Zürcher Studierendenzeitung

Manche zahlen ein, andere können Geld beziehen: Das Projekt Ting funktioniert wie eine Versicherung.
Manche zahlen ein, andere können Geld beziehen: Das Projekt Ting funktioniert wie eine Versicherung. Sumanie Gächter

Grundeinkommen, aber nicht unbedingt

Im September stimmt Zürich über ein städtisches Pilotprojekt ab. Das Startup Ting zahlt bereits schweizweit Geld aus.

Eine Firma gründen, eine Weiterbildung machen oder dem Burnout mit einer Auszeit vorbeugen – grosse Vorhaben sind teuer und werden schnell existenzbedrohend. Das 2019 gegründete Projekt Ting ermöglicht seinen Mitgliedern, was das Schweizer Stimmvolk 2016 abgelehnt hat: Es zahlt ihnen ein Grundeinkommen zur finanziellen Absicherung und Unterstützung eigener Projekte aus. Finanziert wird es aus privater Hand, mit Geld von Mitgliedern für Mitglieder. Monatlich wird je nach Art der Mitgliedschaft ein Betrag von 10 bis 200 Franken eingezahlt. Im Gegenzug wird einigen Mitgliedern ein Grundeinkommen ausgezahlt, das grössere Projekte ermöglichen soll. Bei Ting heisst das «Weiterentwicklung».

Projekt deckt Lebenskosten in Zürich nicht

Das Startup Ting kann nicht allen Mitgliedern eine solche Weiterentwicklung garantieren. «Wir funktionieren ähnlich wie eine Versicherung. Wenn jedes Mitglied eine Auszahlung verlangte, würde das Geld nicht reichen», sagt Silvan Groher, Projektleiter von Ting. Das Projekt ist also stark darauf angewiesen, dass nicht nur Geld bezogen, sondern auch eingezahlt wird. So gibt es auch die Möglichkeit, mit der Mitgliedschaft «Enable» lediglich einzuzahlen, jedoch kein Geld zu beziehen. Die Zahl solcher Gönner*innen steigt stetig. Doch mit der Anzahl Gönner*innen nimmt auch die Anzahl Personen zu, die beitreten und sofort Geld beziehen möchten.

Besonders im zweiten Jahr nach der Gründung von Ting wurde dies vermehrt festgestellt. Daher haben die Projektleiter*innen dem Geldfluss Grenzen gesetzt: Während eines halben Jahres können monatlich 2’500 Franken bezogen werden. Dass diese Grenzen vertretbar sind, hat sich für die Gründer*innen in den letzten zwei Jahren bestätigt: «Die Höhe stimmt für uns so; das Existenzminimum in der Stadt Zürich ist mit 2’500 Franken im Monat sicher nicht erreicht, in einem Dorf im Jura dafür schon. Wir müssen schauen, dass das Geld allen zugutekommt.» 

Weiter ist ein Ting-Grundeinkommen an drei klare Kriterien gekoppelt: Das ausgezahlte Geld nennt sich zwar «Grundeinkommen», ist aber keinesfalls bedingungslos. Geld für ein Projekt erhält man, wenn das eigene Vorhaben «intrinsisch motiviert» ist, sich «positiv auf die Biographie auswirkt» und einen «Mehrwert für die Gesellschaft» hat. Damit Projekte richtig funktionierten, müsse eine nachhaltige Projektförderung sicherstellen, dass Anliegen aus eigenem Antrieb entstünden, so Groher. Es stellt sich dabei die Frage, was genau einen Mehrwert für die Gesellschaft darstellt.

Tings Grundeinkommen wurde auch als Burnout-Prophylaxe genutzt

Viele Weiterentwicklungen haben einen gesellschaftlichen Fokus: Es wird eine NGO gegründet, eine Stiftung für nachhaltige Agrarwissenschaft aufgegleist oder ein Aufklärungsbuch über das Leben mit einer Behinderung geschrieben. Laut Groher kann auch eine schwierige persönliche Situation schon Grund genug sein, die Bewilligung für das Grundeinkommen zu erhalten. So wurde Ting schon mehrmals von Menschen kontaktiert, die kurz vor einem Burnout standen. Das Grundeinkommen wirkte dann als Burnout-Prophylaxe. Denn das Projekt sei auch dafür da: «Bei manchen besteht eine Dringlichkeit, das ist total okay», sagt der Projektleiter. 

Mit diesen Kriterien soll auch der Missbrauch des Grundeinkommens zu puren Konsumzwecken verhindert werden. Laut Ting könne sich die Gesellschaft den Überkonsum schlicht nicht mehr leisten. Trotz der Limiten will das Projekt keine blosse Start-up-Finanzierungshilfe sein. Wichtig ist Ting, zu zeigen, dass dieses Geld Mut machen kann. Gegründet wurde das Projekt von demselben Verein, der sich aktuell in Schweizer Grossstädten für ein staatliches bedingungsloses Grundeinkommen einsetzt. 

Pilotprojekte nur bedingt vergleichbar

«Verein Grundeinkommen» steckt auch hinter dem Pilotprojekt, über das in Zürich am Abstimmungssonntag vom 25. September entschieden wird. Ist die Vorlage erfolgreich, sollen 500 Menschen über einen Zeitraum von drei Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten – im Gegensatz zu den bedingten Auszahlungen des Projekts Ting. Der Verein möchte aber  anhand von Ting zeigen, dass das bedingungslose Grundeinkommen durchaus ein realistisches Bestreben ist, auch wenn es wohl noch nicht mehrheitsfähig ist.

Den Pilotprojekten zum bedingungslosen Grundeinkommen wird oft unzureichendes Experimentdesign vorgeworfen, so auch jenem, das in Zürich ansteht. Empfänger*innen würden auf ein zeitlich begrenztes Grundeinkommen anders reagieren als auf ein unbefristetes, so der Vorwurf. Dasselbe kann man sich in Bezug auf Ting fragen: Kann ein privates Projekt, dessen Erfolg auf dem Wohlwollen zahlungskräftiger Mitglieder basiert,  Vorbild für ein staatliches Grundeinkommen sein? 

Fest steht: Ting hat in den Jahren seit seiner Gründung schon viele Projekte finanziert und neue Zukunftsaussichten ermöglicht. Die Stadtbevölkerung von Zürich entscheidet nun, ob ein staatliches Pilotprojekt weitere Einsichten in das Konzept Grundeinkommen ermöglichen soll.