Zürcher Studierendenzeitung

Weil Autos im Kibbuz Ma‘agan Micha’el lange verboten waren, tuckern die Einwohner*innen in Golfwägen herum.
Weil Autos im Kibbuz Ma‘agan Micha’el lange verboten waren, tuckern die Einwohner*innen in Golfwägen herum. Lisa Egger, Kai Vogt

Zu Besuch im gelebten Sozialismus

In sogenannten Kibbuzim, sozialistisch geprägten Siedlungen in Israel, soll es weder soziale noch ökonomische Ungleichheit geben. Eine Reportage.

Im Zuge moderner Entwicklungen und Krisen wie der Globalisierung und dem Klimawandel hat die Frage nach der bestmöglichen Organisation der Gesellschaft eine kleine Renaissance erfahren. Grosse Konzepte wie Kapitalismus, Konsum und Eigentum sind heute wieder vermehrt im Gespräch, Alternativen und gar ein «System Change» werden diskutiert. Was das konkret bedeutet, bleibt oft unklar. Deshalb lohnt sich ein Blick nach Israel. Dort zeigt ein einzigartiges System, wie es auch anders geht.

«Die zentrale Idee ist das Teilen»

Der Kibbuz Ma‘agan Michael, eine ländliche Kollektivsiedlung, liegt nördlich von Tel Aviv, direkt am Meer. Hinter Avoca-doplantagen und Weizenfeldern befindet sich der Eingang zum Ort, der an einen Grenzübergang erinnert. Gleich dahinter teilt sich die Strasse. Eine führt zum Gewerbegebiet mit Fabriken, einer Farm und einer Fischzucht. Die andere geht zum Wohnquartier des Kibbuz, einfache Häuser, löchrige Wege, Palmen. Ein urtümlicher Charme prägt die Szenerie, sie erinnert an ein verschlafenes Dorf. Und doch ist vieles anders: Haustüren werden nur selten abgeschlossen, anstatt in Autos tuckert man in kleinen Golfwägen herum, manche barfuss und Bargeld gibt es nicht.

Die ersten Kibbuzim entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge einer zionistischen Bewegung jüdischer Immigrant*innen aus Osteuropa. Diese anfangs landwirtschaftlichen Kommunen bauten auf sozialistischem Gedankengut auf und prägten eine neue Lebensform, wo radikale soziale Gleichheit herrschte. Als Mitglied arbeitete man für das Kollektiv, Privateigentum besass man keines. Stattdessen wurden Essen, Kleidung und Unterkunft vom Kibbuz zur Verfügung gestellt, wobei jede*r genau gleich viel erhielt. «Die zentrale Idee dahinter ist das Teilen. Alle arbeiten hier, so viel sie können, und nehmen sich so wenig, wie sie brauchen», erzählt uns Oliver Stutz, langjähriges Kibbuzmitglied. Der gebürtige Schweizer zog mit Anfang 20 nach Israel, nun lebt er schon über 30 Jahre in Ma‘agan Michael. Im Gespräch mit ihm wird deutlich: Über die Zeit hat sich hier einiges verändert.

Die Radikalität ist gewichen und hat einem Kompromiss Platz gemacht. So werden den Mitgliedern heute möglichst viele Entscheidungsfreiheiten gelassen, wobei die Gemeinschaft nur noch einen Rahmen vorgibt, der den sozialen Charakter des Kollektivs erhalten soll. Anders als früher erhalten die Mitglieder für ihre Arbeit im Kibbuz einen Lohn, womit sie sich kaufen können, was sie wollen. Speziell bleibt, dass alle gleich viel verdienen, unabhängig vom Beruf. «Hier nennen wir es nicht Lohn, sondern Budget», erklärt Oliver. «Dieses hängt von der Grösse der Familie ab, aber nicht vom Job oder der Ausbildung.»

Gleiche Arbeitsteilung und Kinderbetreuung

Gleich verhält es sich mit der Aufteilung des Wohnraums, der nur dem Kibbuz gehört. Familien können in kleine Häuser ziehen, Einzelpersonen leben meist in Zimmern. Diese Bevorzugung von Familien sei auch immer wieder ein Streitpunkt, so Oliver. Durch die basisdemokratische Organisation des Kibbuz bleibt Kritik wie diese aber nicht im luftleeren Raum, sondern kann bei einem Komitee geäussert und unter den mehr als 2000 Bewohner*innen zur Abstimmung gebracht werden. Vor zwei Jahren ist dadurch das Verbot des Besitzes eines eigenen Autos abgeschafft worden. Das Carsharing-Angebot mit den Fahrzeugen des Kibbuz dominiert trotzdem noch.

Schlendert man durch die grüne Siedlung, fallen weitere Eigenarten auf: Es gibt einen eigenen Zoo, Sportplätze, ein Schwimmbad und das alles frei zugänglich. Ein Dorfplatz fehlt, dafür gibt es aber einen grossräumigen Speisesaal, in dem drei Mal am Tag von Angestellten ein Buffet für die Bewohner*innen bereitgestellt wird. Dieser Saal, wie auch die Wäscherei, wo alle Kleider des Kibbuz gewaschen werden, seien noch Relikte aus der Anfangszeit, so Oliver.

«Nur weil wir Kapitalist*innen sind, können wir uns den sozialistischen Lebensstil leisten»
Oliver Stutz, langjähriges Mitglied von Ma‘agan Michaʻel

Hintergedanke war dabei die Abschaffung jeglicher auf Geschlecht basierender Arbeitsteilung. Schon in den frühen Kibbuzim wurde die Gleichstellung zwischen Mann und Frau gelebt. Beide haben stets gleich viel gearbeitet. Eine stereotypische Aufteilung gab es nie – auch nicht bei der Kinderbetreuung, die seit jeher eine wichtige Rolle spielte. «Damals gab es die Kinderhäuser, wo alle Neugeborenen nach nur wenigen Woche abgegeben und mit den anderen gleichaltrigen Kindern von Erzieher*innen grossgezogen wurden», erinnert sich Oliver. Die Kinder konnten ihre Familien zwar immer besuchen, bei ihnen gewohnt haben sie aber nie. Auch diese Idee der extremen Kollektivierung hat sich im Laufe der Jahre gemässigt: Mittlerweile wachsen die Kinder bei ihren Familien auf. Doch das Angebot an Kinderbetreuung bleibt gross. 14 Kindergärten, Krippen und Horte zählt der Kibbuz heute – Dienstleistungen, welche die Eltern nichts kosten. So scheint der Ort besonders für Familien ein kleines Paradies zu sein.

Die Zäune und Eingangspforten um die Siedlung suggerieren es aber schon: Nicht jede*r ist hier willkommen. Um Mitglied zu werden, muss man hineingeboren werden, oder man heiratet sich ein. Über den vollständigen Beitritt wird dann von den anderen Mitgliedern abgestimmt. Zeigt man nicht genügend Engagement, könne es durchaus sein, dass man nicht aufgenommen werde, meint Oliver. Das Arbeitsethos sei immer noch gross. Bereits mit 13 Jahren ist es üblich, erste kleine Jobs im Kibbuz zu übernehmen. Auch an Feiertagen wird hier gearbeitet. Dabei sind die Hierarchien flach, in Führungspositionen wie der Kibbuzleitung wird alle vier Jahre rotiert, eine Elite gibt es nicht.

Wohlstand dank Plastikfabrik

Doch wie kann ein solch utopisch klingendes System tatsächlich funktionieren? Bei dieser Frage wird es pikant. Der Kibbuz als autarke, isolierte Siedlung zu sehen, wäre falsch. Im Gegenteil: Durch seine Vernetzung im In- und Ausland gehört Ma‘agan Michael zu den reichsten Kibbuzim Israels. Verantwortlich dafür ist die Plastikfabrik Plasson, die grösste Arbeitgeberin der Siedlung. Ihre Produkte werden in die ganze Welt exportiert und es existieren zahlreiche Tochterfirmen. Gerade diese Halb-Privatisierung sicherte über die Zeit das Überleben des Kibbuz, etwas, das vielen traditionellen Siedlungen nicht gelungen ist.

«Das Paradoxe ist: Nur weil wir Kapitalist*innen sind, können wir uns unseren sozialistischen Lebensstil leisten», meint Oliver lächelnd. Dies bedeutet aber auch, dass das langfristige Bestehen des Kibbuz stark von der wirtschaftlichen Entwicklung einer Firma abhängt. Das bringt Risiken mit sich. Solange es aber finanziell so gut funktioniert wie bis anhin, wird Ma‘agan Michael weiter als Beispiel dafür dienen, dass soziale und ökonomische Disparitäten überwunden werden können und Alternativen zur uns bekannten Konsumgesellschaft möglich sind. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort der begrenzten Möglichkeiten, ein gelebter Kompromiss mit einer Einzigartigkeit, die man erst versteht, wenn man ihn wieder verlässt.