Zürcher Studierendenzeitung

Unter dieser Stuckdecke dürfen Studis für 30 Franken im Jahr lernen.
Unter dieser Stuckdecke dürfen Studis für 30 Franken im Jahr lernen. Lisa Steurer

Die älteste Bibliothek Zürichs verleiht die neuste Literatur

Neuerscheinungen, viele freie Arbeitsplätze und zentral gelegen – das Literaturhaus Zürich hat viel zu bieten. Ich habe die Geschäftsführerinnen getroffen, um herauszufinden, ob der Besuch sich auch für Studis lohnt.

Zuerst bekomme ich von den Geschäftsführerinnen Gesa Schneider und Mirjam Schreiber eine kurze Führung durch das ganze Haus, angefangen in der Bibliothek im dritten Stock. Sie ist die älteste der Stadt Zürich und zeichnet sich durch den grossen Anteil an Gegenwartsliteratur in vier Sprachen aus. Besonders ist auch, dass die Bücher hier seit den 1830er-Jahren gesammelt werden und keines jemals weggeworfen wird – der historische Bestand ist enorm und es ist spannend zu sehen, was zum Beispiel vor hundert Jahren aktuelle Literatur war. Viele der Bücher sind weniger bekannt und daher in anderen Bibliotheken nicht aufzufinden. Nur die aktuellste Literatur wird im Bibliotheksraum ausgestellt, der ganze Rest befindet sich in einem riesigen Magazin im Keller mit angeschlossenem Bücherturm, der Teil des Hauses ist und nur von den Angestellten über einen separaten Lift betreten werden kann. Wichtig für Studierende: das gesamte Bibliotheksangebot ist mit Legi gratis und man braucht auch keine Mitgliedschaft. Wer sich also für zeitgenössische Literatur und Seltenheiten interessiert, ist hier am richtigen Ort. Die gewünschten Titel sucht man am einfachsten über das hauseigene Rechercheportal – der Link dazu ist auf der Webseite. Auf swisscovery.ch wird der Bestand zwar angezeigt, doch die Suche kann nicht auf die Bibliothek des Literaturhauses eingeengt werden. Wer es analog mag, kann sich auch an der Theke bei der Recherche helfen lassen.

Lernen mit Alteherren-Chick

Da das Literaturhaus ein Ort zum Lernen und Lesen in Ruhe sein soll, gibt es einen separaten «Debattierraum» für Pausen; hier darf gesprochen, gegessen und getrunken werden (geschmacklich akzeptablen Kaffee gibt es für 2,50 Franken). Im zweiten Stock ist dann der Lesesaal zu finden. Er wirkt elitär durch die Teppiche, die Säulen und die hohe Decke mit Stuckaturen – wie in einem alten, britischen Herrenhaus. Hier sitzen vor allem ältere Mitglieder hinter Zeitungen, es gibt aber auch einen grossen Holztisch mit circa zehn Arbeitsplätzen, an dem auch Studierende die Ehre haben zu sitzen. An diesem Dienstagnachmittag war nur ein Platz besetzt. Für die Studis ist jedoch noch ein anderer Raum vorgesehen. Hier gibt es leider keine Teppiche und Säulen mehr, dafür gleichaltrige Lernende, was durchaus zur Atmosphäre beiträgt. Um die dreissig Arbeitsplätze sind verfügbar (Steckdosen und WLAN sind vorhanden!) und im Vergleich zu einer Unibibliothek ist weniger Stress spürbar und es wirkt gemütlich und familiär. Das Problem: für Studierende kostet die Jahresmitgliedschaft immer noch 30 Franken, im Vergleich zu den sonstigen Preisen zwar wenig, aber es lohnt sich trotzdem, vor dem Kauf mal reinzuschauen. Für Bachelor- oder Masterarbeiten oder eine lange Lernphase ist die Mitgliedschaft aber sicher eine Überlegung wert, da es im Lesesaal laut den Geschäftsführerinnen praktisch immer genügend Plätze hat und bis um 21:30h geöffnet ist – sieben Tage in der Woche.

Chance auf Veröffentlichung

Nun zum Programm: bevor gleich alle abgeschreckt sind vom Wort «Lesung», einen Moment, bitte! Natürlich kommen hier Autor*innen und lesen Ausschnitte aus ihren Büchern vor. Wer aber gerne über aktuelle Themen diskutiert, andere Perspektiven hört und auch seinen Horizont erweitern möchte, ist hier ebenfalls nicht am falschen Ort. Neben den klassischen Lesungen gibt es nämlich sogenannte «Sofalesungen», die in Privatwohnungen stattfinden. Hier liegt der Fokus auf Debüts, was für Studierende, die selbst schreiben, eine Quelle der Inspiration sein kann. Für Schreibbegeisterte gibt es auch noch den allmonatlichen Schreibwettbewerb, der sich vor allem für professionelles Feedback lohnt. Gewinnen wird etwas schwieriger, da immer sehr viele Leute mitmachen – letztes Jahr waren es an die 2’000 eingeschickte Texte. Die auserkorenen Texte werden in einer Anthologie veröffentlicht und “gezielt an Medien und Verlage” geschickt, heißt es auf der Webseite.

Das Fazit? Ein Ja zum Bibliotheksangebot, da nichts gegen gratis Bücher spricht, vor allem nicht, wenn sie aktuell und selten sind. Ein etwas zögerliches Ja für die Jahresmitgliedschaft, da etwas zu Zahlen für uns Studis immer automatisch eine Hürde ist. Wer aber sowieso häufig in der Bibliothek sitzt und einen Tapetenwechsel braucht, der sollte auf jeden Fall mal reinschauen.

Die Webseite des Literaturhauses und das Rechercheportal findet ihr hier.