Zürcher Studierendenzeitung

Räume aus Zeit

Welche Objekte machen uns zu den Menschen, die wir sind? Welche Dinge brauchen wir wirklich? Was bedeutet Erinnerung? «People and Things» war der Fokus des diesjährigen Filmfestivals Regard-Bleu im Völkerkundemuseum Zürich.

Samstag, 16:30. Das Licht im Saal geht aus. Auf der grossen Leinwand erscheint das Logo des Festivals. Auf dem Screen wird eine Gruppe von älteren Männern gezeigt. Ratlos betrachten sie eine jüngst mühselig reparierte Spinnmaschine, die nicht läuft. Die Geschichte spielt in der alten Industriestadt Verviers, Belgien. Die Männer sammeln alte Textilmaschinen und reparieren sie anschliessend. Durch die Ethnografie dieser Sammlung hinterfragt der Film «La Place des Choses» die Gegenstände, die unser Leben durchkreuzen und erforscht unsere Beziehung zur Erinnerung und Vergangenheit. 

Studierende organisieren das Festival

Es ist ein langsamer Film und die Stühle werden unbequem. Niemand der Besuchenden, grösstenteils Studierende und Wissenschaftler*innen, wendet aber den Blick von der Leinwand ab. Zwei Stunden lang ist es totenstill im Saal. Das Regard Bleu ist ein ethnografisches Filmfestival. «Dieses Jahr findet schon die 15. Ausgabe statt», erzählt die Studentin Katerina Vesela, die das Festival mitorganisiert hat. Alle zwei Jahre findet es im Ethnografischen Museum der Universität Zürich statt.

Dieses Jahr waren es sieben Studierende, die zusammen mit der Dozierenden Saada Elabed das Festival organisierten. Seit der ersten Ausgabe im Jahr 2001 war das Regard Bleu stets studentischen Produktionen gewidmet. «Im Rahmen des Seminars ‹Visuelle Anthropologie: ethnografisches Filmfestival Regard Bleu› haben wir uns alle zwei Wochen getroffen, um das Festival vorzubereiten», so Vesela. Visuelle Anthropologie gilt als Teilbereich der Ethnologie. Anhand von Fotografie und Film wird der Mensch in seinem kulturellen und sozialen Umfeld analysiert. «Wir haben dann die Ressorts aufgeteilt. Jede von uns hat also eine grössere Aufgabe übernommen, über die wir den Überblick behalten sollten.» Vesela war für das Catering zuständig. 

Mehr als nur Filmscreenings

Das Regard Bleu zeigt nicht nur verschiedene Filme; vielmehr will es eine kritische Auseinandersetzung mit audiovisuellen Methoden fördern. Es gehe beim Festival primär um den Austausch: «Die Filme sollen zu Diskussionen anregen; über sozialpolitische oder soziokulturelle Themen, Probleme und Phänomene», meint Vesela.

Diskutieren lässt sich besser mit Speis und Trank: Für die Zeit zwischen den Filmen steht den Besucher*innen der Garten vor der Villa zur Verfügung, mit einem kleinen Buffet und einem Foodtruck. Ausserdem finden zwei Workshops statt. Am Samstag wird dabei über den «ethnografischen Film» diskutiert, am Sonntag, beim zweiten Workshop, wird vor allem das Praktische vermittelt und die Besuchenden können selbstständig Sequenzen aufnehmen, welche im Anschluss besprochen werden. 

Vernetzen von verschiedenen Disziplinen

Am Filmfestival werden insgesamt  acht Filme gezeigt. Die Spannbreite reicht von Kurzfilmen zu Langfilmen, von Schweizer über deutsche ungarischen und russischen Produktionen. Dabei steht jeweils das Thema «People and Things» im Vordergrund. 

«Das Festival ist eine wunderbare Plattform, um Wissenschaftler*innen, aber auch Studierende miteinander zu vernetzen. Wir bringen Menschen mit Interessen an der visuellen Anthropologie zusammen», so Vesela. Stichwort Transdisziplinarität: «Ich denke, das wird auch in Zukunft immer wichtiger sein, dass man verschiedene Disziplinen miteinander vernetzt. So kommt man viel weiter, als wenn jeder individuell und isoliert forscht.»

Die Bedeutung von Erinnerung

«Was ist Erinnerung für dich? Welche Rolle spielt sie in deinem Film», fragt Saada Elabed am Ende des Films den Regisseur Baptiste Aubert. «Es geht darum, wie Menschen mit Objekten der Vergangenheit umgehen. Was behalten sie? Warum hängen sie an den Dingen? Das hat viel mit den Erinnerungen zu tun, die sie mit den Objekten verbinden.» meint Aubert.

Vesela nennt auf Saadas Frage einen Film: Thomas Heise, «Die Heimat ist ein Raum aus Zeit». Sie sagt: «Mir gefällt die Idee, dass Erinnerungen Räume sind, die wir betreten können.» Diese seien von Beziehungen mit Menschen, Tieren oder eben Dingen gefüllt. Die Filme, die am Regard Bleu gezeigt wurden, seien Räume, schliesst Vesela. Diverse Räume aus Zeit, welche die Besuchenden betreten könnten. «Ich finde das schön und interessant zu sehen, wie diese Räume betreten und wie dann über sie nachgedacht und gesprochen wurde – was letztendlich auch wieder eine neue Erinnerung erzeugt.»