Zürcher Studierendenzeitung

Wer glaubt an der Uni?

An den Zürcher Hochschulen gibt es sechs religiöse Organisationen für Studierende. Eine Übersicht.

«Auf der Suche nach dem Mehr im Leben»

Einige kennen wohl die Ruheoase direkt unter der Polyterrasse: den Garten des Aki. Die katholische Hochschulgemeinde wird seit 1918 von Jesuiten geleitet und bietet während des Semesters jeden Donnerstagabend Veranstaltungen an. Zuvor wird Gottesdienst gefeiert und gemeinsam gegessen. Daneben veranstaltet die hauseigene Nachhaltigkeitsstelle Anlässe wie das Repair-Café in der Nachhaltigkeitswoche oder das regelmässig stattfindende «Food Waste Zmittag». Im Aki treffen sich zudem die «magis»-Kleingruppen, wo spirituell suchende Studierende dem «Mehr» im Leben nachgehen. Dies in Form eines meditativen Tagesrückblicks und eines anschliessenden Austauschs. Mirjam Blatter ist langjähriges Aki-Mitglied und als studentische Mitarbeiterin angestellt. Sie sagt: «Das Aki lässt Raum zum Wachsen.» Ihr magis-Gspänli Aline Züger bekräftigt: «Ich habe zu Beginn meines Studiums einen christlichen Ort gesucht. Beim Aki blieb ich hängen.» Sie schätze die Offenheit der Diskussionen. «Hier darf ich eine eigene Meinung haben.» Das traditionsreiche Haus, welches bis Ende 2022 im Umbau ist, und der lauschige Garten stehen allen Studierenden offen zum Lernen, Diskutieren, Essen oder Vertiefen der eigenen Spiritualität.

«Tief glauben, weit denken»

Lange gibt es auch schon den «christlichen Hochschulverein Zürich», der Teil der «Vereinigten Bibelgruppen» (VBG) ist. Darin setzen sich seit 1949 christliche Studierende konfessions-übergreifend für die Vereinbarkeit von Glaube und Wissenschaft ein. In Zürich findet jeden Dienstagabend der «Treffpunkt» in der Friedenskirche neben der Polyterrasse statt. Neben Bibelabenden mit Musikdarbietungen gibt es Themenabende mit Expert*innen-Vorträgen, die von Ethik im Alltag über die Vereinbarkeit von Evolution und Schöpfung bis hin zu historischen Aufarbeitungen der Bibel reichen. Die Regionalleiterin für Zürich Mirjam Grauli sagt: «Unser Ziel ist es, Leute in ihrem Glauben zu begleiten und herauszufordern.» Den ETH-Masterstudenten in Molecular Health Sciences Nicola Marti, der lange für die Musik an den wöchentlichen Treffen verantwortlich war, freut, dass die VBG aktiv ins Unileben eingebunden wird. «Wir haben aber keine politische Agenda als Verein», betont er. Die VBG ist institutionell unabhängig und wird über Spenden und Mitgliederbeiträge finanziert. «Mir gibt mein Glaube Motivation, ein leidenschaftlicher Forscher zu werden, um anderen Menschen zu dienen», meint Marti. Was die VBG seiner Meinung nach auszeichnet, sind die breiten Schwerpunkte im Vergleich zu den individuell gestalteten Glaubensgemeinden wie etwa den Freikirchen.

«Grow Together in Faith»

Der konfessionsübergreifende christliche Studierendenverein «Campus Live» wurde 1977 gegründet und gehört zur Dachorganisation «Campus für Christus Schweiz», die aus der amerikanischen Bewegung «Campus For Jesus» entstand. Dessen Mitglieder finden sich regelmässig an «Community Nights» sowie an Treffen in Kleingruppen zusammen, um Freundschaften zu knüpfen und ihren Glauben zu vertiefen. Bei Campus Live sind Studis mit unterschiedlichen Hintergründen willkommen, wodurch der Horizont über die eigenen Glaubenserfahrungen erweitert wird. Neben dem Besprechen von Bibelstellen machen die Studierenden gemeinsam Musik oder sammeln Spenden für Geflüchtete. Der studentische Angestellte Jonathan Frei betont: «Alle sollen dort, wo sie individuell stehen, ein Stück näher zu Gott kommen.» Tabea Wolf, die auch bei Campus Live angestellt ist, unterstreicht: «Die Bibel zu lesen ist ein guter Weg, Jesus kennenzulernen.» Während man im Studium mit vielen Ansichten konfrontiert werde und es primär um Leistung und Wissenschaftlichkeit gehe, will Campus Live aufspüren, was wirklich wichtig sei im Leben. Frei dazu: «Was bringt mir Erfolg, wenn Freundschaften kaputt gehen oder plötzlich jemand stirbt? Wir wollen hoffnungsvolle Denkanstösse bieten.»

«Zwei Juden, drei Meinungen»

Der Verein jüdischer Studenten Zürich (VJSZ) wurde 2012 neu gegründet. Die Zusammenkunft jüdischer Studierender geht jedoch bereits ins letzte Jahrhundert zurück. Wie Co-Präsidentin Salome Ginsburg erzählt, war bereits ihr 96-jähriger Grossonkel ein aktives Mitglied. Der VJSZ richtet sich bewusst an Jüd*innen von unterschiedlichen Niveaus an Religiosität. «Wir wollen einen Ort bieten für Gespräche zu Religion, Kultur und Gemeinschaft», so Ginsburg. So bieten sie etwa aufwändig organisierte Veranstaltungen wie den dreitägigen «Shabbaton für Purim» an, wofür auch internationale Studis anreisen. Daneben organisiert der VJSZ informelle Abendessen, an denen einzelne Lektionen, sogenannte «Shiurim», besprochen werden. Diese Abende – vom Verein «Food For Thought» genannt – sollen einen konstruktiven und angeregten Austausch ermöglichen. Die Co-Präsidentin betont, dass die Devise stets sei, Raum für alle Meinungen zu lassen. Lachend offenbart sie: «In der jüdischen Community geben wir alle gerne unseren Senf zu Themen, daher mag ich das jüdische Sprichwort ‹Zwei Juden, drei Meinungen›. Das Essen sei jeweils koscher, so dass alle Jüd*innen von liberal bis orthodox teilnehmen können. Der Verein ist nicht von einer jüdischen Gemeinde gesponsert, was ihn unabhängig macht. Der VJSZ ist jedoch gut vernetzt und wird von der jüdischen Einheitsgemeinde, der Israelitischen Cultus Gemeinde Zürich, mit Räumlichkeiten unterstützt.

«Wir wollen offen für alle sein»

Die dritte Weltreligion an den Hochschulen ist der Islam. Dieser wird seit 2012 von der Muslim Students Association Zurich (MSAZ) repräsentiert. Die Vereinigung organisiert Community-Events wie Stammtisch-Abende und Sammelaktionen, was der Spendenpflicht von praktizierenden Muslim*innen entgegenkommt. Das Freitagsgebet im Uniturm, welches offen ist für Männer und Frauen, ermöglicht praktizierenden muslimischen Studis, nicht extra eine Moschee aufsuchen zu müssen. Daneben organisiert die Vereinigung etwa Anlässe zum gemeinsamen Fastenbrechen im gerade stattfindenden Fastenmonat Ramadan. Auch Vorträge werden angeboten. So soll der Austausch unter muslimischen Studierenden aller Glaubensrichtungen und jeglichen am Islam interessierten jungen Menschen gefördert werden. Das Vorstandsmitglied Mariam Ahmed hebt hervor: «Wir sind offen auch für non-Muslim*innen und nicht-Studierende». Der von der Universität akkreditierte Verein ist finanziell unabhängig von jeglichen politischen oder religiösen Institutionen und wird durch Mitglieder und Spenden finanziert. Es kommen im Schnitt 50 bis 70 Menschen an die sozialen Veranstaltungen, wo weder über Glaubensansätze noch über politische Kontroversen diskutiert wird. Ahmed meint: «Ich finde es schön, dass wir hier den Zusammenhalt betonen». Dennoch sei alles immer halal und alkoholfrei, so dass sich alle Studierenden wohlfühlen.

«Das Wohnzimmer der Uni»

Das Hirschli wurde 2017 als «neues Konzept» eröffnet. Das Café am Hirschengraben gehört zur reformierten Kirche des Kantons Zürich, doch es wirbt: «Das heisst nicht, dass wir regelmässige Gottesdienste oder Konfirmationsunterricht machen.» Viel eher sollen christliche «Kernwerte» die Atmosphäre des Hirschlis bestimmen. So stehen Kaffeetrinken und eine einladende Lernatmo- sphäre im Mittelpunkt. Die Leiterin Linda Blumer bietet stets ein offenes Ohr für die Anliegen und Ideen der jungen Menschen. Für sie stellt die Abgrenzung zu traditionell religiösen Tätigkeiten keine Säkularisierungsbewegung dar, sondern eine Anpassung an den Zeitgeist. «Das Hirschli soll mitgeprägt werden von unseren Nutzer*innen.» Daraus entstanden etwa Jamsessions von der eigens nach dem Ort benannten Band «The Deers», Karaoke- und Spieleabende oder Lesungen von neu publizierten Büchern. Wie Blumer bezeugt: «Unsere Stärken sind unsere Breite und Offenheit.» Vielen Besucher*innen des Cafés sei nicht bewusst, dass es sich um einen religiösen Ort handelt. «Wir merken, dass die Studierenden nach ihrem strengen Unialltag ein Bedürfnis nach weniger kopflastigen Themen haben. Mir ist es wichtig, diesen Bedürfnissen zu begegnen.» Sie ist überzeugt, dass die Besucher*innen bei religiösen Anliegen zu ihr kommen würden. «Die Ressourcen für spirituelle sowie interreligiöse Angebote wären grundsätzlich vorhanden.» Das Hirschli soll ein Ort sein, an dem zusammen gefeiert und getrauert werden könne. Daneben soll es auch erlauben, «einfach mal zu sein, wenn das Leben ganz normal ist». Lachend fügt Blumer hinzu: «Wie ein Wohnzimmer der Uni halt.»