Zürcher Studierendenzeitung

Vom Klima bis zum Krieg: Die Uni will Gefahren im Blick behalten.
Vom Klima bis zum Krieg: Die Uni will Gefahren im Blick behalten.

Gebündeltes Krisenwissen

Ein neues Kompetenzzentrum will interfakultär zu Krisen forschen, beraten und lehren.

Dienstagabend, die Aula der Uni Zürich ist gut gefüllt, an die Wand wird die Frage projiziert: «Können wir Krisen?» Es ist der «Launch Event» eines neuen Kompetenzzentrums der Hochschule. Das sogenannte «UZH Center for Crisis Competence» will sich interfakultär mit der Bewältigung von Krisen aller Art auseinandersetzen. Das passt in die Zeit. In den Medien wird bereits von einer Dauerkrise gesprochen; von der Pandemie über den Klimawandel bis zum Krieg. Wie will das neue Zentrum hier Abhilfe schaffen?

Das Zentrum ist aus der Coronapandemie hervorgegangen. Diese und andere Krisen hätten deutlich gemacht, wie wichtig der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in Politik und Praxis sei, heisst es auf der Website. Gegründet wurde das neue Kompetenzzentrum – an der Uni Zürich gibt es bereits 23 davon – von Alexander Wagner, Professor für Finance, und Frank Rühli, Professor für Evolutionäre Medizin und Dekan der Medizinischen Fakultät. «Ich hatte während des Lockdowns die Idee, ein Zentrum aufzubauen, bei dem alle Fakultäten zusammenarbeiten», so Rühli. Im Gespräch betont er, dass dies an der Uni Zürich eine Neuheit sei. Noch nie hätten alle sieben Fakultäten an einem Kompetenzzentrum mitgewirkt. Zurzeit sind 20 Professor*innen daran beteiligt.

Mit der Breite des Wissens, das gebündelt wird, will das Zentrum der Komplexität gegenwärtiger Krisen gerecht werden. Diese sollen auf möglichst vielen Ebenen untersucht und verstanden werden. So ist auch die Forschungsarbeit ein zentrales Element des Zentrums. Gerade sei man daran, einen Übersichtsartikel darüber zu schreiben, was Krisen aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt seien, so Rühli weiter. In der Möglichkeit, wissenschaftlich und interdisziplinär über Krisen nachzudenken, sieht der Co-Leiter des neuen Zentrums grosses Potenzial. «Hier können wir es uns leisten, das Undenkbare zu denken. Zum Beispiel: Was sind Krisen, an die man nicht denkt, die aber, falls sie eintreten würden, gravierende Folgen hätten?» Solche Gedanken seien wichtig, denn: «Die grösste Krise ist jene, die wir nicht kommen sehen.»

Stiftungen und CEOs im Fokus

Doch das Zentrum will nicht nur forschen, sondern auch beraten und lehren. Derzeit berät das Zentrum in Form einer akademischen Taskforce die Unileitung zur Energiemangellage. Neben universitätsinternen Aufträgen zeigt sich das Zentrum aber auch offen gegenüber der Politik. «Das Wissen, das wir hier generieren, ist durch Steuergelder finanziert. Das soll nicht im Elfenbeinturm bleiben», findet Rühli. Der Stadt, dem Kanton oder auch dem Bund in puncto Krisenmanagement beizustehen, kann er sich gut vorstellen. Konkrete Aufträge gebe es aber noch nicht. Grundsätzlich soll das Zentrum aber niederschwellig zugänglich sein.

Dies widerspricht geplanten Veranstaltungen wie jener im Januar: Dann wird das Zentrum einen exklusiven Anlass durchführen, für den 60 bis 80 Führungskräfte aus der Schweiz eingeladen wurden, darunter verschiedene CEOs grosser Firmen, Stiftungsvorsitzende, aber auch Persönlichkeiten aus der Politik wie etwa Bundeskanzler Walter Thurnherr. Thema des Abends: Führen in Krisensituationen. Der Kontakt zu Stiftungen ist für das Zentrum besonders interessant. «Momentan haben wir eine Anschubfinanzierung der Uni Zürich. Für zwei Jahre erhalten wir einen kleinen Grundbeitrag», so Rühli. Danach müsste das Zentrum selbsttragend sein. Dies versuche es mittels Stiftungsbeiträgen.

In die Lehre will sich das Zentrum verschiedentlich einbringen. Im Raum stünden Ideen wie das Anbieten eigener Module oder einzelner Vorlesungen. Auch ein Weiterbildungsprogramm in Form eines «Certificate of Advanced Study» (CAS) sei geplant, so Rühli. Wo könnten Schwierigkeiten liegen? Elisabeth Stark, Prorektorin Forschung der Uni sagt am «Launch Event»: «Die Herausforderung des neuen Zentrums steckt in der Interdisziplinarität.» Sein scheinbarer Trumpf könnte sich also auch als Problem entpuppen. Wie nützlich das Zentrum trotz oder gerade wegen dieser Herausforderung sein wird, wird sich noch zeigen.