Zürcher Studierendenzeitung

Er schmeisst den Laden mit Marco Uhlig: Samuel Rensing vor dem «Kweer».
Er schmeisst den Laden mit Marco Uhlig: Samuel Rensing vor dem «Kweer».

Safer Space mit Tradition

Das «Kweer» lässt den Spirit der ältesten Queerbar Europas wieder aufleben.

Wenn man das «Kweer» betritt, sieht man sofort: Man soll sich hier wohlfühlen. Zwischen samtbezogenen Sesseln, genderneutralen Toiletten und einigen Bücherregalen fühle ich mich wie im Wohnzimmer der Zukunft. Seit Oktober betreiben hier zwei Unternehmen gemeinsam das Lokal. Tagsüber bietet das Vicafe Kaffeespezialitäten und Gebäck an, abends führen Samuel Rensing und Marco Uhlig den Laden als Bar.

Der Name «Kweer» kommt nicht von ungefähr: Es soll ein Ort der Zuflucht und des Austauschs für queere Menschen aus allen Bereichen des Lebens entstehen. Damit wollen die Betreiber an die Geschichte des Lokals anknüpfen: Einst war der Barfüsser hier zu Hause, die älteste Schwulen- und Lesbenbar Europas. Den Geschäftsführern ist die Geschichte des Ortes sichtlich wichtig. Zwischen Tresen und Wandgemälden hängen Fotografien von Liva Tresch, einer der bekanntesten lesbischen Fotografinnen der 60er-Jahre; gleich daneben in Gold gerahmt ein Resumée der Geschichte des Barfüssers.

In den Fussstapfen der Barfüsser-Bar

Ich besuche Rensing in der Woche vor der offiziellen Eröffnung. Während er Comics ins Bücherregal einräumt, erzählt er mir die Geschichte des historischen Ortes.  Im August 1956 öffnete das Lokal unter dem Namen «Barfüsser» erstmals seine Türen. Die damaligen Betreiber*innen stellten einen schwulen Kellner ein, der aufgrund seiner sexuellen Orientierung nirgendwo sonst einen Job fand. Dies erwies sich als glückliche Fügung: Mit ihm kamen immer mehr queere Leute ins Lokal und machten es zum Treffpunkt für Homosexuelle schlechthin. Doch schon 1960 wurde die Community hart getroffen: Zwei schwule Stricher wurden ermordet. Die Öffentlichkeit interessierte sich wenig für die Schuld der Mörder, vielmehr stand die Homosexualität der Opfer im Fokus. Die Opfer-Täter-Verhältnisse wurden umgekehrt und einer der Mörder gar freigesprochen.

Es folgten Jahre der Repression. Grossangelegte Razzien, gezielt auf Treffpunkte wie den Barfüsser. Auch ein Schwulenregister und eine Ausweisungspflicht terrorisierten die queere Gemeinschaft der Stadt. «Damals musste man 21 Jahre alt sein, um schwul sein zu dürfen», erzählt Rensing aufgebracht. Doch gerade die junge Kundschaft liess sich nicht vom Feiern abhalten und schon gar nicht die Freiheit nehmen. So kam es, dass nach einer Entspannung der Polizeigewalt in den späten 60er-Jahren die Barfüsserbar als Treffpunkt für queere Menschen bestehen blieb. Und das über 30 Jahre lang, bis in die späten 90er-Jahre. Danach konnte der Barfüsser die queere Kundschaft nicht länger halten, und da man im historischen Gebäude nicht kochen darf, entschieden sich die Betreiber dazu, Sushi zu verkaufen. «Man muss sagen, sie haben gutes Sushi verkauft. Aber der queere Aspekt ging damit leider verloren», sagt Rensing.

Ein Ort, wo man sich selbst sein kann

Oberstes Ziel der Bar «Kweer» ist es, den «Spirit» der frühen Sechzigerjahre wieder aufleben zu lassen. Das traditionsreiche Lokal soll erneut Treffpunkt für Queere werden – für junge und alte Queere. Rensing ist sich sicher: «Auch wenn die Gesellschaft heute bereits relativ fortgeschritten ist, bleibt es für junge queere Leute eine Herausforderung, herauszufinden, wer sie sind. Dafür brauchen die Betreffenden und einen Ort, an dem sie sich selbst sein können, ohne sich fragen zu müssen, was andere von ihnen halten.» Rensing und Uhlig hoffen auf den Erfolg des «Kweer». Für mindestens 10 Jahre würden die beiden gerne bleiben. Das neue Kapitel dieses traditionsträchtigen Ortes hat erst begonnen.