Zürcher Studierendenzeitung

Umfrage zeigt: VWL-Studis wollen neue Perspektiven

Die Wirtschaftsfakultät biete ein zu einseitiges Curriculum an.

«Vielseitig und fundiert»: So beschreibt die Universität Zürich ihr hauseigenes Studium der Volkswirtschaftslehre. Im Webseiten-Dschungel der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät spricht ein begeisterter Erfahrungsbericht vom «Facettenreichtum des VWL-Studiums». Der Verein Plurale Ökonomik Zürich, ein Netzwerk von über 550 Studierenden  und Ökonom*innen, kritisiert diese Selbstdarstellung grundlegend: Die Volkswirtschaftslehre werde von der Neoklassik dominiert und sei verschlossen gegenüber anderen Disziplinen und Theorien.

Dozierenden fehle das Fachwissen

Das unterstreichen die Ergebnisse einer neuen Umfrage des Vereins, die im August dieses Jahres erschien. 77 VWL-Studierende wurden zur Vielfalt der Lehre befragt. Das Ergebnis: Der Studiengang sei einseitig ausgerichtet und biete kaum Platz für Diskussionen und Reflexion. Ausserdem wünschen sich die Studierenden einen stärkeren Realitätsbezug des Gelernten.

Die Einseitigkeit des Programms stammt vor allem daher, dass grösstenteils die Theo- rien und Methoden der Neoklassik behandelt werden. Diese gehen davon aus, dass sich Märkte selber effizient und langfristig stabil regulieren. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass den Studierenden jedoch «unklar bleibt, welche Denkschulen gelehrt werden». Zusätzlich würden die Professor*innen sich von den Sozialwissenschaften isolieren und hauptsächlich auf die Erkenntnisse der Mathematik stützen. Einen Grund dafür sehen Melanie Senn und Diego Gehrig vom Verein im fehlenden Fachwissen der Dozierenden: «Wir haben keine Dozierenden, die ökologische oder feministische Ökonomik lehren könnten.» Auch die mangelnde Diskussionskultur spielt eine Rolle: 85 Prozent der Befragten würden mehr Raum für Diskussionen und Theorievergleiche begrüssen. Breite Unterstützung erfährt zudem die Forderung, dass sich die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät zur pluralen Lehre verpflichten soll. 

Doch die Studie hat auch ihre Mängel: Dadurch, dass der Verein Teilnehmende unter anderem über eigene Kanäle gesucht hat, könnten die Ergebnisse verzerrt sein. Sie ist zudem nicht repräsentativ, da nur circa zehn Prozent der Hauptfach-Studierenden an der Umfrage teilnahmen. «Sie bietet trotzdem wertvolle Einblicke», meint Senn. Das Ziel sei es gewesen, ein erstes, grobes Meinungsbild zu erhalten.

Repräsentative Umfrage nötig

Im Gegensatz zu den Ergebnissen der Umfrage beschreibt sich das Departement als multidisziplinär und innovativ. Studierende könnten die Lehre regelmässig durch «viel zu wenig genutzte», bestehende Kanäle wie die Lehrevaluation beeinflussen. Es scheint daher für Gehrig und Senn, als würden das Departement und der Verein den Begriff Pluralität unterschiedlich auffassen. Das Departement verstehe darunter «viele bearbeitete Themen». «Man ist aber weit davon entfernt, verschiedene Paradigmen, Methoden und Disziplinen miteinzubeziehen und selbstreflexiv zu arbeiten», kritisieren die beiden Studis. Trotzdem fand auch ein Umdenken statt: Zusammen mit dem Verein entstand 2018 zum Beispiel die Vorlesung «Plurale Ökonomik». 

Der Verein will gemeinsam mit dem Departement eine breiter abgestützte Umfrage durchführen. Diese soll eine grundlegende Debatte über die Zukunft der Lehre anstossen. Denn: «Kein Paradigma sollte so dominant sein, dass es die ganze Disziplin bestimmt», so Senn und Gehrig. Für Veränderung brauche es aber den Druck von Seiten der Studierenden.