Zürcher Studierendenzeitung

Durchschnittlich

Kolumne

In der Familie wird die Verrücktheit sichtbar. Und in reichen Familien stolz präsentiert. Seit ich als Kind allen erzählt habe, dass ich Schriftstellerin werden würde, schlagen mir meine Verwandten regelmässig vor, eine Familienchronik zu schreiben. «Stell dir vor, wie spannend das wäre! Der junge Mann, der ganz allein in die weite Welt zieht und ein Familienunternehmen gründet.» Stimmt eigentlich, und noch spannender wären die Scheidungen, Gerichtsklagen zwischen Geschwistern und Sektenbeitritte. (Nicht zu reden vom Grössenwahnsinn, der auch mich, Schriftstellerin in spe, mehr als nur gestreift hat.) Dabei glaube ich, dass meine Familienmitglieder und ich einzeln betrachtet nur milde auffällig sind. Aber lass mal ein Dutzend Menschen mit denselben Macken einen Ruf und ein Vermögen teilen; im besten Fall fressen sie sich gegenseitig, im schlimmsten Fall den Rest der Welt.

So gesehen bin ich fast dankbar, dass wir zu chaotisch und impulsiv sind, um Geld und Einfluss zu horten. Seit keines mehr da ist, streitet sich meine Familie nicht mehr um Geld, sondern über den korrekten Aufbau von Ikea-Möbeln, und statt Beziehungen werden Coop-Märkli gesammelt. Und ich muss einsehen: Meine Familie und ich sind nicht besonders, sondern nur durchschnittlich verrückt.