Zürcher Studierendenzeitung

Ein neues Projekt will mit Gesprächen Brücken bauen, um die Gräben in der Gesellschaft zu überwinden.
Ein neues Projekt will mit Gesprächen Brücken bauen, um die Gräben in der Gesellschaft zu überwinden. Selma Hoffmann

Wir müssen reden

Eine Denkfabrik will die Spaltung der Gesellschaft überwinden – und setzt dabei auf Vieraugengespräche.

Sie konfrontieren, fordern und brechen mit sozialen Strukturen: Die Organisator*innen von Pro Futuris schaffen mit der jüngst lancierten Offensive «Lasst uns reden» Raum für konstruktive Streitgespräche und üben die Gesellschaft darin, Differenzen auszuhalten. Sie appellieren an Verständnis statt Schlagabtausch, Gespräche statt Vorurteile. Die Vision: Eine zukünftige Demokratie, die resilienter, handlungsfähiger und lebendiger ist. 

Gespräche mit Anleitung

Eine Vielzahl von Konfliktlinien durchzieht die Schweizer Gesellschaft. Das Ausmass der affektiven, sprich gruppenbezogenen Polarisierung in der Schweiz ist beunruhigend: Im Vergleich mit zwölf OECD-Ländern rangiert die Schweiz nach den USA an zweiter Stelle – dies folgt aus einer Harvard-Studie von 2021. Polarisierung sei aber nicht per se schlecht, meint Cécile Schluep, Junior Projektleiterin bei Pro Futuris, denn Meinungsvielfalt führe längerfristig zu besseren Lösungen. Hingegen schwächt ein polarisiertes System in Verbindung mit geringem Austausch zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen den gesellschaftlichen Zusammenhalt massgeblich. Die Folgen zeigen sich in der  angeschlagenen Kompromissfähigkeit und im Reformstau der hiesigen Politik.

Entsprechend sah die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft SGG Handlungsbedarf und lancierte im März dieses Jahres den «Think + Do Tank Pro Futuris». Das siebenköpfige «Zukunftslabor» will die Demokratie auffrischen – mit neuen inklusiveren Narrativen, moderneren demokratischen Teilhabemöglichkeiten und mit Dialogformaten, die Andersdenkende in Austausch bringen. Das erste Dialogformat «Lasst uns reden» soll die Schweizer Streitkultur wiederbeleben und Stereotypen abbauen. «Wir wollen der Gesellschaft eine Infrastruktur zur Verfügung stellen, wo sie kontrovers, aber konstruktiv streiten übt», erklärt Schluep. Ein Gesprächsleitfaden hilft, die Gespräche strukturiert und konstruktiv zu führen. Es gehe nicht um einen Schlagabtausch von Meinungen, der Fokus liege vielmehr auf dem aktiven Zuhören.

Vor allem Junge und Frauen unterrepräsentiert

Zuerst beantworten die Teinehmenden zehn Fragen zu aktuellen politischen Themen. Basierend auf den Antworten bildet ein Algorithmus Gesprächspaare, die sich in mindestens zwei Fragen uneinig sind. Von den 500 angemeldeten Personen trafen sich im August und September etwa 100 Gesprächspaare zu einem 90-minütigen Vieraugengespräch – wahlweise auf Zoom oder an einem selbst bestimmten Ort. Unterrepräsentiert waren dabei vor allem junge Menschen und Frauen: Der Altersdurchschnitt lag bei 50 Jahren, 67 Prozent waren Männer. 

Das ETH-Spin-off Policy Analytics misst vor, während und nach der Durchführung in drei Umfragen den Einfluss des Gesprächs auf die affektive Polarisierung und das Sozialkapital der Teilnehmenden. Die mediale Begleitung des Projekts könne ausserdem zu Spillover-Effekten führen, die Nichtteilnehmende beeinflussen, so Schluep. Ziel sei es, dass sich das Projekt verstetige, und beispielsweise an die Verwaltung oder eine Stiftung abgegeben werden könne. Dies hänge aber vom Erfolg des Projekts ab und werde sich in zukünftigen Auswertungen  herausstellen. Weitere Durchführungen des Dialogformats sind für Ende 2022 und nächstes Jahr vorgesehen. 

Die Offensive «Lasst uns reden» will durch die Konfrontation von Gegensätzen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Vielfalt stärken. Sie  ist vielversprechend und die Teilnehmenden bekunden die Bereitschaft zum kontroversen Austausch. Fraglich ist, ob der Wille zum Dialog auch auf gesellschaftlicher Ebene besteht. Das kleinformatige Experiment von Pro Futuris wird an sich wohl kaum gesamtgesellschaftliche Umschwünge bewirken. Aber wenn das Projekt Erfolg hat, lässt es die Gesellschaft wissen, wo sie ansetzen muss.