Zürcher Studierendenzeitung

Ein seltenes Bild an der Uni: Studierende mit Kindern – sie stehen vor vielen Herausforderungen.
Ein seltenes Bild an der Uni: Studierende mit Kindern – sie stehen vor vielen Herausforderungen. Lisa Egger

«Ich hatte Angst, dass die Geburt auf meine Prüfungsphase fallen würde»

Fünf Prozent der Studierenden in der Schweiz haben Kinder. Wie helfen Uni und ETH den jungen Eltern?

Kein Babygeschrei im Vorlesungssaal, keine Kindertische in der Mensa und keine stillenden Mütter im Lichthof; Studierende mit Kindern scheinen an Universitäten eine Rarität zu sein. Und das, obwohl die Vereinbarkeit von Studium und Familie ein erklärtes Ziel der Gleichstellungspolitik der Zürcher Hochschulen ist. Im Verhaltenskodex «Gender Policy» der Uni, wo verschiedene Grundsätze der Chancengleichheit definiert werden, ist die Familienfreundlichkeit fest verankert. Wie schaffen es Studis, zwischen Seminararbeiten und Prüfungsstress ein Kind grosszuziehen? Und welche Hilfe bekommen sie dabei? Offizielle Zahlen oder Umfragen der Uni oder ETH über studierende Eltern gibt es nicht. Nur eine Studie des Bundesamtes für Statistik von 2020 bietet Aufschluss: Laut dieser sind 5,4 Prozent der Studierenden an Schweizer Hochschulen Eltern.

Einer von ihnen ist der 21-jährige Nici. Er ist Biologiestudent an der ETH und Vater einer eineinhalbjährigen Tochter, die er gemeinsam mit seiner Freundin grosszieht. Für ihn war klar, dass er Kinderwunsch und Studium vereinen möchte: «Ich habe Glück, dass ich so viel Zeit mit meinem Kind verbringen kann», sagt er. Während der Pandemie fand sein Studium online statt und bis heute werden alle Vorlesungen als Podcast angeboten. «Für mich ist es perfekt, denn so kann ich flexibel von Zuhause aus studieren, wodurch meine Freundin und ich uns die Kinderbetreuung viel besser aufteilen können», meint Nici. Dennoch sei seine Partnerin vorwiegend zuhause beim Kind, Zeit für einen fixen Job oder ein Studium bleibe ihr im Moment keine. 

Um die Vereinbarkeit von Familie und Studium zu erleichtern, kommen Uni und ETH den Studierenden mit Kindern in verschiedener Hinsicht entgegen. Eltern dürfen Urlaubssemester beantragen, die aber nicht an die reguläre Studiendauer angerechnet werden. So können sie sich ihrem Nachwuchs widmen, ohne in Zeitstress zu geraten. Ausserdem bieten die Hochschulen im Rahmen der Stiftung Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich (kihz) sieben Kitas mit Betreuungsplätzen an. 

Schwangere musste Prüfung schreiben

Die meisten Studierenden hätten Anspruch auf finanzielle Unterstützung, meint Geschäftsführerin Claudia Sigrist-Balsiger. Viel Wert wird bei der Kihz auf flexible Angebote gelegt. Denn eine gros-se Herausforderung für studierende Eltern sieht Sigrist-Balsiger in deren unberechenbarem Lebensrhythmus: «Selbst wenn die Betreuung gut organisiert ist, braucht es viel Flexibilität. Wenn Prüfungen anstehen, die Betreuungstage wegen des neuen Semesterplans geändert werden müssen oder das Kind krank ist, wird die Vereinbarkeit von Studium und Familie besonders anspruchsvoll.» 

Im Gespräch betont Nici oft, dass er sich in einer sehr privilegierten Situation sieht, denn das Paar erhalte regelmäs-sige Unterstützung von den Eltern. Der Student spricht mit grosser Begeisterung vom Vatersein, gleichzeitig empfindet er das Studium als wichtigen Ausgleich, der ihm ein Gefühl von Selbstständigkeit gibt. Nach der Geburt seiner Tochter hat er zwei Wochen Vaterschaftsurlaub erhalten, in denen er keine Praktika besuchen musste. Ansonsten hat sich an seinem Studi-Alltag nicht viel geändert. Doch für ihn ist klar: «Als Mutter wäre das Studieren bestimmt viel schwieriger.» 

Eine, die es vormacht, ist die 26-jährige Nuria. Sie ist Mutter eines 10 Monate alten Sohnes und Vollzeitstudentin. Ihr Jurastudium und die Kinderbetreuung meistert sie parallel und vorwiegend alleine, ihr Mann arbeitet 100 Prozent und kümmert sich abends und am Wochenende um den Kleinen. In dieser Zeit lernt Nuria für die Uni. Auch sie empfindet es als Erleichterung, grösstenteils online studieren zu können: «Schliesslich hätte ich während der Schwangerschaft zwischen den engen Vorlesungsbänken gar keinen Platz gehabt», gibt sie zu bedenken. «Ich hatte Angst, dass die Geburt meines Sohnes genau auf meine Prüfungsphase fallen würde. Zum Glück ging es zeitlich dann doch auf.» 

Tatsächlich hätte das ein Problem werden können. 2013 sorgte die Uni Zürich wegen eines Konfliktes mit einer schwangeren Studentin für negative Schlagzeilen. Eine werdende Mutter hatte damals versucht, eine Prüfung zu verschieben, die mit dem Geburtstermin ihres Kindes zusammenfiel – vergeblich. Darauf wandte sie sich mit Diskriminierungsvorwürfen an die Gleichstellungsabteilung, da ihr «das Weiblichste, das es gibt», zur Hürde gemacht wurde, wie es die Studentin damals beschrieb. Kritisiert wurde zudem, dass die Fakultäten sehr unterschiedlich mit Prüfungsverschiebungen bei Schwangerschaften umgingen. Seitens der Gleichstellungskommission der Uni hiess es dann, es müssten offizielle Regelungen gefunden werden. Was hat sich seither geändert?

«Es gab daraufhin eine Empfehlung des Rektors an alle Fakultäten, die immer noch Gültigkeit hat», sagt Tanja Neve-Seyfarth von der Abteilung für Gleichstellung. In der Empfehlung  werden alle Dekan*innen gebeten, den Studierenden entgegenzukommen und Verschiebungsgesuche einheitlich zu behandeln. Eine offizielle Regelung ist jedoch ausgeblieben. Noch immer gehen manche Fakultäten sehr kulant mit Verschiebungen um, während in anderen ein Studiumsunterbruch für werdende Mütter kaum zu umgehen ist. «Grundsätzlich kann man sagen, dass die Universität empfiehlt, individuelle Lösungen zugunsten der Studierenden zu finden», so Neve-Seyfarth. 

Austauschmöglichkeiten für Eltern fehlen

Auch Nuria ist mit ihrer Fakultät in Kontakt getreten, jedoch erfolglos. «Ich habe einen Dozenten gebeten, seine Vorlesungen als Podcast anzubieten, da ich als Mutter darauf angewiesen bin – vor allem, weil ich mein Kind da noch gestillt habe», erzählt Nuria. Dies habe ihn aber nicht interessiert. Davon und von einigen schlaflosen Nächten abgesehen, funktioniert das Doppelleben als Mutter und Studentin für sie relativ gut. Was ihr aber fehle, sei der Austausch mit anderen studierenden Eltern. «Ich würde mir von der Uni eine Plattform wünschen, wo man sich vernetzen könnte», so Nuria.

Hier könnte die Studierendenschaft der Uni Bern (SUB) ein Vorbild sein. Diese organisiert ein halbjährliches Treffen für studierende Eltern, wo diese sich über ihre Erfahrungen austauschen können. Ausserdem führte die SUB eine breite Umfrage durch, bei der Studierende mit Kindern ihre Anliegen teilen konnten. Da wurde unter anderem der Wunsch nach mehr finanzieller Unterstützung geäussert, beispielsweise durch eine Senkung der Studiengebühren.

Nuria wusste, dass sie trotz möglicher Hürden früh eine Familie gründen und ihre Karrierepläne deswegen nicht aufgeben würde. Dass hauptsächlich sie sich um Kind und Haushalt kümmert, soll sich nach dem Studium ändern. Dann möchte sie arbeiten und ihr Partner sich als Hausmann um die gemeinsame Familie kümmern. «Wenn man genug Unterstützung vom eigenen Umfeld hat, ist das Studium eine ideale Zeit für Kinder», findet die Studentin. Dafür ist die Flexibilisierung von Studium und Kinderbetreuung zentral. Dies wird durch verschiedene Angebote an Uni und ETH Zürich teilweise schon erreicht. In manchen Bereichen, wie dem Umgang mit schwangeren Studierenden, scheint die Familienpolitik der Zürcher Hochschulen aber noch in den Kinderschuhen zu stecken.