Zürcher Studierendenzeitung

Jede Münze zählt: Für effektive Altruist*innen sind Spenden zentral.
Jede Münze zählt: Für effektive Altruist*innen sind Spenden zentral. Simone Stolz

Die Wohltäter*innen

Wie sollen wir die Welt verbessern? Eine junge Gemeinschaft sucht nach Antworten – und setzt dabei auf radikalen Utilitarismus.

In einem TED-Talk erzählt der Philosoph William MacAskill, dass der Mensch im Durchschnitt nie so viel Zeit und Geld zur Verfügung gehabt habe wie heute.  Jedoch hinke die ethische Entwicklung der finanzellen hinterher. Um das vorhandene Potenzial zu nutzen, fehle nur eines: «We need an ethical revolution!» Dafür hätten Kolleg*innen und er einen philosophischen Rahmen geschaffen und eine Gemeinschaft gegründet: den «Effective Altruism», kurz «E.A.». Die Gemeinschaft der effektiven Altruist*innen sucht Mittel und Wege, auf effiziente Weise möglichst viel Gutes zu bewirken. Ein Ableger davon ist an der Uni und der ETH Zürich aktiv.

Statt Grossmutter 40 Fremde retten

Mit Vernunft und Wissenschaft wollen die sogenannten E.A.s grosse Fragen beantworten: Was sind die dringendsten Probleme der Gegenwart? Was sind die Risiken der Zukunft? Und wie kann die Einzelperson am effektivsten zum Guten in der Welt beitragen? Seit der Gründung der Gemeinschaft stehen die Massentierhaltung, die Klimakrise und die Gesundheitsversorgung armer Länder im Mittelpunkt. Seit Neuem fokussiert sich die Community auch auf zukünftige Gefahren, wie etwa künstliche Intelligenz, Pandemien, das Risiko eines Atomkriegs.

Yilin Huang ist ETH-Studentin und eine von zwei Vorsitzenden von Effective Altruism Zurich. Zuerst erklärt sie, weshalb E.A. das Richtige tut: «Es geht darum, Probleme rational statt emotional zu gewichten.» Das bedeute, vom eigenen Umfeld zu abstrahieren. «Stell dir vor, neben dir liegt ein Kind mit gebrochenem Bein, du würdest Hilfe leisten. Wieso nicht dasselbe tun, wenn das Kind auf einem anderen Kontinent lebt?» Das Argument zielt darauf ab, uns gegenüber den Ärmsten der Welt moralisch zu verpflichten. Huang will mit einem weiteren Punkt überzeugen: «Der einzige Unterschied ist, dass dein Geldbetrag in ärmeren Ländern mehr bewirkt. Das Geld, das deine Grossmutter vom Krebs heilt, kann in manchen Ländern vierzig Menschenleben retten.»

Wir sollten laut Huang also zum Schluss kommen, dass es besser ist, vierzig Menschenleben zu retten als eines – auch wenn dieses eine Leben der Grossmutter gehört. In Huangs Argument zeigt sich die philosophische Basis des effektiven Altruismus: Der Utilitarismus. Eine ethische Theorie, die besagt: Von einer Reihe an Handlungsmöglichkeiten ist diejenige Handlung die beste, welche die grösste Summe menschlichen (oder tierischen) Wohlergehens mit sich bringt.

Die Karriere ethisch optimieren

Und wie helfen effektive Altruist*innen dem Kind in der Ferne? Sie sehen im Wesentlichen zwei Wege: Geld und Karriere. Sein Geld kann man an Hilfswerke und von Effective Altruism empfohlene Forschungsprojekte spenden; die eigene Karriere kann man auf Projekte, welche die Gemeinschaft  gutheisst, ausrichten.

Hier kommt der lokale «Hub» von Huang ins Spiel. «Wir beraten Studierende, die die Welt verbessern wollen. Dazu führen wir sie in den effektiven Altruismus ein. Und dann beantworten wir gemeinsam die Frage: Wie kannst du, mit deinen Talenten und Interessen, Gutes tun?» Das Ganze geschieht in einem sechswöchigen «Fellowship-Program» mit E.A.-Lektüre und Diskussionsrunden.

Die frischgebackenen effektiven Altruist*innen wissen danach, an wen sie ihr Geld spenden könnten. Zum Beispiel an die «Against Malaria Foundation», die Moskitonetze verteilt. Dabei wird das Spenden zum Sport: Es gibt E.A.s, die mehr als zwei Drittel ihres Einkommens an Hilfswerke abgeben. Und das «Time Magazine» schreibt, dass mehr als siebentausend E.A.s gelobt hätten, mindestens zehn Prozent ihres Einkommens zu spenden. Um jeden Dollar mit maximalem Effekt zu spenden, vergleichen und diskutieren E.A.s die Hilfswerke mit grösster Genauigkeit, oft entlang der Frage: Wieviele Menschen- oder Tierleben rette ich mit meinem Geldbetrag?

Auch die eigene Karriere kann ethisch optimiert werden. «Wir wollen Studierende inspirieren, ihre Karriere auf möglichst sinnvolle Art und Weise zu nutzen», erklärt Huang. Effective Altruism Zurich habe zum Beispiel eine Gruppe ins Leben gerufen, die über die Sicherheit künstlicher Intelligenz nachdenkt. Die Teilnehmenden würden motiviert, auch beruflich in diesem Feld zu forschen.

Verantwortlich für Trillionen Menschenleben

Die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz beschäftigt Huang sehr. Dass sich lernende Computer eines Tages der Kontrolle des Menschen entziehen könnten, besorgt sie. Damit ist sie nicht allein: Immer mehr E.A.s verschieben den Fokus von der Gegenwart in die Zukunft. «Longtermism» nennt sich dieses Denken. «Wir übertragen das Argument der Distanz auch auf die Zeit», erklärt die Studentin. Die Prämisse: Menschen wünschen ihren Kindern und Kindeskindern ein gutes Leben. «Dasselbe sollten sie zukünftigen Generationen wünschen», findet Huang. So sei ein menschliches Leben in tausend Jahren gleich viel Wert wie ein Leben heute.

Das heisst: Effektive Altruist*innen  halsen sich zunehmend auch die Verantwortung für Trillionen zukünftiger Leben auf. Und stehen damit vor Fragen wie: Ist es besser, jetzt tausend Menschen zu retten oder die Wahrscheinlichkeit einer Auslöschung der Menschheit um ein Zehntel Prozent zu verringern? Offensichtlich bereitet ein solches Dilemma Kopfzerbrechen. Doch wer glaubt, nicht weniger als das Schicksal der Menschheit zu bestimmen, muss damit wohl leben.

Altruistisch, aber zu kurz gedacht

Kommentar – Macht es Sinn, das Gute nur nach Zahlen zu bestimmen? Und haben E.A.s die besten Mittel gefunden, Gutes zu bewirken? Dagegen, die Welt alleine durch Hilfswerke zu verbessern, wiegt ein Einwand schwer. Er beginnt mit der Feststellung, dass westliche Firmen den globalen Süden nach wie vor massiv ausbeuten. Riesenkonzerne wie Glencore und Nestlé sind Ursachen bedeutenden Elends – möglich macht dies ein weitgehend unregulierter Markt. In diesem Kontext ist die Unterstützung durch Hilfswerke alleine ungenügend. Denn sie lindert oft nur Symptome. Die Ursachen von Armut und Ausbeutung müssen politisch bekämpft werden, zum Beispiel mit strengeren Gesetzen für Auslandsgeschäfte.

Doch leider lässt sich der Effekt politischer Massnahmen nicht so leicht in Menschenleben messen wie der Effekt verteilter Moskitonetze. Wie viele Leben wären durch die Umsetzung der Konzernverantwortungsinitiative gerettet worden? Die Frage ist einfach unsinnig. Das heisst: Die Folgen politischer Massnahmen sind im Rahmen des E.A.-Utilitarismus nicht abwägbar. Auch das objektive, wissenschaftliche Flair, das sich die Community gibt, beisst sich mit einer politischen Positionierung. Strukturelle Ansätze werden somit gar nicht erst in Betracht gezogen. Dies limitiert den Effekt des effektiven Altruismus erheblich.

Was die Zukunftsarbeit betrifft, verdienen effektive Altruist*innen Lob. E.A.s versuchen mit dieser Arbeit, eine Lücke zu füllen: die internationale Kooperation zur Sicherheit neuer Technologien. Ihre Sorgen sind Ausdruck dafür, dass hier noch viel geschehen muss. Es scheint klar, dass kein einzelner Staat die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz kontrollieren kann, geschweige denn Pandemien und Atomkriege. Aber das Zukunftsdenken ist  mit Vorsicht zu geniessen. Es ist sehr spekulativ: Kann man die Wahrscheinlichkeit einer Auslöschung der Menschheit berechnen? Und superphilosophisch: Ist eine moralische Verpflichtung gegenüber Nonexistenzen möglich? Auf diese Fragen müssen E.A.s sehr gute Antworten liefern, um nicht nur als spekulierende Technokrat*innen dazustehen.