Zürcher Studierendenzeitung

Mit halbem Fuss in der Zukunft

Die Uni Zürich zögert mit Klimapolitik. Die Leuphana Universität Lüneburg macht es anders.

In der Verfassung des Kantons Zürich, im Universitätsgesetz, in der Universitätsordnung und im Leitbild der Uni Zürich: In ihnen allen finden sich Verweise auf die ethische Verantwortung des Staates und seiner Institutionen. Hervorgehoben werden auch die Folgen, welche deren Handeln auf Tiere, Natur und kommende Generationen haben. Die Universität Zürich ist somit verpflichtet, Nachhaltigkeit in Betrieb, Forschung und Lehre zu fördern. Laut Daniel Müller Nielaba, Professor für Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft an der Uni Zürich und ehemaligem Studiendekan der Philosophischen Fakultät, hat die Hochschule der Nachhaltigkeitsfrage aber noch aus einem weiteren Grund Rechnung zu tragen: «Alle Institutionstheorien, die ich kenne, besagen, dass manche Institutionen – und darunter gehören die Universitäten – in Bezug auf ihren Umgang mit Wissen eine besonders hohe Aufmerksamkeit erwecken.» Eine Universität habe also, ob sie das wolle oder nicht, eine Vorbildsfunktion.

Nimmt die Uni Zürich diese ernst?

Seit 2014 führt die Hochschule ein Nachhaltigkeitsteam und eine dazugehörige Komission. 2019 wurde zusammen mit der Unileitung die sogenannte Sustainability Policy verabschiedet – eine Verordnung mit verbindlichen Zielen und Anweisungen an alle Fakultäten bezüglich Nachhaltigkeitsforschung und der Verminderung von CO2-Emissionen. So will man bis 2030 klimaneutral sein. Ihre Treibhausgasemissionen hat die Uni seit 2008 bereits um nicht unbeeindruckende 38 Prozent gesenkt. Und trotzdem haben es die aktuelleren Zahlen in sich: 2018, bevor die Pandemie den Betrieb einschränkte, wurden 20’000 Tonnen CO2 verursacht. Mit 6’545 Tonnen entstanden rund ein Drittel davon durch Flugreisen der Mitarbeitenden und eingeladenen Gästen.

Die Unileitung möchte die Flugemissionen bis 2030 um mindestens 53 Prozent senken. In der Umsetzungsstrategie der Policy stehen dazu Sätze wie: «Die Universitätsleitung beauftragt die Fakultäten und Organisationseinheiten zur Setzung periodischer Ziele, um diese Treibhausgasemissionen zu reduzieren.» Viel konkreter wird es nicht. Mit anderen Worten: Die Unileitung schiebt die Verantwortung nach unten ab.

«Die Uni schafft ihre eigene wissenschaftliche Legitimität ab.»
Daniel Müller Nielaba, Professor für Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft

Ina Schelling war bis im Sommer 2022 eine von zwei Vertreter*innen der Studierendenschaft in der Nachhaltigkeitskommission. Sie bestätigt: «Von der Unileitung wird oft an die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden und Studierenden appelliert – Eigenverantwortung allein funktioniert in unserer Gesellschaft aber einfach nicht. Sonst hätten wir schon vor 20 Jahren bessere Lösungen gehabt.» Ähnliche Worte lässt Kai Niebert verlauten. Er ist Professor für Fachdidaktik Naturwissenschaften und vertritt in der Nachhaltigkeitskomission die Philosophische Fakultät. Diese hat kürzlich eine obligatorische Abgabe von mindestens 130 Franken auf jeden Flug beschlossen. Aber: «Aus der empirischen Forschung wissen wir, dass ein Fokus auf Instrumente wie Abgaben die Emissionen bis 2030 nie in der notwendigen Art  senken werden.» Dafür müssten wir – müsse die Unileitung – konsequenterweise auch überlegen, wo Dozierende oder Partneruniversitäten gewonnen würden. Denn je nach Auswahl dieser Partner*innen verlängern oder verkürzen sich die entsprechenden Flüge.

Keine verbindliche Sanktionen

Der Unwille der Unileitung, konkretere Massnahmen zu bestimmen, zeigt sich in zahlreichen Paragraphen der Umsetzungsstrategie. Auch der «Nachhaltigkeit des Verpflegungsangebots» sind einige Absätze gewidmet – für Fleisch betriebene Tierhaltung schadet dem Klima bewiesenermassen stark. Doch auch hier wird das Problem nicht an der Wurzel gepackt. Müller Nielaba versucht dies zu veranschaulichen. Er trägt ein klimafreundliches Nikin-Shirt als er mit den Händen auf das vor ihm liegende Blatt deutet: «Menüplan der unteren Mensa diese Woche: Täglich drei Mittagessen, zwei davon fleischbasiert. So schafft die Uni ihre eigene wissenschaftliche Legitimität ab.» Bei Vorschlägen zu Massnahmen sehe sich, wer institutionell Verantwortung übernehmen möchte, von Seite der Unileitung oft dem Vorwurf des ideologischen Denkens ausgesetzt.

Und was hindert die Uni daran, Flugreisen mehr einzuschränken? «Es ist darauf zu achten, dass die (…) Freiheit der Forschung und Lehre (…) nicht tangiert werden», heisst es in der Policy. Dabei geht es wohl um die Angst vor einem Verlust der Konkurrenzfähigkeit in der Forschung. Doch weder Müller Nielaba noch Niebert sehen darin eine reelle Gefahr. Gemäss Policy will die Uni die verursachten Emissionen nur um 50 Prozent senken. Der Restschaden soll durch Forschung und Lehre zur Bekämpfung des Klimawandels ausgeglichen werden. Doch Niebert sieht auch hier zu wenig Handlungswille: «Um die Uni Zürich zu einem Ort zu machen, der für und von Nachhaltigkeit lebt, kann es nicht darum gehen, ein paar zusätzliche grüne Angebote zu schaffen, um das Lehrangebot zu füllen.» Nein, in jeder Lehrveranstaltung und in jedem Forschungsprojekt sollte ein Bezug zu mindestens einem der 17 Ziele für nachaltige Entwicklung der Vereinten Nationen hergestellt werden.

Nachfrage bei Gabriele Siegert, Vize-Rektorin der Uni Zürich: Genügen die beschlossenen Massnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität 2030? Was wäre das Problem einer zentral gesteuerten Policy? Und kommt die Uni ihrer Vorbildsfunktion nach, wenn sie die Betriebsemissionen nur um 50 Prozent senkt? «Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Jede Antwort darauf wäre Spekulation.» Verbindliche Massnahmen oder Sanktionen bei Nichterreichen der Ziele bis 2030 sind nicht vorgesehen. Chancen auf Besserung sehen Schelling und Müller Nielaba aber beide. Ihr Schluss: Die Unileitung muss mehr Verantwortung übernehmen. Die Studis sollten aber ihre Einflussmacht nicht unterschätzen.

Seit Beginn dem Klima verschrieben

Während manche Hochschulen dem Thema Nachhaltigkeit halbherzig entgegenblicken, hat eine Universität unweit der Lüneburger Heide in Deutschland die Dringlichkeit des klimafreundlichen Handelns bereits vor 16 Jahren erkannt. Lüneburg ist Sitz der Leuphana Universität. Sie zählt zu den mittelgrossen öffentlichen Universitäten in Deutschland. 1946 als Pädagogische Hochschule gegründet, wurde darauf eine Stiftungsuniversität, die sich seit 2003 nicht mehr in direkter Trägerschaft des Landes Niedersachsen befindet. Mit Hinblick auf den gesetzlichen Auftrag des niedersächsischen Landtags wurde die Leuphana zur Modelluni für den Bologna-Prozess. Sascha Spoun, Wirtschaftswissenschaftler und Präsident der Leuphana, gestaltet den nachhaltigen Kurs der Universität seit 2006 bedeutend mit. «Wir brauchten ein Konzept, das uns von den anderen 85 Universitäten in Deutschland unterscheidet», sagt Spoun. «Zu Beginn haben wir darüber nachgedacht, welche Themen für die Zukunft wichtig sein könnten, und haben dabei die Nachhaltigkeit als solches erkannt.»

Seit den 1990er-Jahren beschäftigt sich die Forschung an der Leuphana mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit. 2007 hat sie den nächsten Schritt gewagt: Die Unileitung will Forschungs- und in Seminaren ausgearbeitete Ergebnisse von Studierenden praktisch umsetzen. Und «ausgehend von gesellschaftlichen Fragestellungen die Verantwortung unserer Generation durch konkrete Forschungsprojekte erfahrbar machen», so Spoun. Im selben Jahr formuliert die Leuphana das Ziel der Klimaneutralität. Sieben Jahre danach gilt die Leuphana als erste Uni weltweit, die rechnerisch klimaneutral ist. Doch was heisst das? Die einbezogenen Emissionsquellen werden in drei Scopes unterteilt: Kategorisch fällt der Bereich «Dienstfahrzeuge» in Scope 1, «Strom-, Wärme- und Kälteverbrauch» in Scope 2 und «Dienstreisen, Papier, Abfall, Essen in der Mensa und Wasser» in Scope 3. Das Ergebnis der rechnerischen Klimaneutralität ergibt sich daraus, dass die Schadstoffbilanzen ausgeglichen werden, indem die restlichen Emissionen an anderer Stelle im Unibetrieb eingespart werden.

«Über Verbote jeglicher Form schafft man Zwang. Dies kann zu Anpassung führen, aber das ist nicht Teil unserer demokratischen Verfassung.»
Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg

In einigen Bereichen ist die Leuphana bereits vollständig klimaneutral. Andere Bereiche des Scopes 3, etwa Emissionen durch Pendelfahrten der Beschäftigten und Studierenden können noch nicht vollständig innerhalb des Scope 3 kompensiert werden. Die Pendelfahrten machen gemäss Nachhaltigkeitsbericht der Uni 2022 den Hauptteil der CO2-Emissionen für Scope 3 aus. Denn die Züge würden nicht mit Ökostrom betrieben. Um den Energieverbrauch zu senken, liefert ein Blockheizkraftwerk auf dem Campus seit 2014 Wärme aus regenerativer Energie. Ausserdem erzeugen Solaranlagen auf Campusgebäuden zusätzlich Strom, der bereits 25 Prozent des jährlichen Bedarfs abdeckt. 

«Über Verbote jeglicher Form schafft man Zwang. Dies kann zu Anpassung führen, aber das ist nicht Teil unserer demokratischen Verfassung», findet Spoun. Im ersten Semester wird erwartet, dass alle Studierende das Modul «Wissenschaft trägt Verantwortung: Verantwortung und nachhaltiges Handeln im 21. Jahrhundert» besuchen und in diesem Rahmen diverse Nachhaltigkeitsprojekte durchführen. Das eigentliche Fachstudium beginnt für Studierende an der Leuphana erst im zweiten Semester. 

Die Leuphana hat sich schon in den Neunzigern mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz befasst, als beide Themen in der Öffentlichkeit noch nicht angelangt waren. «Jede Veränderung wirft kritische Fragen auf», sagt Spoun über die anfängliche Skepsis gegenüber der Uni. Und erklärt: «Wir haben sehr früh eine starke Priorität auf eine nachhaltige Energieproduktion und auf eine Reduktion des Energieverbrauchs gesetzt, weil wir es in der Universitätsleitung für wichtig erachtet haben, dass man als öffentliche Einrichtung eine Vorbildfunktion einnimmt.»

Die Leuphana hält seit der Gründung an ihren Werten fest und zeigt, dass es Durchhaltevermögen braucht, um einen Unibetrieb vollständig klimaneutral zu gestalten. Vor zehn Jahren versuchte die Unileitung erfolglos, ein von Studis entwickeltes Projekt umzusetzen. Es sollte künftig hauptsächlich vegetarisches Essen in der Mensa angeboten werden. «Der Gebrauch vom vegetarischen Essen war so gering», schildert Spoun. Doch er berichtet auch von einer deutlichen Bewusstseinsänderung, die er die letzten Jahre beobachten konnte. «Da haben wir von der Unileitung gesagt: Das ist jetzt ein guter Moment, es erneut zu versuchen.»