen anarchistischen Sektion bei und gemeinsam werden sie und die Zuschauer*innen, mit der Denkweise und Philosophie von Anarchist*innen wie Pyotr konfrontiert. Die Anarchist*innen definieren Länder nicht durch Grenzen, sondern durch die Menschen, die dort vorübergehend leben. Verschiedene anarchistische Sektionen kooperieren miteinander, um ihre Ideologien zu verbreiten. Die anarchistische Bewegung lebt ihre Philosophie zum Beispiel durch die Nachstellung einer Pariser Kommune aus.

Solche Veranstaltungen stehen im direkten Konflikt mit nationalistischen Festen wie dem Jubiläum zur «Schlacht bei Murten», welche von Autoritätsfiguren organisiert wird. Die dezentralisierte und antiautoritäre Denkweise der porträtierten Gruppe spiegelt sich in der Kameraarbeit wider, indem Gruppen von Menschen am Rande des Bildausschnittes gezeigt werden. Eine zu Beginn sehr ungewohnte Art, etwa Dialogszenen zu sehen, aber ein geschicktes formales Mittel.

Die Zeitmessung ist Zeichen des Fortschritts, aber auch Druckmittel, um die Produktivität der Arbeiter*innen zu maximieren. Wie heute die Smartphones wurden Uhren damals immer kleiner und handlicher. Mit dem Wecker aufzuwachen war Ende des 19. Jahrhunderts schon lange normal. Doch wie sinnvoll ist es, den eigenen natürlichen Rhythmus zu übergehen? Die Unnatürlichkeit der Uhr wird im Film auch in den Fokus gerückt, etwa durch Nahaufnahmen der kleinen Metallteile und die damit verbundene Idee der Präzision. Die Implikation: Die Uhr ist eine perfekte Sache, der Mensch nicht. Das Drehbuch schafft es, den historischen Fakten treu zu bleiben sowie die Dialoge zwischen den Schauspieler*innen sehr natürlich klingen zu lassen.

Das Ticken der Uhr ist eines der wenigen Tonelemente im Film. Naturgeräusche und Voiceovers von Pyotor und Josephine stehen in Konflikt mit den nationalistischen Sichtweisen ihrer Arbeitgeber. 

Wie eine sich langsam drehende Uhr nimmt der Konflikt zwischen Anarchismus und Nationalismus und der Fortschritt der Technologie seinen Lauf. Und zwischen Pyotr und Josephine entfacht eine Liebe. Der Film behandelt subtile Themen und ist wegen der fesselnden Dynamik zwischen den Figuren sehenswert. Manche Erzählstränge bleiben ohne Auflösung, doch die Liebe zwischen Pyotr ist Josephine ist am Ende eindeutig.

«Unrueh» läuft seit dem 17. November im Kino.