Zürcher Studierendenzeitung

Vielleicht bist du gar nicht glücklich

Aus der ForschungEin philosophischer Aufsatz will zeigen, dass Gefühle nicht immer das sind, wofür wir sie halten.

Eine Studentin ist den ganzen Morgen gut gelaunt, singt unter der Dusche und freut sich auf einen gemütlichen Sonntagnachmittag mit ihren Freundinnen. Sie scheint glücklich zu sein. Aber was, wenn sie sich nur so freut, weil ihr eine Freundin eine frische Portion Heroin mitbringen wird? Zwar fühlt und verhält sie sich genau so, wie glückliche Menschen sich verhalten. Doch ihre Gefühle hängen mit einem Umstand zusammen, über den sie gar nicht glücklich sein sollte, weil er nichts Gutes für sie bedeutet. Soll man sie trotzdem als glücklich bezeichnen?

Aus einem philosophischer Aufsatz von 2021 geht hervor, das der Begriff «glücklich» hier nicht angemessen wäre. Die Autoren Kevin Reuter, Professor an der Uni Zürich, und Rodrigo Díaz, Postdoktorand an der Universität Montreal, argumentieren, dass der Begriff «Glück» nur dann passt, wenn es etwas wirklich Gutes gibt, worüber jemand glücklich sein kann. Demnach könnte man über die Studentin sagen, dass sie nicht glücklich ist, weil das Heroin, das ihr die freudigen Gefühle bereitet, nichts Gutes ist. Reuter und Díaz meinen, das gleiche Prinzip gelte auch für andere Emotionen: Ein Gefühl werde nur dann als bestimmtes Gefühl bezeichnet, wenn es im passenden Kontext auftrete.

Expertise verzerrt die Intuition

Klassischerweise würden Philo­soph*innen eine solche These ausarbeiten, indem sie sich ein Gedankenexperiment überlegen und mit ihrer eigenen Intuition prüfen: Welche Elemente müssen gegeben sein, damit ein bestimmter Begriff (in diesem Fall ein Gefühlsbegriff) passt? Und welche Elemente bewirken, dass der Begriff nicht mehr angemessen ist? Doch Reuter und Díaz haben stattdessen Hunderte Testpersonen gebeten, auf ihre Gedankenexperimente zu reagieren. «Im Fall von Alltagsbegriffen sind die Intuitionen vieler Versuchspersonen repräsentativer als die Einschätzungen einzelner Philosoph*innen», findet Reuter. Einige von ihnen würden die experimentelle Methode ablehnen, weil sie glauben, dass ausgebildete Philosoph*innen Begriffe präziser verstehen könnten als die Durchschnittsbevölkerung. Doch genau diese Expertise könnte das Ergebnis verfälschen, meint Reuter: «Wer sich schon lange damit beschäftigt, hat vielleicht nicht mehr den Alltagsbegriff, sondern einen philosophisch definierten Begriff im Kopf».

«Die Einschätzungen von Begriffen durch Nicht-Philosoph*innen sind repräsentativer.»
Kevin Reuter, Philosophie-Professor an der Universität Zürich

Um neben dem Alltagsbegriffs des Glücks den der Angst zu erfassen, setzten Reuter und Díaz zwei Gruppen jeweils eine Variante der gleichen Geschichte vor: In einer Version rennt ein Mann vor einem schwanzwedelnden Pudel davon, der von einer alten Dame spazieren geführt wird, in einer anderen vor einer freilaufendenden, zähnefletschenden Bulldogge. Doch in beiden Varianten hat der Mann die genau gleichen Empfindungen; er ist gestresst und nervös, hat schwitzige Handflächen und einen rasenden Puls. Die Testpersonen, welche die Geschichte mit der Bulldogge gelesen hatten, gaben bedeutend häufiger an, dass der Mann Angst habe, als diejenigen, denen die Pudel-Version vorgesetzt wurde. Reuter und Díaz schliessen daraus, dass wir den Begriff «Angst» eher nicht anwenden, wenn es nicht wirklich etwas Gefährliches gibt, das die Angst verursachen könnte. Somit sei das Gefährliche, worüber man ängstlich sein kann, Teil der Angst-Emotion. Ein ähnliches Ergebnis bei einem vergleichbaren Versuch zum Begriff «Glück» führt sie zum Schluss, dass neben der Angst auch andere Emotionsbegriffe von ihren Umständen abhängen.

Fürchten Phobiker*innen Ungefährliches?

Das habe auch zur Folge, dass wir Aspekte unserer Gefühle zwar benennen, aber das Gefühl selbst falsch kategorisieren könnten: «Trauerempfinden ohne wahrgenommenen Verlust ist eher Melancholie oder die Folge einer depressiven Verstimmung», so Reuter. Entsprechend sollten wir vorsichtig sein, wenn wir andere Menschen für unsere Gefühle verantwortlich machen. Möglicherweise haben sie gar nicht getan, was eine bestimmte Gefühlsbezeichnung legitimieren würde. «Wenn mich mein Gegenüber angespannt und nervös macht, ich aber weiss, dass keine Gefahr von ihm ausgeht, wäre es fragwürdig, ihm vorzuwerfen ‹du machst mir Angst›.»

Es gibt allerdings auch Sprachgewohnheiten, die dieser These zu widersprechen scheinen. Wir reden von Spinnenangst, obwohl auch Betroffene wissen, dass Spinnen ungefährlich sind. Doch Reuter zweifelt daran, dass Phobiker*innen tatsächlich von der Ungefährlichkeit ihres vermeintlichen Angstobjektes überzeugt sind: «Vielleicht haben sie in solchen Fällen ein oberflächliches Verständnis. Aber wirklich glauben, dass Spinnen oder Flugreisen ungefährlich sind, tun Phobiker*innen nicht.» Doch man könnte sich den Begriff Spinnenangst auch damit erklären, dass Phobiker*innen nicht die Spinnen an sich für gefährlich halten, sondern die Gefühle, die diese in ihnen auslösen. Und wer wegen einem Tarantel-Foto schon mal das Handy durch den Raum geworfen hat, hat vielleicht sogar Grund dazu.