Zürcher Studierendenzeitung

Richtung Gymnasium stehen vor allem Kindern aus bildungsfernen und finanzschwachen Familien viele Hürden im Weg.
Richtung Gymnasium stehen vor allem Kindern aus bildungsfernen und finanzschwachen Familien viele Hürden im Weg.

Selektion mit hohen Kosten

Neu braucht es im Kanton Zürich eine 4.75 zum Bestehen der Gymiprüfung. Schwieriger soll sie dadurch nicht werden – der Druck steigt totzdem.

Der Regierungsrat des Kantons Zürich hat ein neues Aufnahmereglement für den Übertritt an die verschiedenen Maturitätsschulen verabschiedet. Bei der Zentralen Aufnahmeprüfung im März 2023 wird dieses zum ersten Mal in Kraft treten. Für den Übertritt ans Langzeitgymnasium muss der Durchschnitt der Vornoten und Prüfungsnoten nicht mehr bei 4.5, sondern bei 4.75 liegen. Auch wer ins Kurzzeitgymnasium möchte, braucht neuerdings einen Schnitt von 4.75 – und die mündliche Prüfung bei knappen Prüfungsresultaten fällt hier weg.

Diese neuen Regelungen sind für die Kandidat*innen erstmal unerfreulich. Die Überarbeitung des Übertrittverfahrens ist ein Anlass, die Zentrale Aufnahmeprüfung grundsätzlich zu hinterfragen. Denn Zürich gehört bereits zu den wenigen Kantonen der Schweiz, die überhaupt mit Aufnahmeprüfungen selektieren. Muss dieser Prozess jetzt noch strikter werden? Und ist eine Aufnahmeprüfung der beste Weg, die fürs Gymi geeignetsten Jugendlichen in einem Jahrgang zu finden? Auf die Frage, was der Grund dafür sei, die Bestehensnorm auf die Note 4.75 anzuheben, antwortete das Mittelschul- und Berufsbildungsamt schriftlich.

Die Quotenfrage

In der Vergangenheit hätten die tiefen Prüfungsnoten der Zentralen Aufnahmeprüfung im Vergleich zu den Vornoten bei Kandidat*innen und ihren Erziehungsberechtigten häufig zu Irritationen geführt. Neu sollen die Prüfungsnoten höher ausfallen, die Bestehensnorm dafür strenger. So sollen die Vornoten und die Prüfungsnoten weniger auseinanderklaffen, während der Schwierigkeitsgrad der Prüfung unverändert bleiben soll. Die Änderungen sind also angeblich reine Formsache, um allfällige Spannungen zu vermeiden. Das klingt im ersten Moment gut, wirft aber Fragen auf: Die Notenskala der Aufnahmeprüfung scheint variabel zu sein und kann nach Belieben verändert werden. Eine bestimmte Leistung ist also nicht an eine fixe Note gekoppelt. Da fragt man sich: Wie kann die Notenskala jährlich für die neue Prüfung festgelegt werden? Seit etwa zehn Jahren schaffen es jeweils fast 15 Prozent aller Zwölfjährigen im Kanton Zürich aufs Gymnasium. Hält sich der Kanton an eine Quote?

Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt entgegnet auf diese Vermutung, dass bei gleichbleibendem Schwierigkeitsgrad wegen der hohen Anzahl an Geprüften statistisch zu erwarten sei, dass prozentual gleich viele Schüler*innen die Prüfung bestehen. Aber die Bildungsdirektion gibt auch zu: Die Prüfungskommission lege die definitive Notenskala erst zum Schluss des Korrekturprozesses fest, nachdem die Ergebnisse ins zentrale Erfassungssystem eingegeben wurden.

«Viele Beteiligte wissen, dass die Art der Selektion alles andere als optimal ist.»
Dominik Petko, Professor für Allgemeine Didaktik an der Universität Zürich

Dominik Petko, Professor für Allgemeine Didaktik und Mediendidaktik an der Uni Zürich, beschwichtigt: Die Aufnahmeprüfung beruhe auf Erfahrungswerten, es gebe keine zentral gesteuerte Quote. Die Einschränkung der Plätze in Gymnasien sei nicht in Stein gemeisselt. «Aber es ist auch kein Geheimnis, dass es nicht unendlich viel Schulraum gibt.»

Zugang zu höherer Bildung wird käuflich

Petko macht auf ein grundlegendes Problem aufmerksam, dem das Bildungssystem des Kantons gegenübersteht: Es wollen doppelt so viele Jugendliche ans Gymnasium als es Platz gibt. Die Eltern bemerken den Strukturwandel in der Arbeitswelt: Hochqualifizierte Fachpersonen sind gefragter denn je, man spricht von einer Bildungsexpansion. So entsteht ein grosser Druck auf die Gymnasien, hauptsächlich in den Städten. Die Situation in ländlichen Kantonen hingegen sei nicht vergleichbar.

«Es ist vielen Beteiligten bewusst, dass die aktuelle Art der Selektion alles andere als optimal ist», so Petko. Doch unser Bildungssystem sei eine komplexe Angelegenheit, bei der jede Veränderung neue Nebenwirkungen mit sich bringe. Bei der heutigen standardisierten Aufnahmeprüfung geschehe viel «teaching-to-the-test». Schüler*innen, die von ihren Eltern bei der Prüfungsvorbereitung unterstützt werden oder einen teuren Vorbereitungskurs besuchen, haben einen klaren Vorteil.

Laut dem Mittelschul- und Berufsbildungsamt ist die Zentrale Aufnahmeprüfung nicht nur auf den Lehrplan, sondern auch auf die Lehrmittel und somit auf die im Unterricht vermittelten Inhalte abgestimmt. Aus diesem Grund sei ein Bestehen der Aufnahmeprüfung für leistungsstarke Schüler*innen auch ohne Vorbereitungskurse möglich. Petko bemerkt aber auch Diskrepanzen: «Nicht alle Primarschullehrpersonen sehen den Stoff der Gymiprüfung als ihren Unterrichtsinhalt an.» So wird der Zugang zu höherer Bildung im Kanton Zürich käuflich. Ein weiteres Problem sieht Petko in der psychischen Belastung, die Schüler*innen während der Prüfungsvorbereitung zugemutet wird. «Viele Kinder leben ein Jahr lang in Angst», meint Petko. «Sie vernachlässigen Freizeitaktivitäten, Sport und soziale Kontakte. Auch in der Probezeit bleibt der Stress. Die Selektion ist wichtig, aber welchen Preis wollen wir dafür bezahlen?»

Druck, Beratung und Lernlust

Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt verteidigt die aktuelle Selektionsform mit einem Verweis auf die hohe Validität der Aufnahmeprüfung: Eine Studie der Uni Zürich von 2017 hat gezeigt, dass die Prüfung gut vorhersagt, wer die Probezeit besteht. Auch die Vornoten erlauben eine Aussage darüber. Beide Faktoren zusammen ergeben dann die besten Prognosen. Eine perfekte Lösung wird sich kaum finden lassen, doch für Petko sind verschiedene Anpassungen denkbar: «Erstens muss der Druck aufs Gymi verringert werden. In der Schweiz haben wir eine sehr innovative Berufsbildung. Wer sich für eine Berufsausbildung entscheidet und dann eine Berufsmaturität, ein Fachhochschulstudium und ein Universitätsstudium daran anschliesst, hat beste Karrierechancen.»

So sammle man bereits Praxiserfahrung und wisse genau, wofür man studiere, während andere an der Universität vor sich umherirren. «Da stellt sich wirklich die Frage, wer am Ende besser qualifiziert ist und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat», so Petko. Dies müsse den Zürcher Eltern und Jugendlichen bewusster werden.

Zweitens müsse früher und besser beraten werden: «Möchte das Kind im Langzeitgymnasium wirklich viele Stunden pro Woche Latein büffeln?» Aber auch die Beratung hin zum Gymnasium sei wichtig, gerade für leistungsstarke Kinder mit Eltern, die mit der universitären Bildung vielleicht noch nicht vertraut seien. So könnte die aktuelle soziale Selektivität verringert werden. So könnte die aktuelle soziale Selektivität verringert werden. Der Druck, der nach diesen Massnahmen noch bleibe, müsse schliesslich besser verteilt werden.

Petko findet: «Der Selektionsprozess könnte auf den Stufen der 6., 8. und 9. Klasse diversifiziert werden. Ungerechtigkeiten werden sich nie vermeiden lassen, aber die Selektionsmechanismen zu unterschiedlichen Zeitpunkten anders zu gestalten, wäre ein Lösungsansatz.» Einmal würde die Aufnahmeprüfung stark gewichtet werden, zwei Jahre später würden vielleicht nur die Vornoten zählen und es gäbe eine strengere Probezeit.

Wenn weiterhin ein solcher Druck auf Schüler*innen ausgeübt werde, dann bestehe die Gefahr, dass man ihnen damit jegliche Lust am Lernen nähme, meint Petko. Denn: «Am Ende sollten die Jugendlichen schliesslich Freude haben an ihrem Bildungsweg.»