Zürcher Studierendenzeitung

Désirée Wenger wollte ursprünglich Schauspielerin werden. Nach ihrem Anglistikbachelor an der Uni Zürich hat sie in London Regie studiert.
Désirée Wenger wollte ursprünglich Schauspielerin werden. Nach ihrem Anglistikbachelor an der Uni Zürich hat sie in London Regie studiert. zVg

Von der Uni in die Kulturpraxis

Zwei ehemalige Studierende der Uni haben sich nach ihrem Anglistikbachelor für einen künstlerischen Master entschieden. Ein Gespräch über die Reize und Herausforderungen in der lokalen Kulturbranche.

Andri, du hast im Hauptfach Anglistik und im Nebenfach Filmwissenschaft an der Uni studiert. Wie bist du zum Master Film Editing gelangt?

Andri: Erste Erfahrungen mit dem Medium habe ich nicht nur durch mein Nebenfach, sondern auch in einem Kurs in Englisch gemacht, in dem wir anstatt einer Präsentation einen Videoessay kreieren durften. Das hat mir extrem Spass gemacht und ich habe gemerkt, dass ich alleine durch die Kombination verschiedener Bilder viel erzählen kann. 

Du konntest neben deinem Studium bereits erste Erfahrungen in der Praxis sammeln – etwa in der Produktion der Schweizer Dramaserie «Neumatt». Wie ist es, in der Filmbranche zu arbeiten?

Andri: Plötzlich arbeitete ich mit einer professionellen Regie, Kameraleuten und Produzent*innen zusammen, die alle Anforderungen und ein grosses Wissen hatten. Anfangs haderte ich mit vielen Dingen, aber wenn man sie zum Funktionieren bringt, ist es umso schöner. Es ist ein riesiges Privileg, Teil eines routinierten Teams zu sein. 

Was sind mögliche Schwierigkeiten? 

Andri: Bei einer Serie hat man viele Protagonist*innen, die man dynamisch präsentieren muss. Das zu schaffen, war bei Neumatt eine Herausforderung. 

Gab es für dich Momente beim Editing, bei denen umdisponiert werden musste? 

Andri: Ja, natürlich. Ich habe noch nie an einem Film gearbeitet, bei dem das Drehbuch wirklich geradlinig verarbeitet wurde. Es ist ein Fundament, aber gleichzeitig auch eine Skizze. Beim digitalen Schnitt kann man dann viele Sachen ausprobieren, das ist im Gegensatz zum analogen Schnitt ein totaler Luxus. Ein bisschen wie beim Essay schreiben, wenn man sich überlegen muss, wie man seine Argumente aufs Papier bringt. Oft hilft das Umstrukturieren auch dabei, den Erzählbogen zu verbessern und die Höhenflüge und Tiefpunkte der Figuren zu unterstreichen. 

Wie war es, an der Zürcher Hochschule der Künste Film zu studieren?

Andri: Man kann in viele Genres reinschauen und mit Mitstudierenden zusammenarbeiten, sei es an Dokumentarfilmen, Spielfilmen oder anderen Gattungen. Die Kontakte, welche ich im Studium geknüpft habe, sind in der Arbeitswelt extrem wichtig, weil man sich gegenseitig unterstützt. Ich schätze es auch sehr, dass ich für eine professionelle Serie im Schweizer Fernsehen arbeiten durfte.

Désirée, du hast auch Anglistik studiert. Wie kamst du in die Theaterbranche?

Désirée: Ich wollte schon immer Schauspielerin werden und bin vor dem Studium sogar zu einigen Vorsprechen gegangen. Nach dem Zwischenjahr habe ich mich dann unter anderem für Anglistik eingeschrieben und entgegen allen Erwartungen wurde das mein Traumstudium! Ich fand es spannend, in Seminaren zu diskutieren und kritisches Denken zu lernen sowie einen Anstoss für den Umgang mit Theorien zu bekommen. Neben dem Studium habe ich immer noch sehr intensiv Theater gespielt, unter anderem bei den Blueprint Masquerades. Der Wunsch, in das Berufsfeld einzusteigen, kam erst wieder gegen Ende des Bachelors auf. Durch erste Hospitanzen am Theater Neumarkt und am Schauspielhaus wurde mir dann klar, dass ich mein Bachelorstudium auch als Grundlage für ein Studium im Bereich Theater nehmen kann, unter anderem, weil Theoriekenntnisse auch in der Kulturpraxis sehr nützlich sind!

Warum hast du dich dafür entschieden, in London Theater zu studieren?

Désirée: Ich wollte ein Studium, welches praxisorientierter ist. Weil ich schon damals eine Affinität für das Theaterschaffen in England hatte, habe ich mich auf ein Regiestudium an der Mountview Academy beworben, welches auf Musicals spezialisiert ist. 

Wie war es, dort zu studieren?

Désirée: Anfangs wurde das Leben und auch das Studium durch die Pandemie stark beeinträchtigt. Allgemein hat das Theater in London eine andere Stellung als im deutschsprachigen Raum: Es gibt eine andere Auffassung davon, was Theater kann und muss. Neben grossen Häusern wie dem National Theater gibt es unzählige kleinere Theaterhäuser und es existiert ein richtiger Stolz auf den Bereich. Das kam mir sehr befreiend und inspirierend vor.  

Wieso bist du nach dem Studium nicht in England geblieben? 

Désirée: Ich habe sehr früh ein Jobangebot in Bern bekommen. Weil ich keinen britischen Pass habe und somit Schwierigkeiten mit dem Visum gehabt hätte, habe ich dieses angenommen. Dass mein soziales Umfeld in der Schweiz ist, machte die Entscheidung einfacher. Natürlich war auch die Angst vor Arbeitslosigkeit durch Corona ein Faktor.

Désirée und Andri, welche Herausforderungen gibt es in euren Bereichen? 

Andri: Man konzipiert natürlich vieles zu zweit und muss sich auf andere Blickpunkte einlassen.

Désirée: Es kommt auf den Raum an und darauf, ob man an einem Theaterhaus oder in der freien Szene arbeitet. Als Regieassistenz arbeitet man oft in einer Burnoutkultur. Man navigiert unterschiedliche Anforderungen aus verschiedenen Bereichen und muss mit allen kommunizieren. Gleichzeitig muss man sich aber auch selbst schützen und Grenzen ziehen. 

Was wünscht ihr euch von der Kulturbranche in Zukunft? 

Andri: Ich bin privilegiert genug, in einer Produktionsfirma zu arbeiten, in der feste Arbeitsstunden ein Standard sind. Natürlich sieht man, wie schwierig es ist, einen guten Film zu machen. Momentan bin ich jedoch sehr glücklich, in Zürich arbeiten zu können, und kann nicht viel kritisieren! 

Désirée: Ja, die eher technischen Berufsfelder in der Kunst sind teilweise sehr gut geschützt. Wenn ich mir anschaue, was sich in der Theaterbranche alles ändern müsste, wäre das vor allem der Lohn. Auch die Burnoutkultur muss angegangen werden. Alle brauchen mal eine Pause, das ist menschlich. Schliesslich benötigt es noch Arbeit gegen Rassismus und Sexismus; beides findet oft unterbewusst statt. Der allgemeine Respekt vor dem Menschen muss wieder steigen!

Andri Erdin

Andri arbeitet als freischaffender Filmeditor, momentan für die 2. Staffel von «Neumatt» bei der Produktionsfirma Zodiac Pictures. Nebenbei arbeitet er im Schauspielhaus Zürich. Er hat einen Master in Film Editing an der Zürcher Hochschule der Künste gemacht.

Désirée Wenger 

Désirée macht zurzeit eine Weiterbildung in «Intimacy Coordination» in New York. Daneben arbeitet sie als freischaffende Regisseurin und Regieassistentin. Sie hat einen Regie-Master in London absolviert.